Neue Kuriositäten aus dem wissenschaftlichen Publikationswesen

Predators consume that which is presented to them

Das als Predatory Publishing bekannte Publizieren ungeprüfter Journalartikel gegen Zahlung von Artikelgebühren treibt immer buntere Blüten. Wurde erst Ende 2016 das Grundschulreferat eines Siebenjährigen von einem angeblich Peer-Review-geprüften Journal zur Publikation angenommen (Bats are real cool Animals), konnte nun ein Reporter des Ottawa Citizen ein Editorial in einem Journal platzieren, in dem er das publizierende Journal selbst als unwissenschaftlich verhöhnt.

Beim Journal of Applied Molecular Cell Biology, das offensichtlich das Geschäftsmodell des Predatory Publishing nutzt, fragte der Reporter Tom Spears an, ob er denn Mitglied des Herausgebergremiums werden könne. Üblicherweise akquirieren solche Zeitschriften durch recht penetrante Einladungen Herausgeber selbst, um sich eine wissenschaftliche Aura zu verleihen. Wer als seriöser Wissenschaftler eine solche Einladung achtlos annimmt, riskiert seinen guten Ruf, wenn in seiner Community publik wird, dass er den Namen für ein derart betrügerisches Geschäft hergibt.

Spears gab sich in seiner Bewerbung als promovierter Experte in Erdwurm-Phrenologie aus. Phrenologie selbst ist, wie in der Wissenschaft allseits bekannt sein sollte, eine Scheinwissenschaft, die vorgibt, aus Schädelformen Charaktereigenschaften ableiten zu können. Spears wurde prompt als Mitglied des Gremiums akzeptiert und um das Verfassen eines Editorials für das nächste Heft des Journal of Applied Molecular Cell Biology gebeten.

Das eingesandte Editorial wurde vom Journal ohne jegliche Änderung akzeptiert und wenige Tage später publiziert. Dabei enthielt es neben Pöbeleien ("The example of the white suckers that are born every minute is emblematic of journals like this") allerlei Beschimpfungen des Journals selbst wie etwa: "Predators consume that which is presented to them. In a not dissimilar way, journals partake of the opportunity to welcome the little fishes of the publishing world in with gently smiling." Mittlerweile entfernte das Journal den Text, er ist jedoch weiterhin online abrufbar.

Da Editorials eine Art Leitartikel oder Vorwort eines Herausgebers darstellen, werden sie, anders als echte wissenschaftliche Artikel, keiner Peer Review unterzogen, und so ist es nicht ungewöhnlich, dass Spears' Beitrag ebenfalls nicht dieser Prozedur unterlag. Dennoch wirft Spears' Eulenspiegelei ein trauriges Licht auf die Publikationskultur des publish or perish, in der Forscher um ihres materiellen und wissenschaftlichen Überlebens willen publizieren müssen, am besten in Journalen, die vorgeben Peer Review anzuwenden. Diese Kultur bringt eine Strategie hervor, in der es im Zweifelsfall besser ist, in einem dubiosen Journal zu veröffentlichen als gar nicht zu publizieren.

Shen & Björk legten letztes Jahr in einer Untersuchung zum Predatory Publishing dar, dass besonders Autoren aus wirtschaftlich benachteiligten Regionen in solchen Predatory Journals publizieren. Sie tun dies offensichtlich nicht nur aus Unwissenheit, sondern häufig auch gezielt in der verzweifelten Hoffnung, so ihre Chancen auf wissenschaftliche Karrieren durch Publikationen in vorgeblich Peer-Review-geprüften Journalen zu wahren.

Letztlich scheint Spears' auf das Journal of Applied Molecular Cell Biology gemünzte und in seinem Editorial formulierte Einschätzung ein wenig das Publikationssystem insgesamt zu beschreiben: "Researchers may conveniently park any ethics at the door." (Ulrich Herb)

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