Nerd sein - eine Frage der Hormone...

oder eine der Fingerlänge?

"Vielleicht kommt alles nur von den Drüsen", fragte sich Anfang der 1980er die Hauptfigur des Romans "Irre", die der Realität und Wahrheit verschiedener Lebenswelten - als Arzt in der Psychiatrie; Kultur hassend, bekämpfend und die bessere sehnsüchtig wünschend als Punk im anderen Nachtleben - mit unterschiedlichen Erzählweisen und einer adäquaten, teilweise knalligen Sprache auf die Spur kommen will. Für das "medizinische Kapitel" genügt ihm, mit comic-haftem "Schnapp" aufgemacht und beendet, die Drüsen-Hypothese. Vielleicht kommt vieles nur vom pränatalen Testosteronspiegel, wie die Berufswahl, fragen sich gegenwärtig Psychologen der Universität Konstanz. Auch bei ihrer Studie geht es um verschiedene Lebenswelten, die Methodik, sie zu erfassen, ist etwas knallig, unterschiedliche Erzählweisen ordnen sich der Messung unter; ob sie adäquat ist?

Jedenfalls führten die Ergebnisse der Studie die Wissenschaftler nach eigenen Angaben zur "Implikation", dass "wir keine Gleichverteilung der Geschlechter in Studiengängen oder Berufen erwarten können oder gar fordern sollten." Ist also, was Politik und Wirtschaft immer wieder fordern, mehr Frauen in naturwissenschaftlichen und technischen Berufen, vergeblich? Gegenwartspolitisch gewolltes Sonntagsgerede, das auf keine Realität bauen kann?

So zugespitzt formulieren es die Konstanzer Wissenschaftler nicht. Das gibt ihre Untersuchung Are occupational interests hormonally influenced? nun doch nicht her, sie geht aber deutlich in die Richtung, die bestätigt, was im gehobenen sozialpolitischen Jargon "Geschlechterstereotype" genannt wird: Männer sind eher technisch ausgerichtet und Frauen dagegen eher sozial engagiert.

Begründet wird das mit einer Korrelation, die einen Trend zeigt: Ein hoher vorgeburtlicher Testosteronspiegel geht mit einem erhöhten Interesse an technischen Fragestellungen einher und umgekehrt ein niedriger mit einem "erhöhten Interesse am Umgang mit Menschen", wie das Ergebnis der Studie mit über 8.600 Teilnehmern beschrieben wird. Der Verfasser, Benedikt Hell, schränkt die Tragweite der Ergebnisse aber etwas ein:

Die Korrelationen zwischen dem pränatalen Hormonspiegel und beruflichen Interessen sind zwar nur sehr geringfügig, lassen sich aber dennoch in signifikanter Höhe nachweisen

Eine differenzierte Betrachtung sei nötig; man könne nicht einfach auf den Einzelfall zurückschließen, rät Hell zur vorsichtigen Behandlung der Ergebnisse: "Es handelt sich um Tendenzen in einer großen Stichprobe."

Man hält sich also an wissenschaftliche Sorgfalt und Genauigkeit, heißt das. Allerdings unterliegen den Messdaten Annahmen, die an ein comic-haftes Fingerschnipp-Heureka-Moment denken lassen: "Wie ermitteln wir den vorgeburtlichen Testosteronspiegel?" "Ganz einfach: mit 2D:4D!"

Zur Zeit scheint es Mode zu sein, aus den Fingerlängen, vornehmlich aus dem Verhältnis von Ring- und Zeigefinger (2D:4D), möglichst abenteuerliche Ergebnisse hervorzuzaubern. Bei Männern ist normalerweise der Ringfinger länger, bei Frauen sind meist Zeige- und Ringfinger gleich lang. Menschen sollen im Mutterleib desto mehr Testosteron ausgesetzt gewesen sein, je länger ihr Ringfinger im Verhältnis zum Zeigefinger ist.Die Wissenschaft ist auf die Hand gekommen

Auch die Konstanzer Studie arbeitet mit der Fingermessung. Wissenschaftlich begründet wird das damit, dass "die Länge der Finger und der pränatale Hormonspiegel (...) durch die selbe Gensequenz bestimmt wird". So fand sich ein genau messbarer Indikator für den pränatalen Hormonspiegel, der dann mit den Berufen der 8.600 Studienteilnehmern ins statistische Verhältnis gerechnet wurde.

Das mutet wie Wissenschaft an, die dem Quantifizierungswahn verfallen ist, im Veröffentlichungszwangskorsett steckt und die Konkurrenz zu den "exakten" Naturwissenschaften falsch versteht. Eine gewisse Fallhöhe, wenn man die ambitionierte, übergeordnete Fragestellung der Fingerlängenmessungsmethode gegenüberstellt, ist jedenfalls nicht zu übersehen.

Wir haben uns gefragt, wie es zu den sehr stabilen, kulturübergreifenden Geschlechtsdifferenzen im sozialen Interesse und im technischen Interesse kommt. (...) Ist dies alles nur Erziehung und Ergebnis der Sozialisation oder spielen vielleicht auch genetische und evolutionäre Mechanismen eine Rolle? Hat eine Spezialisierung der Interessen vielleicht zu unserer evolutionären Fitness beigetragen?

Freilich, Sozialisationseffekte auf das berufliche Interesse ausschließen, will Studienautor Hell nicht, sie seien ganz sicher wirksam. Man habe wissen wollen, ob es "auch genetische Einflüsse" auf die Interessenausprägung gibt. Nun wissen wirs, dank dem 2D:4D-Quotienten: Männer lieben die Konkurrenz, neigen zur Aggressivität, sind sexuell umtriebiger und mögen Technik. (Thomas Pany)

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