Neue Probleme in Flamanville, Fessenheim-Abschaltung wackelt

Uralt-AKW Fessenheim. Bild: Florival fr/CC BY-SA-3.0

Es kommt zum Eklat, da Frankreich sich an das Abschaltversprechen 2020 nicht halten will, da Flamanville wohl auch 2020 nicht ans Netz gehen wird

Wieder einmal soll nach Ansicht des französischen Atomstromkonzerns EDF die Abschaltung der ältesten französischen Atommeiler am Oberrhein nach hinten verschoben werden. Immer wieder versprochen, hat der Betreiber EDF noch immer formal keine Stilllegung beantragt. Das wurde am Dienstag auf der Sitzung der Überwachungskommission im elsässischen Colmar bekannt. Damit wird das Versprechen der französischen Regierung und des Umweltministers François de Rugy wieder in Frage gestellt. Der hatte die Abschaltung für das kommende Jahr definitiv festgelegt, was allerdings schon die neunte Ankündigung war.

Seit vielen Jahren wird von verschiedensten Regierungen immer wird die Abschaltung versprochen und dann doch immer wieder verschoben. Inzwischen platzt auf der deutschen Rheinseite den Verantwortlichen offensichtlich der Kragen. Der SWR hat berichtet, dass man es inzwischen mit einem "handfesten Eklat" zu tun habe. Zitiert wird die Freiburger Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer. "Dreist" nannte sie das Nichteinhalten von Regierungsversprechen. "Wir müssen die französische Regierung jetzt zwingen, Klartext zu reden, insbesondere in ihrer Rolle als Mehrheitseignerin von EdF", denn 85% der Anteile an der EDF liegen in der Hand des französischen Staats. Die Regierung wird deshalb aufgefordert, die EDF zur Einhaltung der Zusage zu bewegen.

Als Grund wird angegeben, dass die Verhandlungen zwischen der hoch verschuldeten EDF und der französischen Regierung um eine Entschädigung von rund 490 Millionen Euro ins Stocken geraten seien. Dafür müsse sogar erst noch eine Kommission gebildet werden, erklärte der Chef des Atomkraftwerks Simon-Jean. Der meint auch, dass die Abschaltung weiterhin an die Inbetriebnahme von Flamanville gekoppelt ist, was die deutsche Seite weiter empört.

Es ist ohnehin ein Unding, dass der praktisch staatliche Atomstromkonzern vom Staat überhaupt für die Abschaltung von zwei maroden Meilern entschädigt werden will. Die sind mehr als 40 Jahre alt, gegen Flugzeugabstürze nicht geschützt und weisen weitere massive Probleme auf. Ein Meiler war wegen etwas Wasser zwischenzeitlich sogar außer Kontrolle geraten, da nicht einmal die Schaltschränke in einer hochgefährlichen Anlage wasserdicht waren. Bekannt ist auch, dass ein Dampferzeuger mit gefälschten Sicherheitszertifikaten verbaut ist.

Die Mängel, die auch der EU-Stresstest aufgezeigt hatte, wurden auch durch Nachrüstungen nicht beseitigt und die Sicherheit "nur bedingt verbessert". Ein Gutachten weist auf "weiterhin teilweise gravierende sicherheitstechnische Defizite" hin: "Nachrüstungen können Schwachstellen aufgrund der Grundauslegung der Anlage nur zum Teil ausgleichen." Schon deshalb müsste er abgeschaltet werden. Oder man müsste drastische Nachrüstungen fordern, die so teuer werden würden, dass die EDF freiwillig abschaltet.

Doch das will in Frankreich offenbar niemand, weshalb die ASN nach einer Abschaltung auch Schrottmeilern den Weiterbetrieb erlaubt, obwohl die Aufsichtsbehörde immer wieder die "besorgniserregende Sicherheitslage" in französischen Atomkraftwerken kritisiert. Ein Problem ist, dass das Atomstromland praktisch jeden Winter, wenn es einmal etwas kälter wird, vor einem Blackout steht, wie zuletzt im Januar. Dann hängt Frankreich, das die Energiewende völlig verschlafen hat, am europäischen Netz.

Eigentlich hatte der Umweltminister die Abschaltung Fessenheims von der Inbetriebnahme des neuen Reaktors in Flamanville entkoppelt. Doch mit der schwindenden Hoffnung, dass der neue "European Pressurized Reactor" (EPR) im kommenden Frühjahr mit einer neunjährigen Verspätung und einer Kostenexplosion von geplanten 3,3 auf bisher etwa 11 Milliarden Euro doch noch ans Netz gehen würde, wird die Abschaltung Fessenheims 2020 wieder in Frage gestellt. Und sofort taucht deshalb auch die Koppelung wieder auf.

Neue Probleme am EPR

Derzeit zeigen sich am EPR wieder neue und teure Probleme mit Schweißnähten. Deshalb wird es vermutlich nicht nur noch teurer, sondern es kommt zu weiteren Verzögerungen, wenn die ASN nicht doch noch die defekten Schweißnähte abnickt. Dagegen haben sich aber deren Experten ausgesprochen und die Atomaufsicht will sich am 29. Mai dazu äußern, was mit Spannung erwartet. wird Fordert sie Nachbesserungen, dann ist ziemlich sicher, dass der EPR auch im kommenden Jahr nicht in Betrieb geht, wie Telepolis erwartet hatte) Die Chancen, das Fessenheim endlich abgeschaltet wird, würden damit weiter sinken.

Die EDF hatte zehn Jahre Zeit bekommen, um den neuen EPR zu bauen. Die Genehmigung wurde 2017 auf April 2020 verlängert, doch dann wird er aller Voraussicht weiterhin nicht laufen, wenn die Schweißnähte nach geltenden Sicherheitsbestimmungen ausgeführt werden. Dabei dürfte dieser Reaktor ohnehin nie seine gefährliche Tätigkeit aufnehmen. Zu erinnern sei, dass es hier nicht nur Schweißprobleme gibt. Es gibt auch Schmiedeprobleme. Die finden sich aber nicht am Dampferzeuge, sondern am Reaktorbehälter. Der Stahl ist mangelhaft.

Aber auch hier hat die Atomaufsicht, die vor Sicherheitsproblemen gerne beide Augen zudrückt, eine staatstragende Lösung gefunden. So soll nach einigen Jahren in Betrieb der Ausschuss-Deckel überprüft werden. Man weiß bisher nicht einmal, wie das dann geschehen soll. Vom Boden des Reaktorbehälters, der ähnliche Probleme aufweist, spricht man bei der ASN nicht, da dies vollkommen unmöglich ist. Es wäre an der Zeit, die teure Bauruine aufzugeben und endlich umzusteuern, anstatt das Fiasko immer größer werden zu lassen. (Ralf Streck)