Neue Masche aus Frankreich

Geboren aus dem Geist von Computerspielen: Polit-Machinima

"Geistesgegenwärtig" könnte man es nennen: Während es in den Kulturabteilungen in aller Welt nur so staubt vor Sorgen über die Chancen der heutigen Jugend - wie schwer sie es hat, ihre ureigene Kreativität gegen Konsumterror, Anpassungsdruck und allerhand medialer Zerstreuungsmöglichkeiten etc. zu behaupten - erhebt sich an anderen Stellen ein ganz anderer Esprit. Und der beweist, wie schnell man mit Mitteln aus der Welt der Computerspiele, welche die meist jugendlichen, ergo "schutzbedürftigen" User einer weit verbreiteten Meinung nach doch zu "Medien-Opfern" macht, in einer Weise auf politische Ereignisse reagieren kann, wie es früher nur einer Minderheit möglich war.

Aus: French Democracy

Eigentlich brauchen Künstler immer eine zeitliche Distanz zu sogenannten "historischen Ereignissen", bis sie ihre Interpretationen umgesetzt haben. Dieses Timing-Gesetz scheint für den 27jährigen Franzosen mit dem "nome du net" Koulamata nicht zu gelten. Der Höhepunkt der Unruhen in den französischen Vorstädten (vgl. Erklärung des Ausnahmezustands als Antwort auf die Unruhen) ist gerade mal drei Wochen vorbei, die Diskussionen über die politischen und gesellschaftlichen Folgen laufen noch, doch schon hat Koulamata einen Kurzfilm über diese Ereignisse an einem Ort ins Netz gestellt, wo man zwar allerhand überraschende Dinge zu sehen bekommt, aber einen politisch aufgeladenen Film wie "The French Democracy" nicht ohne weiteres erwarten würde: Machinima.com.

"Machinima" (maschinima) ist ein Kunstwort, das gleichzeitig auf "machine", "cinema" und "animation" anspielt. Für den Pionier der Machinima, Hugh Hancock, sind die Filme, die Game-Engines dazu benutzen, um eigene Figuren, Szenen und Handlungen zu entwickeln (vgl. "Hauptsache, es bewegt sich was"), eine Kunstform, die aus dem Nichts kam und Hollywood-Blockbustern wie "Toy Story" ähnelt. Nur dass Machinimas von Filmemachern geschaffen werden, die "Null Budget" haben, nur ihre Zeit und ihre Kreativität.

Aus: French Democracy

Diese von den Spieleherstellern ursprünglich nicht vorgesehene Nutzung der Spiele ist deshalb so interessant, weil sie Amateuren den Eintritt in die aus Kosten- und Hardware-Gründen bislang verschlossene 3D-Welt erlaubt. Gleichzeitig ist Machinima ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass User keinesfalls nur passive Konsumenten dessen sind, was sie durch die Regeln des Spiels vorgesetzt bekommen, sondern dass sie Grenzen ausreizen, überschreiten und aktiv etwas Neues gestalten.

Karin Wehn, Machinima - Was Ego-Shooter und Puppentheater gemeinsam haben

Inwieweit der Filmemacher Koulutama in seinem etwa zehn Minuten langen Film über die Unruhen in Frankreich und inhaltlich mit Neuem aufwartet, ist, wie man es von einer sehenswerten Independant-Produktion nicht anders erwartet, streitbar und soll dem Betrachter überlassen bleiben, garantiert ist der Spaß an den tänzerischen Bewegungen von Figuren, die eigentlich für ganz andere Einsätze konzipiert wurden.

Koulutama hat eine solidarische Perspektive gewählt und rückt den Rassismus in Frankreich in den Mittelpunkt seiner Entstehungsgeschichte der Aufstände. Wie die aktuelle in Frankreich hitzig geführte Diskussion über die Äußerungen des Philosophen Alain Finkielkraut - "Wenn wir nur mit einem ausschließlich sozialen Problem zu tun gehabt hätten, dann wäre es als solches behandelt worden." - deutlich macht, ist das Thema Rassismus und dessen Verästelungen längst nicht beendet und sorgt weiter für Unruhe (siehe dazu ausführlicher: Sicherheit über alles).

Aus: French Democracy

(Thomas Pany)