Neue Atomkraftwerke - Nein, danke!

Der Bericht einer von der britischen Regierung eingesetzten Kommission sieht für ein neues Atomprogramm zur Energieerzeugung derzeit keine Rechtfertigung

Die britische Regierung würde gerne mehr und neuartige Kernkraftwerke bauen, um die Energieversorgung sicherzustellen, die Abhängigkeit vom Öl zu senken und für mehr saubere Energie zu sorgen. Die Argumente gleichen sich bei allen Befürwortern der Atomenergie, gleich ob in den USA, wo Präsident Bush auch mehr Kernkraftwerke errichten will, oder in Deutschland (Scheingefechte mit Argumenten von vorgestern). Die Sustainable Development Commission (SDC) hat nun in einem umfassenden Bericht scharfe Kritik an den Plänen geübt.

Die Vision war es noch vor wenigen Jahren, dass Großbritannien bis 2050 den Kohledioxid-Ausstoß um 60 Prozent reduziert und bis 2010 10 Prozent des Energiebedarfs durch erneuerbare Energien abdeckt. Durch die gestiegenen Öl- und Gaspreise und dem Rückgang der Ölfelder in der Nordsee wurden aber Forderungen nach neuen Atomkraftwerken laut, um die Energieversorgung sicherzustellen, für Preisstabilität zu sorgen und die Kohledioxid-Belastung zu senken. Wie in Deutschland auch werden die alten Atomkraftwerke nach und nach bis 2035 abgestellt, die bislang 20 Prozent der gesamten Elektrizität produzieren.

Was den Klimaschutz betrifft, so gibt es nach der SDC kein Allheilmittel. Würde man selbst die Energiemenge verdoppeln, die durch AKWs produziert wird, so würde vor 2010 die Abgabe an Kohlendioxid unverändert hoch bleiben und bis 2035 um 8 Prozent zurückgehen. Die SDC schlägt einen Mix an Maßnahmen vor, der weniger riskant ist, als die Atomenergie, nämlich insbesondere Energieeffizienz, Ausbau der erneuerbaren Energien und bessere Technologien, um die Abgabe von Kohlendioxid in die Atmosphäre zu verhindern.

Für die Kommission überwiegen die Nachteile oder Risiken der Atomtechnologie deren Vorteile, zumindest beim gegenwärtigen Stand der Technik. Gegen die Wiederaufnahme der Nukleartechnik werden fünf Gründe genannt, die natürlich über Großbritannien hinaus gültig sind:

  1. Die langfristige Unterbringung des Atomabfalls ist nicht gesichert. Bislang kann eine langfristige sichere Entsorgung nicht garantiert werden. Die Halbwertszeit von Plutonium etwa beträgt 24.000 Jahre, allerdings besteht die überwiegende Abfallmasse auf gering radioaktivem Material. Schon für die vorhandenen Nuklearabfälle gäbe es bislang keine vertretbare Lösung, die Suche nach einem sicheren Endlager werde zu Konflikten führen, die Kosten seien schwer kalkulierbar, zumal viele Milliarden in den anstehenden Abbau der bestehenden AKWs fließen werden.
  2. Die Kosten der Nukleartechnik sind unbekannt. Es besteht großes Risiko, dass unvorhergesehene Kosten auf den Steuerzahler abgewälzt werden.
  3. Atomstrom sorgt für Inflexibilität und würde ein zentrales Energieverteilungssystem „genau zu dem Zeitpunkt schaffen, an dem die Chancen für Kleinerzeuger und lokale Netzwerke so gut wie noch nie zuvor sind“.
  4. Überdies würde nach Ansicht der SDC ein neues Atomprogramm die weitere und bei weitem nicht ausgeschöpfte Energieeinsparung behindern und den Menschen ein „falsches Signal“ geben.
  5. Überdies, ein wichtiges politisches Argument, könne man nicht anderen Ländern wie Iran den Zugang zur Atomtechnologie verwehren, wenn man selbst ein neues Programm startet. Und international würden geringere Standards, die zu erwarten seien, das Risiko von Unfällen, die Verbreitung der Technologie oder Terroranschläge vergrößern. Ein permanentes Risiko ist der notwendige Transport von Brennstäben. Auch verbrauchte Brennstäbe können noch zum Bau von „schmutzigen Bomben“ dienen. Ländern können aus Abkommen wie dem Atomwaffensperrvertrag austreten.

Die Kommission kam aus diesen Gründen überwiegend zu der Meinung, dass ein neues Atomprogramm zur Energiezeugung derzeit nicht gerechtfertigt werden könnte. Allerdings sollte die Forschung an besseren und sicheren Techniken fortgesetzt werden. Möglicherweise müsse man die Frage in Zukunft noch einmal abwägen. Zu den Problemen kommt, dass sich mit steigendem Bedarf die Uran-Vorräte schneller erschöpfen. Anstatt der Abhängigkeit von den Ölländern gäbe es die von den Uran-Hauptlieferanten Australien, USA, Kanada, Kasachstan, Südafrika und Niger. (Florian Rötzer)