Neue Affenmenschen

In Äthiopien wurden weitere Fossilien von Vorfahren des Menschen gefunden

Der Mensch stammt aus Afrika und seine Abstammungslinie wird immer klarer. Neue Funde von Knochen des Hominiden der Gattung Australopithecus in der Afar-Senke in Ost-Äthiopien geben Aufschluss über die Frühgeschichte der Vorfahren des modernen Menschen.

Im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichen Tim White von der University of California in Berkeley und mehr als 20 Kollegen von wissenschaftlichen Institutionen aus Äthiopien, Japan, Frankreich und den USA, die am Middle Awash Projekt beteiligt sind, den Bericht über die Auswertungen der Australopithecus-Funde, die in Aramis und dem nur zehn Kilometer entfernten Asa Issie in der äthiopischen Afar-Senke, 230 km nodöstlich von Addis Ababa entdeckt wurden (vgl. Asa Issie Map).

Vorstellung vom Aussehen des Australopithecus, Bild: NASA

Vor 82 Jahren klassifizierte der Anatomieprofessor Raymond Dart in Südafrika den Schädel des so genannten Taung-Kindes als Australopithecus, abgeleitet vom lateinischen australis "südlich" und dem altgriechen pithekos "Affe". Seine Entdeckung war lange umstritten und es dauerte eine Weile, bevor sich nach weiteren Funden die Erkenntnis durchsetzte, dass der südliche Affe tatsächlich zu den Vormenschen, den Hominiden, gehört.

Die Klassifizierung der Hominiden ist bei einigen Experten inzwischen umstritten, aber allgemein ist die Bezeichnung noch gebräuchlich. Hominiden sind Mitglieder der Familie Hominidae (Menschenartige), die alle lebenden oder ausgestorbenen Lebewesen umfasst, die dem Homo sapiens näher verwandt sind als dem Affen. Der Schimpanse ist der nächste Verwandte des Menschen, wir teilen über 99% unserer Gene – inzwischen gibt es sogar eine Debatte darüber ob dieser Affe nicht wesentlich menschlicher ist als Gorillas und Orang-Utans.

Ahnenreihe

Inzwischen sind verschiedene unterschiedliche Australopithecinen bekannt, über manche wird noch diskutiert – einige wurden nach neuen Fossilienfunden in den letzten zwanzig Jahren neu klassifiziert wie der Australopithecus ramidus, der tatsächlich eine neue Gattung darstellt und entsprechend in Ardipithecus ("Bodenwurzelaffe") umbenannt wurde (vgl. Neue Spuren von einem entfernten Verwandten).

Der älteste unter den Australopithecinen ist der Australopithecus anamensis, dessen Knochen zuerst 1994 von Meave Leakey im Norden Kenias, im Turkana-Becken gefunden wurden. Der südliche Seeaffe („Anam“ ist das Turkana-Wort für „See“), lebte vor 4,2 - 3,9 Millionen Jahren und weist anatomische Merkmale auf, die ihn menschenähnlich erscheinen lassen. Es handelt sich um einen Affenmenschen, der kleinwüchsig und mit großen Zähnen auf den ersten Blick eher wie ein Affe wirkt, aber bereits aufrecht ging und dessen Extremitäten ihn als Vormenschen erscheinen lassen.

Fossilien von diesem frühen Mitglied der menschlichen Ahnenreihe haben Tim White und Kollegen in Äthiopien von 1994 bis Ende 2005 gefunden und eingehend untersucht. In Asa Issie wurden dreißig Fossilien, meist Zähne, aber auch Teile von Oberschenkel-, Hand- und Fußknochen des Australopithecus anamensis geborgen, die von mindestens acht verschiedenen Individuen stammen. In Aramis wurde unter anderem ein Oberkieferknochen mit Zähnen entdeckt.

Einige der gefundenen versteinerten Knochen, vor allem der Extremitäten sind denen der jüngeren Hominiden Australopithecus afarensis sehr ähnlich, deren bekannteste Vertreterin Lucy darstellt, deren Skelett 1974 ebenfalls in der Afar-Senke gefunden wurde.

Zähne des Australopithecus anamensis. Foto: David L. Brill\Brill Atlanta

Die neuen Funde aus Äthiopien wurden mithilfe von paläomagnetischen und Argon-Argon-Methoden) auf ein Alter von 4,1 bis 4,2 Millionen Jahren datiert.

Weiter heftig debattiert wird sicherlich die erweiterte Stammesgeschichte der Hominiden, bzw. das Verwandtschaftsverhältnis von Ardipithecus und Australopithecus anamensis. Tim White erklärt vollmundig: „Die neue Entdeckung schließt die Lücke zwischen den gesamten Australopithecinen und früheren Formen, die wir Ardipithecus nennen. Wie wissen jetzt, woher der Australopithecus vor vier Millionen Jahren kam.“

Zwei Hypothesen zur Abstammungslinie von Hominiden und Menschen. Abbildung: Human Evolution Research Center, UC Berkeley

In der effektiven wissenschaftlichen Bewertung ist er wesentlich vorsichtiger und stellt zusammen mit seinen Kollegen zwei Hypothesen auf, die zum einen eine direkte Linie zwischen Ardipithecus und Australopithecus konstruieren, zum anderen eine Verzweigung, bei der beide Hominiden-Arten nebeneinander existierten. Mehr Fossilien beider Ahnen des Menschen werden nötig sein, um die noch offenen Fragen endgültig zu beantworten.

Das Fundgebiet in Äthiopien, indem schon Fossilien verschiedenster Früh- und Menschentypen gefunden wurde – vom 5,7, Millionen Jahre alten Ardipithecus kadabba (vgl. Die Rückkehr zum Planet der Affen) bis zum frühen Homo sapiens – ist viel versprechend und könnte noch viele weitere Überraschungen bergen. (Andrea Naica-Loebell)

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