Neues Maßnahmenpaket: Was sagen die Corona-Zahlen?

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Ein Blick auf die wichtigsten epidemiologischen Kennziffern

Am Mittwoch verschärften die Ministerpräsidenten gemeinsam mit der Bundeskanzlerin die bisher geltenden Corona-Maßnahmen. In ihrem Beschluss erwähnten sie nur eine einzige nachprüfbare Kennziffer, die 7-Tage-Inzidenz: "Ein Wert von 50 Infektionen pro 100 000 Einwohnern (...) ist noch nicht erreicht."

Wenn die Regierungschefs es also nicht für nötig halten, ihre Entscheidungen mit nachvollziehbaren Zahlen zu begründen, werfen wir doch selbst einen Blick auf die wichtigsten epidemiologischen Kennziffern.

Um eine Übersicht zu bekommen, wie sich die Pandemie seit dem vorigen Maßnahmenpaket vom 2. November entwickelt hat, werden im folgenden alle Kennzahlen entsprechend der vom RKI angegebenen durchschnittlichen Zeitintervalle auf den angenommenen Ansteckungstag zurückgerechnet:

• Die heute gemeldeten Positiv-Getesteten haben sich vor 5 Tagen (plus Meldeverzug) angesteckt.
• Die heute gemeldeten Intensivstation-Neuzugänge haben sich vor 15 Tagen angesteckt
• Die heute gemeldeten Verstorbenen haben sich vor 21 Tagen (plus Meldeverzug) angesteckt.

Eine 7-Tage-Inzidenz, die keine ist

Zunächst zu den neu gemeldeten Positiv-Getesteten, die über die "7-Tage-Inzidenz" erfasst werden. Im wissenschaftlichen Sinn kann eine Inzidenzrate nur ermittelt werden, indem man entweder eine gesamte Population testet (was in diesem Fall nicht möglich ist), oder indem man repräsentative Daten nach einem ausgeklügelten Erfassungsdesign ermittelt (dies wird beispielsweise beim Influenza-Monitoring gemacht).

Beides ist im Fall von Corona nicht gegeben, weshalb die vom RKI täglich aktualisierte 7-Tage-Inzidenz eine Notlösung darstellt, die wissenschaftliche Kriterien nicht erfüllt. Für ihre Berechnung werden Daten zweckentfremdet, die aus gänzlich anderen Gründen erhoben wurden: CoV-2-Tests sind wichtiger Bestandteil der Einzelfalldiagnose, der Infektionskettenunterbrechung und des Risikogruppenschutzes. Diese Testziele unterscheiden sich fundamental von den Testzielen einer epidemiologischen Erhebung.

Dennoch hat die 7-Tage-Inzidenz seit der jüngsten Gesetzesnovelle sogar Gesetzesrang als wirkungsmächtigster "Maßstab für die zu ergreifenden Schutzmaßnahmen".

Die deutschlandweite 7-Tage-Inzidenz wird anhand der RKI-Meldedaten errechnet (RKI-Dashboard, rechts unten). Die Meldungen der sieben vergangenen Tage werden addiert, ins Verhältnis zur Einwohnerzahl gesetzt und auf 100.000 Personen heruntergerechnet. Ergeben sich mehr als 35 bzw. 50 Neumeldungen pro 100.000 Einwohner, können die im Gesetz genannten Maßnahmen eingeleitet werden.

Erfahrungsgemäß werden gerade die jüngsten Meldedaten in den Folgetagen noch erheblich nachkorrigiert, was die Verlässlichkeit der Inzidenzzahlen zusätzlich reduziert.

Trotz genannter Unzulänglichkeiten: Der Trend ist sicher nicht gänzlich realitätsfern. Das Diagramm zeigt einen Anstieg bis Anfang November und damit einen zeitlichen Zusammenhang zwischen dem großen Maßnahmenpaket am 2. November und der Meldezahlen-Entwicklung - wobei die Kurve bereits eine Woche zuvor abgeflacht ist.

