Neue Kämpfe in der Ost-Ukraine

Betroffen von Beschießungen sind Großstädte und Wohnviertel. US-Botschafter in der Ukraine sagt, vorgezogene Parlamentswahlen würden "die Reformen verlangsamen"

Donnerstag. Die Sonne scheint. Aus einem zerstörten Mehrfamilienhaus am nördlichen Stadtrand von Gorlowka hört man die Schreie einer alten Frau. Ihre Stimme überschlägt sich fast. Sie schreit: "Und ihr sagt, bei uns wird nicht geschossen."

Gerade kommt eine Beobachter-Gruppe an dem Haus vorbei, Offiziere der international nicht anerkannten "Volksrepublik Donezk" (DNR) und Beobachter der OSZE. Sie besichtigen die frischen Kriegsschäden, Bombentrichter und zerstörte Hausfassaden. Für die Offiziere ist klar, dass die ukrainische Armee für die neuen Beschüsse verantwortlich ist. Die OSZE-Beobachter schweigen.

Bäume sind zersplittert, Balkons zerfetzt, Außenwände der Plattenbauten haben sich verschoben. Überall sieht man Reparatur-Brigaden, die zerstörten Gasleitungen flicken. Die Reporterin Jekaterina Katina des DNR-nahen Video-Portals Newsfront filmte die Besichtigung.

Nach dem Beschuss von Gorlovka am 31. März. Bild: Screenshot des Newsfront-Videos

Ein Oberst der DNR hält die Splitter einer ukrainischen Artillerie-Granate in der Hand und sagt: "Kaliber 152 Millimeter. Eine Artilleriegranate, die auf Wohngebiete abgeschossen wurde." Neben ihm steht der Sprecher der DNR-Streitkräfte, Eduard Basurin. "Ich möchte bemerken, dass es in diesem Wohngebiet keinerlei Militäreinheiten gab", sagt er. Demnach galt der Beschuss der ukrainischen Streitkräfte also der Zivilbevölkerung. Das sagt der DNR-Militär-Sprecher nicht, legt es aber nahe.

Ein kleines Mädchen erzählt (Minute 1:51) den Reportern, dass in einem Kindergarten, in dem ihre Schwester untergebracht ist, durch die Beschießungen die Scheiben zerstört sind und die Kinder nach Hause geschickt wurden. Das Mädchen erzählt weiter, dass bei ihren Großeltern im Nachbarhaus ein Geschoss eingeschlagen sei. Wird oft geschossen?, wird das Mädchen gefragt. "Ja, wenn sie betrunken sind, dann schießen sie", antwortet die Kleine. Getötet wurde bei dem Angriff auf das Wohnviertel in Gorlowka zum Glück niemand. Offenbar saßen die Menschen alle in den Kellern.

Am Freitag erklärte der Pressesprecher der ukrainischen "Antiterroristischen Operation" (ATO) Viktor Schubez, die Bojewiki (Kämpfer, gemeint sind die Streitkräfte der "Volksrepubliken") würde auf friedliche Bürger schießen.

Während sie unsere Positionen beschießen, beschießen sie in zehn Prozent der Fälle auf ihre eigenen Positionen und auf friedliche Bürger mit dem Ziel, der Weltgemeinschaft zu zeigen, dass wir die Minsker Vereinbarungen brechen.

ATO-Pressesprecher Viktor Schubez

Fast auf der gesamten Länge der sogenannten Kontaktlinie, welche die "Volksrepubliken" von der Zentralukraine trennen, kam es in den letzten Tagen zu Beschießungen. Wie oft die Streitkräfte der Volksrepubliken (zurück)schießen, darüber liegen keine Angaben vor.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Ria Novosti sind in der vergangenen Woche in den "Volksrepubliken" 17 Menschen verletzt worden, darunter zehn Zivilisten und sieben Soldaten. Neun DNR-Soldaten wurden getötet.

In dem Tagesbericht der OSZE-Mission vom 31. März heißt es, die Verletzungen des Waffenstillstands hätten gegenüber dem Vortag zugenommen. OSZE-Beobachter, die sich sechzehn Kilometer nordöstlich von Donezk aufhielten, hätten zwischen 10:00 und 15:30 Uhr 445 Explosionen gehört. Bei dem Besuch eines ukrainischen Armee-Stützpunktes habe man festgestellt, dass 16 Panzer, welche die Armee gemäß der Minsker Vereinbarungen auf diesen Stützpunkt zurückgezogen hatte, abwesend waren.

Der ukrainische Fernsehkanal "112"veröffentlichte am Freitag ein Video, indem eine ukrainische Einheit in der Industriezone von Awdejewka angeblich einen Granatwerfer-Angriff der Separatisten "zurückschlägt". Der Feind ist nicht zu sehen. Nur ukrainische Soldaten, die mit Gewehren und tragbaren Granatwerfern schießen. War es ein inszeniertes Video?

Die Presseabteilung der ukrainischen "Antiterroristischen Operation" (ATO) erklärte, die Separatisten wollten mit ihren Angriffen die "Rückkehr" der ukrainischen Artillerie und Panzer an die Frontlinie "provozieren".

Doch nach Stellungnahmen von Vertretern der "Volksrepubliken" hat die ukrainische Armee ihre Panzer und Artillerie schon seit Tagen nah an die Kontaktlinie herangefahren und damit die Vereinbarung vom Juli 2015 gebrochen, nach der in einer 30 Kilometer breiten Pufferzone keine schweren Waffen stationiert sein dürfen.

Gegen Russland erhob die ukrainische Militäraufklärung neue Vorwürfe. Sie teilte mit, am Freitag seien in den "okkupierten Städten" Charyzsk, Krasnodon und Lugansk 15 Panzer und anderes Militärgerät "aus der Russischen Föderation" angekommen. Belege für diese Behauptung wurden nicht genannt.

Bereits am Donnerstag hatte die DNR-Militäraufklärung gemeldet, die ukrainische Armee sei dabei, sieben Haubitzen, zehn T-64 Panzer und anderes Militärgerät Richtung Donbass zu schaffen. Die Operation werde "als Rotation getarnt".

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