Neue Feindsender?

Zeit Online misst bei seinem Ethik-Kodex offenbar weiterhin mit zweierlei Maß. Und auch andere Medien haben derzeit Probleme mit der Transparenz. Was ist los mit der Presse?

Die Irritationen um Zeit Online (Chaos bei Zeit Online: Mal gilt der Ethik-Kodex, mal gilt er nicht) reißen nicht ab. Nun wurde ein weiterer Fall bekannt, der deutlich macht: Autoren, die auch für russische Medien arbeiten, sind unerwünscht, Amerika-Nähe aber ist kein Problem. Es scheint, als falle es mancher Redaktion dieser Tage schwer, noch zwischen vernünftig und unangemessen, zwischen ethisch und hysterisch zu unterscheiden. Während der Ansturm der kritischen Leserkommentare zur Russland-Berichterstattung der Leitmedien nicht abreißt, sorgt man sich dort verstärkt um politische Einflussnahme - allem Anschein nach jedoch recht einseitig.

Die freie Journalistin Alisa Bauchina, 26, hatte in der Vergangenheit bereits bei Zeit Online publiziert. Als sie der Redaktion nun kürzlich einen neuen Text anbot, lehnte man dankend ab. Der Artikel, in dem es um die politisch brisante Situation in Moldawien geht, dem Geburtsland der Autorin, das sie zur Recherche nun noch einmal bereist hatte, sei zwar "ziemlich spannend", so Michael Schlieben, kommissarischer Ressortleiter Politik, Meinung und Gesellschaft von Zeit Online gegenüber der Journalistin. Allerdings habe man entdeckt, dass sie in der Vergangenheit für den russischen Auslandssender "Stimme Russlands" gearbeitet habe. Daher müsse man leider absagen. Der eigene Ethik-Kodex verbiete in solchen Fällen eine Zusammenarbeit. Generell, so Schlieben gegenüber der freien Autorin, müsse man "künftig ziemlich vorsichtig sein", was Interessenkonflikte angehe.

Auf Anfrage von Telepolis stellte sich die Chefredaktion von Zeit Online nun hinter die Entscheidung ihres Mitarbeiters. Markus Horeld, stellvertretender Chefredakteur des Online-Magazins, verwies dazu auf folgenden Abschnitt im hauseigenen "Code of Ethics".

Freie Mitarbeiter müssen Tätigkeiten in dem Journalismus nahen Bereichen - Marketing, PR - offen legen. Eine Tätigkeit in einem dieser Bereiche schließt in der Regel die redaktionelle Bearbeitung inhaltlich verwandter Themen bei ZEIT ONLINE für den Zeitraum eines Jahres nach Abschluss der jeweiligen Tätigkeit in Marketing und PR aus, wenn nicht in beiderseitigem Einvernehmen eine Regelung getroffen werden konnte, die eine Einflussnahme auf die Berichterstattung ausschließt.

Auf den Einwand, dass es hier nicht um Marketing, sondern um regulären Journalismus für einen ausländischen Sender ginge, erwiderte Horeld:

Die "Stimme Russlands" wird von der russischen Regierung finanziert und betreibt natürlich keinen "regulären Journalismus".

Doch gehört die publizistische Arbeit für ein Medium, selbst wenn dieses politisch beeinflusst wird, wirklich in die gleiche Kategorie wie Marketing und PR - also bezahlte Werbung? Zwar ist die Stimme Russlands, gerade dieser Tage, sicherlich nicht in jedem Fall ein Musterbeispiel für ausgewogenen Journalismus. Doch könnte man diesen Vorwurf in verschiedener Ausprägung auch anderen Medien machen, nicht nur russischen. Was also hat eine solche Entscheidung wirklich mit dem "Ethik-Kodex" zu tun?

Diese Frage stellt sich auch vor dem Hintergrund, dass hochrangige deutsche Politiker wie etwa Wolfgang Bosbach (CDU), Gernot Erler (SPD) oder Jürgen Trittin (Grüne) in den letzten Wochen unabhängig voneinander den Weg ins Berliner Studio der "Stimme Russlands" fanden, um sich dort ausführlich interviewen zu lassen. Offenbar hatte keiner von ihnen den Eindruck, dort einem Propaganda-Sender auf den Leim zu gehen, den man besser boykottieren sollte.

Die nun betroffene Journalistin, die seit sechs Jahren in Deutschland lebt und hier studiert hat, reagierte jedenfalls erstaunt auf die Absage von Zeit Online. Gegenüber Telepolis wies sie darauf hin, dass ihre 5-monatige freie Tätigkeit für die "Stimme Russlands" bereits Anfang Februar diesen Jahres geendet habe, also mehr als zwei Monate vor der nun erfolgten Ablehnung ihres Textes. Ihren letzten Artikel hatte Zeit Online im Dezember 2013 veröffentlicht, als sie noch für den russischen Sender gearbeitet hatte - damals ohne Probleme.

Die Frage drängt sich auf: Hat der politische Konflikt mit Russland dazu geführt, dass hierzulande der Begriff des "Feindsenders" wieder neu eingeführt wird? Definieren die Medien erneut Gegner, die man ausgrenzen und vor denen man das heimische Publikum schützen zu müssen glaubt?

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