Selbstverständlich gilt immer: Eine zeitliche Korrelation beweist noch keinen kausalen Zusammenhang.

Reproduktionszahlen zeigen Stabilisierung des Infektionsgeschehens

Im Gegensatz zur 7-Tage-Inzidenz beschreibt die Reproduktionszahl R nicht den Umfang der jüngsten Positivtests, sondern deren Entwicklung. Ist R größer 1, breitet sich die Infektion aus; unterhalb 1 geht sie zurück. Seit etwa drei Wochen errechnet das RKI R-Werte, die im Durchschnitt bei 1 liegen. Demnach breitet sich SARS-CoV-2 derzeit nicht weiter aus - auch wenn spektakuläre Tagesrekorde ein anderes Bild suggerieren.

Leider muss auch R aus den täglichen Fallmeldungen abgeleitet werden. Das RKI gibt sich zwar größte Mühe, diese Meldezahlen für die R-Berechnung neu aufzubereiten; auf einer minderwertigen Datenbasis sind jedoch keine hochwertigen Berechnungsergebnisse zu erzielen.

Gehen wir dennoch davon aus, dass die Reproduktionszahl mit R = 1 einigermaßen korrekt bestimmt ist, dann verliert die hohe 7-Tage-Inzidenz von derzeit 140 einiges an Bedrohlichkeit: Wenn sich alle sieben Tage 140 Menschen/100.000 Einwohner neu infizieren (das sind deutschlandweit etwa 16.600 Menschen pro Tag), bedeutet das nämlich keinesfalls, dass die Zahl der Spreader täglich um 16.600 steigt. Wer einmal infiziert war, bleibt nicht für alle Zeiten infektiös, und bei R = 1 ändert sich die Zahl der aktiven Spreader mittelfristig überhaupt nicht.

Derzeit geht das RKI in Deutschland von 290.100 "aktiven Fällen" aus, d. h. von 1.000 Menschen sind etwa drei CoV-2-positiv.

Intensivstation-Neuzugänge leicht rückläufig

Was die Zahl der mit Covid-19 in Verbindung stehenden Intensivstation-Einweisungen betrifft, ist die Datenlage dank DIVI-Intensivregister sehr solide. Die täglich gemeldeten ITS-Neuzugänge sind zur besseren Trenderfassung im folgenden Diagramm auf 7-Tage-Durchschnitt geglättet.

Die Ansteckung von Personen, die wegen oder mit Covid-19 intensivmedizinischer Behandlung bedürfen, ist etwa zeitgleich mit dem Maßnahmenstart Anfang November leicht zurückgegangen.

Zahl der Coronatoten erreicht Niveau einer schweren Grippewelle

Die folgenden Daten der täglich gemeldeten Coronatoten sind ebenfalls 7-Tage-geglättet. Um die Diagrammzahlen besser einordnen zu können, drei Vergleichspunkte:

• Aktuell liegen wir mit täglich 256 an oder mit Covid-19 Verstorbenen (im 7-Tage-Durchschnitt) leicht oberhalb des Corona-Peaks von Mitte März, als nach derselben Rechnung 232 Covid-19 Verstorbene/Tag zu beklagen waren.

• Die schwere Grippewelle, die sich 2017/18 über 15 Wochen hinzog, forderte pro Tag durchschnittlich 240 Todesopfer. Während der Hochphase im Februar/März 2018 waren es sicher erheblich mehr.

• In Deutschland sterben durchschnittlich insgesamt etwa 2.700 Menschen pro Tag.

Wegen des langen Zeitintervalls zwischen Ansteckung und Tod, endet diese Kurve bereits Anfang November. Bis dahin ist ein steter Aufwärtstrend festzustellen.

Weil die Sterbezahlen den Intensivpatienten-Zahlen in einigem Abstand hinterherlaufen, ist davon auszugehen, dass der Sterbezahlen-Aufwärtstrend noch etwas anhält und in etwa ein bis zwei Wochen deutlich abflacht.