Neuauflage der Strategie der Spannung?

Die Absender der explosiven Briefe an EU-Politiker und -Institutionen sind weiterhin unbekannt

Verschiedene EU-Einrichtungen bekommen weiterhin Briefe mit explosivem Inhalt. Vor wenigen Tagen soll abermals ein Brief abgefangen worden sein. Um Weihnachten begann die Serie von Anschlägen, die in Medien schnell verkürzt als Briefbombenserie gegen EU-Einrichtungen bezeichnet wurden ("Archipel der Gewaltbereitschaft").

Zunächst explodierten in unmittelbarer Nähe des Wohnsitzes von Romano Prodi, des Präsidenten der Europäischen Kommission zwei Heimwerkersprengsätze. In den nächsten Tagen bekamen neben Prodi zahlreiche EU-Einrichtungen diese ominösen Briefe. Anders als die Etikettierung nahe legt, waren darin allerdings keine Bomben. "Diese Umschläge enthalten keinen Sprengstoff, sondern eine brennbare Substanz, die beim Öffnen in eine Stichflamme aufgeht", präzisierte der Kriminologe Christian Pfeiffer.

Doch die Etikettierung erfüllte ihren Zweck. Denn schnell hatte die italienische Regierung Anarchisten als Urheber ausgemacht und das globalisierungskritische Spektrum bis hin zu Attac gleich mit in die Verantwortung genommen. Schon in den vergangenen Jahren waren in Italien NoGlobals genannten Globalisierungskritiker von der Berlusconi-Regierung und den ihr nahestehenden Medien immer wieder in die Nähe des Terrorismus gerückt worden (Vom Globalisierungskritiker zum Taliban - für Berlusconi ein kleiner Schritt).

Erst vor wenigen Tagen wurden in Rom 12 bekannte Globalisierungskritiker, darunter ein Stadtrat der Linkspartei Rifondazione Comunista verhaftet, weil sie sich an den Protesten gegen den EU-Gipfel am 4.Oktober 2003 in Rom beteiligt haben sollen. Besonders vor dem G8-Gipfel in Genua lief die Propagandamaschinerie auf Hochtouren. Auch damals explodierten mehrere Briefbomben, deren Urheber nie verifiziert werden konnten.

Manchen Beobachter fühlen sich an die Strategie der Spannung im Italien der 70er Jahre erinnert (92 Patronenhülsen, ein Balletttänzer und die CIA). In der ursprünglich vom CIA konzipierten und von Netzwerken wie P2 und Gladio ausgeführten Strategie wurden Terroranschläge inszeniert, für die dann die Linke verantwortlich gemacht wurde. Selbst anarchistische Gruppen waren zu diesem Zweck gegründet worden. Das Ziel dieser Strategie bestand darin, die öffentliche Meinung nach Rechts zu drehen und eine Regierungsbeteiligung der in den 70er Jahren starken Kommunistischen Partei zu verhindern. Zahlreiche Linke wurden verfolgt und saßen teilweise jahrelang unschuldig in Haft.

Schnell wurde die Vermutung geäußert, dass die jüngsten Aktionen eine Neuauflage der Strategie der Spannung sein könnte, um den globalisierungskritischen Widerstand zu kriminalisieren. Viele italienische Linke ordnen auch die den angeblich neuformierten Roten Brigaden zugeschriebenen Morde an Sergio D'Antona und Marco Biagi in diese Strategie der Spannung ein. Weitere Nahrung erhielten diese Spekulationen durch den ungeklärten Tod des Informatikers Michele Landi, der mit der Polizei bei der Aufklärung der Morde zusammenarbeitete. Der in seinem Haus erhängt aufgefundene Landi soll kurz vor seinem Tod gegenüber Freunden geäußert haben, dass er große Angst habe, weil er erschütternde Hintergründe aufgedeckt habe.

Einige Ungereimtheiten der jüngsten Anschlagsserie verstärken die Zweifel. So hat sich eine "anarchistische und antiautoritäre Bewegung" zu den Anschlägen bekannt. Die italienische Abkürzung lautet FAI ist identisch mit der gewaltfreien Federazione Anarchica Italiana, die sich auch sogleich von den Anschlägen distanzierte. Auch der Inhalt einiger Pakete, mit denen die Explosivstoffe verschickt worden, lässt Zweifel an einer Urheberschaft linker Gruppen aufkommen. So enthielt die an Prodi adressierte Sendung das Buch "Lust" des nationalistischen und faschistenfreundlichen Schriftstellers Gabriele D'Annunzio.

In der letzten Erklärung der anonymen Feuerwerker wird vor einem marxistischen Krebsgeschwür gewarnt. Diese Terminologie ist wohl bei den Freunden von Annunzio, nicht aber in linken Kreisen üblich. Schon gar nicht bei den radikalen EU-Kritikern Europposizione, das von der italienischen Regierung offen mit den Briefen in Zusammenhang gebracht wurde. In dem erst vor wenigen Monaten gegründeten Bündnis arbeiten neben Autonomen und Anarchisten auch Marxisten mit.

Mittlerweile wollen die italienische Behörden für die explosiven Briefe eine Gruppe verantwortlich machen, in der neben Anarchisten auch Links- und Rechtsextremisten mitarbeiten und die Verbindungen nach Spanien, Frankreich und Griechenland habe. (Peter Nowak)

Anzeige