Neue Seidenstraße eröffnet

Der erste direkte Güterzug von China nach Wien. Foto: Nina Gou / Xuang Feng (RCG)

Zwischen China und Österreich gibt es jetzt eine Güterzug-Direktverbindung

Bahnreisen dauern oft lang, aber selten so lang wie die des Güterzugs mit 44 Containern, der letzte Woche die 9.800 Kilometer lange neue Direktverbindung zwischen China und Österreich eröffnete: Er brauchte für seine Reise durch China, Kasachstan, Russland, die Ukraine und die Slowakei zwei Wochen und zwei Stunden. Das ist allerdings immer noch deutlich weniger als ein Containerschiff, das erst ungefähr sechs Wochen nach seiner Abreise in Europa eingetroffen wäre.

Diesen Zeitvorteil will die Rail Cargo Group (RCG), eine Tochter der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) dazu nutzen, um mit vorerst 400 bis 600 Transporten jährlich ein Geschäft zu machen, das sonst Reeder oder Fluggesellschaften machen würden, die Waren noch etwas schneller, aber sehr viel teurer transportieren. Daran, dass der Seeweg billiger ist, wird die ÖBB ihrem Vorstandsvorsitzenden Andreas Matthä "arbeiten".

Damit die ÖBB den Fluggesellschaften und Reedern mehr Konkurrent machen kann, will der freiheitliche Infrastrukturminister Norbert Hofer die Fahrzeit der Seidenstraßenzüge von gut 14 auf zehn Tage verringern. Dazu schließt er neue Verträge mit Russland - dem Land, zu dem seine Partei bessere Beziehungen pflegt als andere.

Die Infrastrukturausbauten, die China zum Bau des 2013 vom Staatspräsidenten Xi Jinping ausgerufenen Projekts in ehemals sowjetischen Ländern wie Kasachstan finanzierte, scheinen Russland bislang - anders als man in Washington hoffte - nur bedingt zu stören. Zumindest nicht so, dass sich Moskau Befürchtungen über einen Verlust von Einfluss öffentlich anmerken lassen würde.

Dafür äußerten die Außenminister von Deutschland und Frankreich und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar Bedenken gegen die neue Seidenstraße, die der inzwischen abgelöste deutsche Sozialdemokrat Sigmar Gabriel als "Versuch eines umfassenden Systems zur Prägung der Welt in Chinas Sinne" bezeichnete.

Das hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass die ÖBB mit ihren Gütertransporten nicht nur 2,2 Milliarden Euro jährlich umsetzt und damit rund 8.700 Mitarbeiter bezahlt, sondern auch Deutschland beliefert, wo die dortige Bahn mit ihrem 2011 ins Leben gerufenen ihrem Trans-Eurasia-Express den Markt lieber für sich hätte.

Die USA arbeiten den Informationen der Australian Financial Review nach bereits an einer Konkurrenz zur neuen Seidenstraße, an der sich neben Australien auch Indien und Japan beteiligen sollen. Man wolle, so ein nicht namentlich genannter amerikanischer Regierungsvertreter, China zwar nicht "den Aufbau von Infrastruktur verbieten", aber eine "Alternative" anbieten, die "allen Seiten wirtschaftlichen Erfolg verspreche".

In Österreich sind dagegen nicht nur die beiden Regierungsparteien, sondern auch Grüne wie Bundespräsident Alexander van der Bellen Freunde des 113 Milliarden Euro schweren Projekts: Der Politiker nahm zusammen mit der parteilosen Außenministerin Karin Kneissl an einem Festakt bei der Abfahrt des Zuges in der 14-Millionen-Metropole Chengdu teil und befürwortete die Verbindung dort mit der Treibstoff- und CO2-Ersparnis gegenüber dem Transport mit LKWs.

Eingefädelt wurde das Projekt bereits von der alten schwarz-roten Koalition, deren Wirtschaftsstaatssekretär Harald Mahrer von Wien als "Hub" Europas und von tausenden neuer Niederlassungen chinesischer Firmen in der österreichischen Bundeshauptstadt schwärmte. In China scheint man solchen Plänen nicht abgeneigt zu sein: Im März lud Li Xiaosi, der chinesische Botschafter in Wien, die Alpenrepublik dazu ein, der bislang aus 17 Ländern bestehenden China-Osteuropa-Initiative CEEC beizutreten.

Ob es dazu kommt, ist noch offen. Mit der Slowakei arbeitet Infrastrukturminister Hofer aber bereits an einem Hub Wien-Pressburg, auf dem der Güterverkehr von der transsibirischen Breitspurbahn bis 2033 möglichst reibungslos auf die europäische Spurbreite umgeladen und in die westlichen EU-Länder weitergeleitet werden soll. Als Ausbaustandort dafür ist die Gemeinde Bruck an der Leitha im Gespräch, wo aber noch eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt wird. Ein weiterer Anschluss für die Transsib soll im burgenländischen Parndorf entstehen.

Die nach dem früher einmal begehrtesten chinesischen Handelsgut benannte alte Seidenstraße kam erst im 19. Jahrhundert zu ihrem Namen, als der deutsche Geografen Ferdinand von Richthofen den Begriff erstmals verwendete. Mit Karawanen bereist wurde sie allerdings bereits seit der Antike, wie Seidenfunde im Grab eines keltischen Fürsten aus dem 6. Jahrhundert vor Christus zeigen. Der Austausch von Gütern führte dazu, dass sich in China und im vietnamesischen Óc Eo auch römische Münzen finden - die frühesten davon aus dem ersten Jahrhundert nach Christus. 166 tauschten das Land im Osten, das in Rom "Serica" hieß, und das in China als "Da Qin" bekannte römische Reich sogar Botschafter aus (vgl. Chinesen im römischen Londinium). (Peter Mühlbauer)

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