Neues von der Heimatfront

Ministerin Scharrenbach (CDU) mit Heimatbotschafter Heino. Bild: MHKBG 2018 / F. Berger

Heino lässt NRW-Ministerin dumm dastehen, Grund ist eine haarige Liedgutsammlung

Das ist ein toller Streich: Auf dem Marktflecken einer Zwergstadt, nämlich in der Halle Münsterland, treffen sich "statistische kleinstädtische Achtzehnjahrhunderter" (frei nach Jean Paul), um (ausgerechnet!) über Heimat zu reden. Was als Demonstration der Einigkeit und - wohlgesinnt - als vaterlandsstärkende Botschaft gedacht war, gerät jedoch unversehens zu einer Posse. Man könnte die auch so nennen: Patriotische Nussecke trifft verirrte Enthusiasten.

Worum geht es? Es fand ein "Heimatkongress" statt, den das NRW-Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung (MHKBG) in Münster abzuhalten gedachte.

Eingeladen hatte Ministerin Ina Scharrenbach. Auch Schlagersänger Heino (79) war zugegen, einer von 47 prominenten "Heimatbotschaftern". Heino übergibt der Ministerin eine seiner altväterischen Schallplatten, betitelt: "Die Schönsten Deutschen Heimat- und Vaterlandslieder". Auf diesem Doppelalbum von 1981 bietet der blonde Barde treuliche Melodien feil, die Ministerin zeigt das Werk zusammen mit dem Landsmann in die Kamera.

So weit so gut. Wären auf dem Vinyl nicht Sachen drauf wie "Wenn alle Untreu werden" oder "Ich hatt' einen Kameraden". Die nämlich finden sich auch im Liedgut der nationalsozialistischen SS wieder, daran hatte niemand gedacht.

Und in der Tat, die Sammlung hat wirklich Schmiss: Von den 24 Liedern des Doppelalbums schmückten mindestens fünf die Auflagen der SS-Liederbücher. Das sogenannte "Treuelied" zum Beispiel, es beschwört eine der höchsten völkischen Tugenden der vaterländischen Ära. Einer der SS-Wahlsprüche lautete bekanntlich: "Die Treue ist das Mark der Ehre". So was ging direkt ans Herz der "Allermannsseelen".

Was nun, Frau Scharrenbach? Die Figurantin heimischer Weisheit (nochmal: Jean Paul) wollte eigentlich in Münster für Halt, Orientierung und Überschaubarkeit werben. Nun beteuerte sie am Mittwoch, sie habe keine Gelegenheit gehabt, Titel oder Texte des vertrackten Tonträgers "auf politische Korrektheit" hin zu überprüfen. Ihr Foto mit Heino enthalte keine politische Botschaft, und sie verwahre sich dagegen, mit der Nazi-Ideologie in Verbindung gebracht zu werden.

Ertragen lässt sich das alles nur mit Jean Paul (1763-1825), und zwar mithilfe "Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch". Darin fliegt der Erzähler in einem Ballon über die Kleinstädter seiner Tage und beobachtet deren "Ameisenkongresse". Welch netter Einfall! Und wie aktuell, diese Idee!

"Ich mag heute nichts mehr schreiben", lautet Giannozzos Resümee am Ende der "Dritten Fahrt". Da kann man sich nur anschließen. "Musikalische Zeitzeugen" nennt das Ministerium das problematische Liedgut von Münster auf Nachfrage. Das klingt zum Ausklang prima. Zum Abschied von dem besagten Ameisenkongress gab es von der "Westfalen-Initiative" für alle Besucher eine bunte Mischung Landblumen-Samen. Dazu gratis die Losung: "Bring‘ deine Heimat zum Blühen." (Arno Kleinebeckel)

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