NeueMedienKunstTheorie

"Paramour" und "Widerstände": Zwei Reader zum Zusammenhang zwischen Kunst und Medien

Scheiden sich beim Begriff Kunst bereits sämtliche interdisziplinären Geister, so scheint die Sparte bzw. Bezeichnung Medienkunst abermals verwirrender diskutiert zu werden. Abgesehen von der funktionalen Unklarheit schleicht sich im Diskurs zur Medienkunst gerne die normative Geringschätzung als Kunst zweiter Klasse ein, eben als unerlaubte Neben-Geliebte, "Paramour".

Die österreichischen Kunst-, Kultur- und Medientheoretikerinnen Gsöllpointner und Hentschläger arbeiten diesem Vorurteil wirksam entgegen. Zum einen zeigen sie in Paramour, dass der herkömmliche Kunstbegriff einer Revidierung bedarf. Zum anderen lenken sie die Aufmerksamkeit auf Voraussetzungen für Medienkunst zu Beginn des dritten Jahrtausends. Im ersten Teil (NeueMedienKunst, bewusst zusammengeschrieben, um die Interdependenzen der Bereiche zu verdeutlichen) dieses gemeinsamen Bandes diskutiert Katharina Gsöllpointner ausführlich aktuelle und historische Kunst-, Gesellschafts-, Subjekt- und Medienmodelle, respektive -definitionen, die für sie zu einem eigenen Medienkunstbegriff führen. Dabei bevorzugt die Österreicherin, die von 1991 bis 1995 auch künstlerische Leiterin des bekannten österreichischen Medienkunstfestivals Ars Electronica war, eher pragmatische gesellschaftstheoretische Positionen.

So werden hier übersichtliche Zusammenfassungen der kunsttheoretischen, zueinander durchaus kompatiblen Überlegungen von P. Bourdieu (das künstlerische Feld), N. Luhmann (Kunst als System) und S. J. Schmidt (Kunst als Konstrukt) zu Rate gezogen. Diese drei Vertreter neuerer gesellschaftstheoretischer Überlegungen v. a. im Mediendiskurskontext arbeiten mit eher weiten Kunst- bzw. Kulturbegriffen und wenden somit die Diskussion sinnvollerweise ab von gut und schlecht, high und low etc.

Ihnen geht es vielmehr um die Voraussetzungen und Funktionen der Kunst. Ausgehend von diesen metatheoretischen Gedankenübernahmen, diskutiert Gsöllpointner einige für die so genannten Neuen Medien bzw. deren In-Kunst-Setzung wesentliche Stichwörter, die oftmals, nicht nur im Umgangssprachlichen, leichtfertig bzw. sogar falsch benutzt werden (Cyborg/Körperlichkeit, Medialität/Intermedialität, Interaktivität/Interface, Hybridität/Hypertextualität/Transversalität, Virtual Reality/Cyberspace/Internet). Abschließend legt sich Gsöllpointner auf eine vorläufige Eingrenzung von NeueMedienKunst fest, die von reiner Darstellung auf Darstellung des eigenen Entstehungsprozesses und der eigenen (medialen) Bedingtheit umstellt:

"[...] ist jene Kunst, die auf Basis Neuer Informationstechnologien mit deren spezifischen und ihnen immanenten technischen, sozialen, ökonomischen, psychologischen und medialen Eigenschaften handelt, wobei sie sich als künstlerische Arbeit aus kulturellen Bedingtheiten ableitet, sich auf diese bezieht und mit neuen Ästhetiken experimentiert".

Im zweiten Teil (NetzWerk) von Paramour beschäftigt sich Ursula Hentschläger ausgiebig mit dem Informationsbegriff und dessen Bedeutung für neue Medientechnologien mit dem Schwerpunkt Internet. Hierbei ist aber stets klar, dass es Medienkunst schon länger, etwa als Fernseh-, Video- oder Computerkunst gibt. Hentschläger gibt Auskunft über zahlreiche technische und historische Details zum Internet und dessen Bedeutung für die (Medien-)Kunst, die sich immer wieder in Differenz zu den Programmierabteilungen der Softwarekonzerne setzen muss, will sie nicht auch wieder 'nur' als (eventuell noch) zu kommerzialisierender Innovator oder purer Produzent gelten und somit ihre Rolle der gesellschaftlichen Sollbruchstelle gänzlich verlieren.

Paramour liefert einen ersten, sehr interessanten Überblick über den 'State Of The Art' der theoretischen Standpunkte zum Thema Kunst und Internet und visualisiert diesen durch zahlreiche medienkünstlerische Abbildungen mitsamt deren Web-Adressen. Ferner werden hier, besonders für Einsteiger hilfreich, die meisten derzeit nicht nur von der Medientheorie ebenso inflationär wie divergierend verwendeten Internet-Termini erläutert. Einzig für Interessierte, die sich noch nie mit den eher funktionalen/pragmatischen Ansätzen der Bourdieuschen Kulturtheorie, der Systemtheorie und des (radikalen) Konstruktivismus beschäftigt haben, könnte die Rezeption zu Beginn etwas schwerfällig wirken.

