Neuartige mRNA-Impfstoffe gegen Corona?

Bringen die neuen Impfstoffe endlich die ersehnte Herdenimmunität oder doch nur mildere Verläufe?

Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie kommen in Westeuropa und Nordamerika zum ersten Mal Impfstoffe zur Anwendung, die auf einem bislang in der Humanmedizin noch nicht serienmäßig eingesetzten Prinzip basieren.

Das Kürzel mRNA steht für messengerRibonukleinsäure, also Boten-RNA, die in der Zelle als Botenstoff für die Proteinbiosynthese fungiert. Anders als vielfach vermutet, wird der Botenstoff nicht in das Erbgut eingebaut, so dass keine nachteiligen Folgen in den Zellen und im Organismus auftreten können. Im Zusammenhang mit einer aktuellen Pandemie bietet die mRNA-Technik den Vorteil, dass die mRNA-Impfstoffe sicher und schnell synthetisch hergestellt werden können, da man lediglich die Entschlüsselung der Erbinformation der Erreger benötigt.

In der Tiermedizin schon länger gebräuchlich

Der Einsatz von RNA in Impfstoffen ist ein vergleichsweise junges Forschungsgebiet, jedoch keinesfalls so jung, wie es in der Öffentlichkeit gerne dargestellt wird. Der erste erfolgreiche Versuch, in vitro transkribierte mRNA in Tieren anzuwenden, wurde 1990, also vor gut 30 Jahren publiziert. In weiteren Tierversuchen bestätigte sich die Annahme, dass sich durch das Einbringen spezifischer mRNA die Synthese bestimmter Proteine auslösen lässt.

Die Herausforderungen bei der Anwendung der mRNA-Impfstoffe bestanden nicht zuletzt darin, die mRNA-Stränge zu stabilisieren und einen effizienten Weg zur In-vivo-Verabreichung zu etablieren. Ein Schritt zur Stabilisierung besteht beim mRNA-Impfstoff von BioNTech darin, ihn in konzentrierter Form auf -70°C herunterzukühlen und erst kurz vor der Anwendung aufzutauen und zu verdünnen.

In der Humanmedizin sind die Zulassungsanforderungen deutlich höher als in der Tiermedizin. Damit steigt auch der Aufwand und die für die Erstellung der Studien anfallenden Kosten, was bei der neuen Technik dazu geführt hatte, dass niemand in die 3. Phase investieren wollte, weil die erwartbaren Erlöse aus einem dieser Impfstoffe als zu gering erschienen. Die erwarteten Vermarktungsmöglichkeiten sind heute bestimmend für die Entscheidungen, was und mit welchem Aufwand geforscht und produziert wird.

Arzneimittel gegen Krankheiten, die hierzulande eher selten sind wie beispielsweise Dengue oder Rheuma bei Kindern, versprechen keinen ausreichenden Return of Investment. Somit wurde da auch nur wenig in Richtung auf einen konkreten Impfstoff geforscht.

Dank entsprechender EU-Fördermittel gab es zu den mRNA-Impfstoffen in der Vergangenheit umfangreiche Grundlagenforschung, die jetzt für die Entwicklung von Coronaimpfstoffen genutzt werden konnte, was die überraschend schnelle Umsetzung der Entwicklung bei BioNTech ermöglichte. Der erste grobe Entwurf soll im Rahmen eines einzigen Wochenendes entstanden sein.

Aktuelle Organisationsprobleme bei der Impfkampagne

Bei den Impfungen gegen Corona, die in der gesamten Bundesrepublik möglichst gleichzeitig beginnen sollten, hakt es zumindest zu Beginn an zahlreichen Stellen. Die Anwerbung von Impfärzten, die mit deutlich über 100 Euro pro Stunde honoriert werden, war da offensichtlich die kleinste Herausforderung. Bei der Vorbereitung der Impfungen hat man zahlreiche Details übersehen. So fanden die Unterlagen des Herstellers BioNTech den Weg in die Impfzentren beispielsweise erst eine Woche nach Lieferung des Impfstoffs in die Impfzentren.

Problematisch scheint derzeit auch noch die Einhaltung der Kühlkette. Der Impfstoff wird in Trockeneis-gekühlten Boxen angeliefert. Wenn er im jeweiligen Impfzentrum dann jedoch im Kühlschrank bei 2° bis 8°C auftaut und niemand darüber informiert wird, dass die Kühlakkus der bereitgestellten Transportboxen vorab gekühlt werden müssen, damit der Impfstoff dann auch gekühlt zu den lokalen Impfstationen transportiert werden kann, ist es um die Stabilität des Impfstoffes möglicherweise nicht besonders gut bestellt.

