Neue Fragen um "Döner"-Morde

München: Tatorte lagen nahe neonazistischer Schauplätze

Es ist vieles unklar im Falle der mutmaßlichen Neonazi-Terroristengruppe aus Zwickau, die nach bisherigem Kenntnisstand auch für die neun "Döner"-Morde quer durch die Bundesrepublik verantwortlich sind. Zwei davon geschahen in München. Und auch hier tauchen Fragen auf. Zum Beispiel warum die Polizei bisher nicht thematisierte, dass die beiden Tatorte in unmittelbarer Nähe zu neonazistischen Schauplätzen lagen.

Wie sucht man die zufälligen Opfer aus, die man aus rassistischen Gründen erschießen will, wie es das derzeitige Mord-Szenario rund um Uwe M. und Uwe B. annimmt? Begibt man sich in einer fremden Stadt erst mal auf Streifzug? Oder ist das Naheliegende das Wahrscheinliche, so wie bei sexuellem Missbrauch die Täter meist aus dem nahen Familienumfeld kommen? Ist es naheliegend, die Döner-Bude auszuwählen, die man auf dem Weg zu einer Kneipe gesehen hat oder weil sie nahe einer Wohngemeinschaft liegt, in der man übernachtete?

München, Trappentreustraße vier. Das Haus liegt unweit der Kreuzung Mittlerer Ring/Landsberger Straße - ein wenig attraktives Eck mit viel Verkehrslärm, Abgasen und Staub. Der kleine Laden im Haus Nr. 4 liegt direkt an einer Bushaltestelle, hier betrat am 15. Juni 2005 der Täter das Schlüsseldienst-Geschäft und erschoss Theodorus Boulgarides (41). Es war der Mordfall Nr. 7 in der "Döner"-Serie, nur dass es diesmal einen Griechen traf. Das Geld in der Kasse blieb unberührt.

München, Landsberger Straße Nr. 106. Die Kreuzung zum Mittleren Ring liegt nur ein paar Fußschritte entfernt, von hier aus kann man sogar hinübersehen zum Haus Nr. 4 in der Trappentreustraße. Die Landsbergerstraße 106 war im Jahr 2003 die Adresse einer Wohngemeinschaft, in der Martin Wiese, Alexander Maetzing und Ramona Schenk lebten. Wiese wird 2005 wegen Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung und zahlreicher Verstöße gegen das Kriegswaffenkontroll- und Waffengesetz zu sieben Jahren Haft, Maetzing zu fünf Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Die 20-jährige Ramona Schenk wird zu einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt.

Der damals 28-jährige Wiese war Anführer der neonazistischen Gruppe "Kameradschaft Süd", die laut Anklageschrift mit Waffengewalt ein "nationalsozialistisch geprägtes Herrschaftssystem" errichten wollte. Für das Handgreifliche war eine "Schutztruppe" zuständig, die Wehrsportübungen in einem Wald bei München durchführte. Ein V-Mann des bayerischen Verfassungsschutzes soll der Gruppe militärisches Knowhow geliefert haben. Sprengstoff aus einer Panzergranate, eine Kalaschnikow und fünf Pistolen spielten im Prozess ebenso eine Rolle wie ein möglicherweise geplantes Attentat auf das neue jüdische Zentrum in München. Um derlei Dinge ging es also in der Landsbergerstraße 106. Wiese selbst stammt aus Anklam und hatte Kontakt mit Neonazi-Gruppen in den neuen Bundesländern. Wer alles in seiner WG nahe dem Tatort übernachtete, ist unbekannt.

München, Bad Schachener Straße Nr. 14. Hier wurde am 29. August 2001 der türkische Gemüsehändler Habil Kilic (38) in seinem Laden erschossen. Es war Mordfall Nr. 4 in der "Döner"-Serie. 400 Meter oder ein paar Gehminuten entfernt vom Tatort liegt das Wirtshaus "Zum Glaskasten" in der Aschheimer Straße Nr. 15. Will man zum Beispiel von der nächsten U-Bahn-Station zu dieser Kneipe, kommt man an dem Laden in der Bad Schachener Straße vorbei. Die Gegend ist ähnlich wie in der Trappentreustraße nicht sehr mondän, hier finden sich vor allem Sozialwohnungsblocks älteren Baujahrs.

Das Wirtshaus zum Glaskasten war bis zum April vergangenen Jahres bekannt als Treff von Neonazis. Hier traf man sich zum "Liederabend" des "Nationalen Widerstands Oberbayern" und hängte gerne Reichskriegsflaggen an die Wand. Das war auch schon in den 1990er Jahren so. Am 29. August 1998 etwa hatte nach Informationen des "antifaschistischen Archivs a.i.d.a." die NPD zur Veranstaltung "Jugend steh auf - Sturm brich los - für ein neues ‚altes’ Reich" eingeladen. Die Nazi-Veranstaltungen führten damals zu Protestkundgebungen der Anwohner.

1998 tauchte das Neonazi-Trio des "Nationalsozialistischen Untergrunds" aus Zwickau unter und war danach nach der offiziellen Version nicht mehr gesehen. Ob sich die Drei zeitweilig etwa bei Gesinnungsgenossen in München in der Nähe der Tatorte aufgehalten haben, die Klärung dieser Frage ist nun eine der Aufgaben der Ermittlungsbehörden. Der jetzt in Hannover wegen Verdachts der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung festgenommene Holger G. soll jedenfalls nach Presseberichten an Demonstrationen der rechtsradikalen Szene in Bayern teilgenommen haben.

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