Auf einem ähnlichen Gebiet setzt der Sammelband "Widerstände. Kunst, Cultural Studies, Neue Medien" an, allerdings ausgehend von der mittlerweile vieldiskutierten Dichotomie zwischen Mainstream und Subkultur. Diesem Wirkungs-Zusammenhang in verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen, vor allem aber in Kunst und Musik, wird nun schon seit geraumer Zeit auch wissenschaftliche Beachtung geschenkt. Für diese Analysen sind die britischen und amerikanischen Cultural Studies (es gibt keinen äquivalenten deutschsprachigen Begriff) unumgänglich. Bis auf wenige Ausnahmen (zum Beispiel der Band "Schocker: Stile und Moden der Subkultur" aus dem Jahr 1983 von Diederichsen/Hebdige/Marx, heute nur noch in Antiquariaten zu finden) wurden diese Ansätze zur Erforschung von Jugend- und Populärkultur zuvorderst in poptheoretischen Medieninstitutionen wie Spex, Texte zur Kunst oder eben auch der österreichischen Kunstzeitschrift springerin - Hefte zur Gegenwartskunst, vorgestellt und diskutiert.

Dieser Vorspung gegenüber den harten wisssenschaftlichen Disziplinen (hier wiederum waren Soziologie, Pädagogik und Kommunikationswissenschaft in erster Reihe, das neue Fach Kulturwissenschaft musste erst noch in dieser Form gegründet werden) verwundert nicht weiter, kamen doch zahlreiche Protagonisten der Cultural Studies höchstselbst aus zunächst außeruniversitären Zirkeln. Unter der Redaktion von Christian Höller, Ex-Autor von Spex, wurden nun die eher theoretischen Überlegungen aus diesem Feld in den springerin-Ausgaben der Jahre 1995 bis 1999 noch einmal gesondert kompiliert, zum Teil erweitert oder überarbeitet.

Die Fülle der Aufsätze, Essays und Interviews wurde in "Widerstände. Kunst, Cultural Studies, Neue Medien" in sechs Unterpunkte gegliedert, die jeweils eigene Schwerpunkte behandeln: Kunstpraxis, Theoriesprünge, Alternatives & Crossover, Cultural Studies, Postkolonialismus & Veränderung und Medienschleifen. Wenn auch in den mehr als dreißig Beiträgen sehr unterschiedliche Standpunkte dargelegt werden (wobei hier Überblicke wie Christian Höllers Offene Blockaden - geschlossene Transfers. Anmerkungen zur deutschsprachigen Cultural-Studies-Rezeption überschaubare Orientierung bieten), so bleibt am Lesenden doch eine Art Credo, sowohl von praktizierenden Künstlern wie Julie Ault oder Brian Wallis als auch von theoretisierenden Kritikern wie Christian Kravagna, hängen, dass es nicht (mehr) den einen großen Widerstand in der ausdifferenzierten Mediengesellschaft 2000 geben kann (daher der Titel Wider-Stände), dass es aber gleichzeitig keinerlei Total-Resignation bedarf, was Protest- bzw. kritische Reflexionsmöglichkeiten in vor allem der Kunst betrifft.

In der Popkultur regt sich derzeit eine Art neuer Aufbruch, ob nun und wenn, wie rasch kommerzialisiert, sei dahingestellt, bemerkbar, der diametral anschließt an Subversion durch Affirmation und Politikinteressenlosigkeit. Widerstände. Kunst, Cultural Studies, Neue Medien jedenfalls macht durch seine patchworkartige Herangehensweise immer wieder Spaß, der Band kann immer mal wieder (weiter-)gelesen werden, eine für die Cultural Studies nicht untypische Struktur und Rezeptionsform. Besonders lobenswert an beiden, sehr unterschiedlichen Bänden ist die gemeinsame Herangehensweise, Verbindungen zwischen Kunsttheorie und -praxis (mit dem Schwerpunkt Neue Medien) herzustellen.

KATHARINA GSÖLLPOINTNER / URSULA HENTSCHLÄGER: Paramour - Kunst im Kontext Neuer Technologien. Triton, Wien 1999, 208 S. brosch., mit zahlr. Abb., ca. 37,00 DM, ISBN 3-85486-030-7, triton.thing.at SPRINGERIN (HG.): WIDERSTÄNDE. Kunst, Cultural Studies, Neue Medien. Folio, Wien/Bozen 1999, 280 S. brosch., 29,00 DM, ISBN 3-85256-111-6, folio.thing.at (Christoph Jacke)

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