Dass teilweise Kühlboxen aus dem Camping-Zubehör-Handel zum Einsatz kommen, zu deren besonderer Ausstattung zwei Bierdosenhalter zählen, spricht dafür, dass die Verantwortlichen nicht verstanden haben, welch kritisches Gut sie transportieren müssen.

Wenn in Mecklenburg-Vorpommern jetzt bei mehreren Impfungen die 5-fache Menge des Impfstoffs gespritzt wurde, hängt dies damit zusammen, dass von der zuständigen Behörde ungeeignete Spritzen bereitgestellt wurden. Man hätte durch die Wahl passender Spritzen eine Überdosierung ganz einfach verhindern können, wenn diese Menge gar nicht in die benutzte Spritze gepasst hätte. Darüberhinaus wird wohl auch der Aufwand bei der Zubereitung der Impfdosen unterschätzt.

Der mRNA-Impfstoff kann nur wirken, wenn er auch intakt bei dem Geimpften ankommt. Schütteln mag der Impfstoff gar nicht, ja selbst die Erschütterung beim Transport des verdünnten Impfstoffes bei der Fahrt zum Ort der Impfung kann bleibende Schäden am mRNA-Impfstoff hinterlassen, die man jedoch gar nicht feststellen kann.

Selbst eine zu schnelle Injektion kann den Impfstoff durch die dabei auftretenden Scherkräfte zerstören. Zudem enthält der Impfstoff aus grundsätzlichen Überlegungen keine Konservierungsstoffe und muss daher als Konzentrat bei -70°C transportiert werden.

Entsprechende hygienische Maßnahmen müssen dann auch bei der Aufbereitung vor Ort berücksichtigt werden, damit man eine Verkeimung des Impfstoffes vermeiden kann. Wenn der Freistaat Bayern in den Impfzentren aus Kostengründen auf den Einsatz pharmazeutischen Personals verzichtet, geht man ganz offensichtlich ein durchaus unkalkulierbares Risiko ein. .

Was kann mit den mRNA-Impfstoffen bewirkt werden?

Telepolis hat den beiden deutschen mRNA-Impfstoffentwicklern BioNTech in Mainz und CureVac in Tübingen die folgende Frage gestellt: Welche Wirkung ist bei der Impfstoffentwicklung beabsichtigt und wird in der Folge in den Studien überprüft?

Thorsten Schüller, Vice President Communications bei CureVac lässt sich dazu mit den folgenden Worten zitieren:

Das Ziel der Studien ist es, eine schwerwiegende Erkrankung an COVID-19 zu verhindern. Die sterile Immunität und/oder die Transmission müssen in Studien noch getestet werden, dazu ist ein spezielles Studiendesign notwendig. Eine Herdenimmunität zeigt sich erst bei der realen Anwendung von Impfstoffen. Derzeit deuten alle Daten zwar daraufhin, dass die Viruslast stark reduziert wird. Man kann aber noch nicht feststellen, ob und inwieweit jegliche Infektionen (Transmissionen) verhindert werden können.

Thorsten Schüller, CureVac

Die nach Aufnahme der Impfungen in Altersheimen dort festgestellten positiven Tests bei Geimpften sollten daher keine Panik erzeugen und bislang (Stand 11.01.2021) gibt es auch noch keine Hinweise auf schwere Verläufe der Infektion bei Geimpften. Mit dem Risiko der Weitergabe des Virus durch Geimpfte lässt sich durchaus leben, solange die Verläufe mild bleiben und möglicherweise auch die Spätfolgen einer Infektion.

Wir haben überhaupt keine Langzeitdaten zu mRNA-Impfstoffen

Es gibt in der Zulassung der neuen Impfstoffe keine Definition des Begriffes "Langzeit". Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Impfstoffe grundsätzlich anders wirken als Arzneimittel, die man über einen Mindestzeitraum wie bei Antibiotika oder gar dauerhaft wie bei Blutdrucksenkern einnehmen muss und die sich entweder im Körper anreichern oder abgebaut und in andere Stoffe umgewandelt und schließlich ausgeschieden werden.

Die Impfstoffgabe erfolgt jedoch nicht kontinuierlich. Man bekommt ihn einmal oder wie im Falle der Impfung gegen Tollwut insgesamt viermal, wobei mancher Geimpfte schon nach drei Impfungen ausreichend geschützt sein kann, was man durch einen Titer feststellen kann. Nebenwirkungen treten im Zweifelsfalle innerhalb von Stunden auf oder bei Lebendimpfstoffen innerhalb der Inkubationszeit. (Christoph Jehle)