Neue schwere Erkrankung bei Kindern, die mit Covid-19 verbunden sein könnte

In Großbritannien kam es durch eine Überreaktion des Immunsystems zu Todesfällen, auch in Spanien und Italien wurden solche Fälle beobachtet

Kinder sind bislang am wenigsten von Covid-19 gefährdet. Aber jetzt teilte der britische Gesundheitsminister Matt Hancock mit, dass in Großbritannien bereits mehrere Kinder an einer möglicherweise "neuen Krankheit" gestorben seien, die mit Covid-19 verbunden sein könnte. Sie sind an einem schweren Entzündungssyndrom gestorben, das einer Sepsis ähnelt, die durch eine Überreaktion des Immunsystems entsteht. In Italien wurde das bei Kindern schon im März beobachtet, auch in Spanien gab es offenbar wenige Fälle.

Hancock sagte dem Sender LBC, dass es Anzeichen einer solchen Erkrankung gebe, die durch die Reaktion des Immunsystems entstehe und dem Kawasaki-Syndrom oder dem mukokutanns Lymphknotensyndrom (MCLS) gleiche. Verbunden sei die Erkrankung mit Fieber, Anschwellen der Drüsen, Hautentzündungen und in den schweren Fällen mit einer Entzündung der Arterien in den Herzen der Kinder. Der Gesundheitsminister erklärte, er habe sich an das NHS für mehr Informationen gewandt.

Beunruhigend ist, dass offenbar auch gesunde Kinder daran gestorben sind. Man gehe von einer Verbindung mit Covid-19 aus: "Wir sind nicht 100 Prozent sicher, weil einige, die daran erkrankt sind, nicht positiv getestet wurden." Die Fallzahl sei aber klein. Nach dem englischen leitenden Amtsarzt Chris Witty ist ein Zusammenhang mit Covid-19 wahrscheinlich, da sich auch bei erwachsenen Infizierten eine Sepsis gezeigt habe.

Einen Tag zuvor hat die britische Paediatric Intensive Care Society (PICS) darauf hingewiesen, dass es einen Anstieg von schwer erkrankten Kindern mit einem "ungewöhnlichen klinischen Bild" gebe. Das NHS hatte am Wochenende in einem Rundschreiben an Ärzte von solchen Fällen aus den letzten Wochen berichtet, die meist positiv für Covid-19 getestet worden waren und in Intensivstationen eingeliefert wurden.

Gemeinsam sei ihnen Symptome eines toxische Schocksyndroms und einem atypischen Kawasaki-Syndroms. Die Blutwerte würden mit denen von Kindern übereinstimmen, die schwer an Covid-19 erkrankt sind. Gemeinsam sind auch Bauchschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden und Herzentzündung. "Es besteht die Sorge", so das NHS, "dass ein mit Sars-CoV-2 verbundes Entzündungssyndrom bei Kindern in Großbritannien entsteht, oder es handelt sich um einen anderen, noch nicht identifizierten, infektiösen Erreger, der mit diesen Fällen verbunden ist."

Kawasaki-Syndrom in Italien und Spanien

Aufgefallen war das "Kawasaki-Syndrom" bei Kindern im Zusammenhang mit Covid-19 bereits im März in Norditalien, wie der Corriere della Sera berichtet. Erstmals hatte das Syndrom der Kinderkardiologe Matteo Ciuffreda in Bergamo am 31. März bei einem 9-jährigen Jungen diagnostiziert, der in die Notaufnahme eingeliefert wurde. Mittlerweile seien es in einem Monat in Bergamo 20 Kinder, sonst seien es ein Dutzend Fälle pro Jahr, davon 2-3 schwere Erkrankungen.

Die 20 Kinder seien wieder nach 4-5 Tagen Behandlung genesen. Nur wenige seien Covid-19 positiv getestet gewesen, aber stammten aus Familien, in denen Covid-19 vorkam. Normalerweise ist die Kawasaki-Erkrankung gut zu behandeln. Die Kinder in Bergamo sollen aber schwerer erkrankt gewesen sein.

Insgesamt würde nur ein Prozent der Kinder, die positiv auf Covid-19 getestet wurden, das Syndrom zeigen. Über die Fälle wurde gerade eine Studie erarbeitet, die aber noch nicht veröffentlicht worden ist. Angesichts der anstehenden Öffnung in Italien wird darauf hingewiesen, dass eben auch Kinder an Covid-19 ernsthaft erkranken können. Ciuffreda schrieb mit anderen Ärzten aus Bergamo einen Brief an Kinderärzte, damit diese auf die beobachteten Symptome besonders achten sollen.

Es sei noch nicht klar, ob Sars-CoV-2 direkt für die Entwicklung des scheinbaren Kawasaki-Syndroms verantwortlich oder ob es sekundär zu Covid-19 auftritt. Die "hohe Inzidenz" - 30 Mal höher als in der Vergangenheit - würde aber nahelegen, dass die Verbindung nicht zufällig ist. Wenn sich ein Zusammenhang ergeben sollte, müssten Schutzmaßnahmen auch auf Kinder erweitert werden. Die Ursache der Kawasaki-Krankheit ist unbekannt. Schon vor Jahren wurden Viren der Coronavirus-Familie als wahrscheinliche Auslöser der Kawasaki-Krankheit betrachtet, was aber nicht belegt werden konnte.

In Spanien hat die Asociación Española de Pediatría (AEP), der Verband der Kinderärzte, eine Warnung veröffentlicht, dass in den letzten zwei Wochen Kinder im Schulalter und Jugendliche mit ungewöhnlichen Symptomen wie Hautschmerzen sowie Durchfall oder Erbrechen beobachtet wurden, die in wenigen Stunden einen Schock mit Tachykardie und Bluthochdruck ohne Fieber erleiden können. Normalerweise liegen Fieber, Erythrodermie und Bindehautentzündung vor, meist mit Bauchschmerzen und Herzentzündungen (Myokarditis). Die Rede ist von einem "pädiatrischen Schock". Manche der Kinder waren Sars-CoV-2 positiv, andere negativ, aber bei diesen wurden serologisch Anti-Körper festgestellt. Neben Spanien seien solche Fälle in Italien, Frankreich, Belgien und Großbritannien beschrieben worden.

Offenbar hat die Warnung der AEP Unruhe ausgelöst. So versichert die AEP, dass in Spanien nur sehr wenige Fälle beschrieben worden seien. Normalerweise verlaufe Covid-19 bei Kindern sehr mild. Der beschriebene Schock trete nur sehr selten auf und könne gut behandelt werden.

(Florian Rötzer)