Neue Anfänge und ein Schweigekartell

Die evangelische Kirche und ihr Umgang mit der NS-Vergangenheit und dem Judentum - und was Ulrike Meinhof damit zu tun hat

Der Historiker Stephan Linck hat mit Neue Anfänge? den ersten Teil einer Untersuchungen über die Landeskirchen in Nordelbien vorgelegt: Wie sahen ihr Umgang mit der NS-Vergangenheit und ihr Verhältnis zum Judentum in den ersten 20 Jahren nach dem Krieg aus?

Herr Linck, ich war überrascht, als ich in einem Buch über Kirchengeschichte auf den Namen Ulrike Meinhof stieß. Was hatte sie mit den Kirchen in Nordelbien zu tun?
Stephan Linck: Ulrike Meinhofs Empörung über die Verhältnisse der Bundesrepublik erklärt sich vielleicht auch in der Auseinandersetzung um die NS-Skandale im Norden. Meinhof war die Patentocher von Edo Osterloh. Der Theologe und CDU-Politiker war auf Vorschlag des damaligen Bischofs von Holstein, Wilhelm Halfmann, Kultusminister geworden: Die Kirche band sich an die CDU als Regierungspartei. Diese Einheit aber wurde gefährdet, als Ende der 1950er viele Persönlichkeiten mit NS-Vergangenheit aufflogen, die von der Kirche protegiert waren. Viele dieser Skandale fielen in Osterlohs Zuständigkeitsbereich als Kultusminister.
Dr. Stephan Linck. Foto: © Nordkirche / Silke Stöterau
Warum sind nach dem Krieg eigentlich so viele Menschen mit NS-Vergangenheit in der Kirche untergekommen?
Stephan Linck: In den Nachkriegsjahren sind viele NS-Verbrecher in Schleswig-Holstein untergetaucht, denen stand man in der Schleswig-Holsteinischen Landeskirche sehr wohlwollend gegenüber. In der NS-Zeit gab es viele Austritte, und 1945 eine Eintrittswelle; und die Kirche hat in NS-Verbrecherlagern eine sehr intensive Mission betrieben. Die Kirchen träumten den Traum von einer Volkskirche.
Und die Leute, die wieder in die Kirche eintraten?
Stephan Linck: Deren Motivation kann man "pragmatisch" nennen, und zwar im Rahmen der Entnazifizierung: Sie erhofften - und bekamen zum Teil auch - Vorteile in den kommenden Verfahren. Schleswig-Holstein gehörte zur britischen Besatzungszone. Und die Briten konnten sich keine aufwändige Entnazifizierung und auch keine aufwändige Besatzung leisten - das konnten nur die Amerikaner. Also verfuhren die Briten nach dem Kolonial-Modell der indirekten Herrschaft: Die Spitze wurde ersetzt, aber die zweite Riege blieb. Wichtig war bloß Loyalität gegenüber den Briten. Und so wurde Schleswig-Holstein zu einem Eldorado für NS-Verbrecher, und diese Last war für das Nachkriegsdeutschland besonders schlimm.
Denken Sie nur an das Bundeskriminalamt: Das geht zurück auf das Kriminalpolizeiamt in der Britischen Besatzungszone, und das wiederum geht zurück auf das Amt V des Reichssicherheitshauptamts.
Und was hatte nun Ulrike Meinhof mit den Skandalen um die Landeskirche und Osterloh zu tun?
Stephan Linck: Am Bekanntesten ist der Heyde/Sawade-Skandal: Werner Heyde war SS-Arzt und Organisator des Euthanasieprogramms. Nach dem Krieg tauchte er unter als Fritz Sawade: Er arbeitete in Flensburg als Arzt und Gutachter, er schrieb sogar Gutachten über KZ-Geschädigte. Im Jahr 1959 flog er auf. Der FR-Journalist Volkmar Hoffmann schrieb darüber und behauptete, dass Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel und Edo Osterloh Mitwisser waren. Aber der einzige, der dann verurteilt wurde, war Hoffmann selber - wegen übler Nachrede.
Und Ulrike Meinhof hatte das mitbekommen? Wie hat sie das beeinflusst?
Stephan Linck: Osterloh soll - es gibt dazu nur eine Quelle, aber das ist sehr schlüssig - im Familienkreis über zunehmende moralische Bedenken gesprochen und gesagt haben: "Wenn das auffliegt, was ich noch alles weiß!" Die Familie soll ihm zugeredet haben, wir stehen das durch, und so weiter. Aber nachdem Hoffmann verurteilt war, informierte Meinhof den Journalist über Osterlohs Bedenken. Sie wollte das Leugnen ihres Patenonkels nicht mittragen und scherte aus der Linie der Familie aus. Hoffmann hat das das 20 Jahre später erzählt. Ulrike Meinhof politisierte und radikalisierte sich in den 1960er Jahren, und die Geschichte um ihren Patenonkel ist ein Ausschnitt, eine Information über eine sehr empörte Ulrike Meinhof, die einen Binneneinblick in diese Welt der Entscheidungsträger und ihrer Skandale hatte, in dieses "Schweigekartell".
Was passierte mit Osterloh?
Stephan Linck: Er nahm sich später das Leben. In diesem Suizid ist immerhin eine moralische Haltung spürbar, die Anderen damals fehlte.
Gab es so ein Schweigekartell auch in den anderen evangelischen Landeskirchen? Und wie war es in der Katholischen Kirche?
Stephan Linck: Man kann die Katholische und die Evangelischen Landeskirchen kaum vergleichen. Bis 1918 beteten die Lutherischen Protestanten für ihr Oberhaupt, den Kaiser. Danach gab es keine "gottgewollte" Obrigkeit mehr, sondern eine Republik, und alles war nur noch schrecklich. Insofern begrüßten sie den Nationalsozialismus. Aber die einzelnen Landeskirchen waren auch sehr unterschiedlich, so gingen die Kirchen in Hamburg und die in Schleswig-Holstein später ganz unterschiedlich mit dem Antisemitismus um.
Die Katholische Kirche hatte dagegen ein grundsätzliches Problem mit der Kaiserzeit, ihnen wurde die Loyalität zum Nationalstaat abgesprochen - ihr Oberhaupt saß in Rom, wie könnten sie national sein. Außerdem hatten die Katholiken mit der Zentrumspartei den ganz großen Vorteil einer eigenen parlamentarischen Vertretung, so dass sie ein positives Verhältnis zur Republik entwickeln konnten. Andererseits führte die Absurdität der "Fernsteuerung" durch Rom auch zum Konkordat, und so hielt die Katholische Kirche in der NS-Zeit still. (Ulrike Heitmüller)
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