Neues zur Jugend von heute

Leistungsbereit, harmonisch, kreativ: Das Problem ist nur, wer will sie haben?

Seit 1953 berichtet uns die Muschel von den aktuellen Werten und Zukunftserwartungen der deutschen Jugendlichen und jedesmal hören die Erwachsenen in Politik und Medien genau zu, wenn die neueste Shell-Studie die mittlerweile altertümlich anmutende Pauschal-Floskel der „Jugend von heute“ in fassbare, zitierfähige Trends und Prozentzahlen auflöst. Als zentralen Trend ermittelte die gestern veröffentlichte 2006er Studie "Eine pragmatische Generation unter Druck" nach den Worten des Studienkoordinators Karl Hurrelmann eine „immer noch konstruktive Einstellung zur Gesellschaft“, unter deren Oberfläche allerdings „Unruhe und Irritation“ verbreitet ist.

Die Studie präsentiert in manchem eine Jugend wie vom Reißbrett verantwortungsbewußter Sozialingenieure. Sie berichtet vom großen Respekt der Jugendlichen vor der älteren Generation, von 72 Prozent junger Menschen, die der Auffassung sind, dass man eine Familie braucht, um wirklich glücklich leben zu können. Davon, dass beinahe drei Viertel der 18 bis 21-Jährigen noch bei ihren Eltern leben, dass überwältigende 90 Prozent bekunden, mit ihren Eltern gut auszukommen und die große Mehrheit von ihnen, über 70 %, ihre eigenen Kinder „genauso oder ähnlich“ erziehen wollen: Harmonie zwischen den Generationen.

Die Antworten der 2532 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren auf jeweils hundert Fragen würden auch zeigen, dass ihnen Fleiß und Ehrgeiz weiterhin viel bedeuten, dass neben der Familie auch Freundschaft, Partnerschaft und Eigenverantwortung als wichtig eingestuft werden. Das Streben nach Sicherheit und Ordnung würde komplettiert durch ein im Vergleich mit der Vorgängerstudie von 2002 erhöhtes Streben nach persönlicher Unabhängigkeit und Kreativität. Summa summarum, heißt es in der Zusammenfassung, „vermischen sich in den Lebensorientierungen junger Menschen weiterhin moderne und traditionelle Werte“.

Doch gibt es auch Ergebnisse, welche das idyllische Stilleben mit anderen modernen Elementen aufmischen: Zwar hat noch jeder zweite eine „eher zuversichtliche“ Vorstellung von der eigenen Zukunft, 42 Prozent sehen sie „eher gemischt“ und acht Prozent „eher düster“. In der vorhergehenden Studie sahen diese Werte aber eher besser aus: Da blickten 56 % zuversichtlicher, 37 Prozent mit gemischten Gefühlen und 6 Prozent düster in die Zukunft. Die Erklärung für das gesunkene Vertrauen könnte in der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes liegen. Das nämlich befürchtete eine übergroße Mehrheit - 69 Prozent der Jugendlichen (2002: 55 Prozent). Zu den Sorgen über die wirtschaftliche Entwicklung und die steigende Armut gesellte sich noch die notorische Angst von Jüngeren seit längerer Zeit: die Angst, nicht gebraucht zu werden.

Was die Familie betrifft, ist trotz der oben beschriebenen Harmonie zwischen den Generationen und der deutlichen Familienorientierung unter den Jugendlichen ein Trend zu beobachten, der die Demografen nicht beruhigen dürfte:

Die Zahl junger Erwachsener, die zunächst auf eigene Kinder und Familie verzichten, wächst. Dabei ist es nicht so, dass junge Frauen keine eigenen Kinder wollen. Sie sehen sich jedoch bei der Familiengründung mit vielfältigen Schwierigkeiten konfrontiert, weil Ausbildung, berufliche Integration und Partnerschaft mit Familiengründung in einem sehr kurzen Zeitfenster komprimiert sind – der so genannten Rushhour des Lebens. Die jungen Frauen nehmen äußerst sensibel wahr, welche Probleme mit Nachwuchs und dem Vorankommen im Berufsleben verbunden sind.

Gerade die jungen Frauen demonstrierten andererseits auch Ergebnisse, die im Vergleich zu den Jungen so ausfielen, dass schon das Wort vom künftigen „Kampf der Geschlechter“ (statt dem „Kampf der Generationen“) laut wurde. „Die Mädchen drücken das Leistungspedal- wenn das so weiter geht, werden die Frauen die neue Bildungselite“, so fasste der Studienkoordinator Hurrelmann Ergebnisse zusammen, die größeren Schulerfolg und größeren Ehrgeiz der jungen Frauen dokumentierten.

Und die jungen Männer? Sie bleiben anscheinend länger zuhause, im sogenannten „Hotel Mama“, öfter in der Schule sitzen (20 Prozent gegenüber 14 % bei den Mädchen), zeigen aber deutliche Ansätze, sich vom nicht mehr zeitgemäßen Klischee des „starken Paschas“ zu verabschieden, so der Mitautor der Studie Ulrich Schneekloth, der „kooperative Erziehungsstile, die auf Miteinander und gegenseitiges Aushandeln setzen“, empfiehlt, denn so könnten die Jugendlichen lernen, in unterschiedlichen Rollen besser zurechtzukommen.

Dies ist auch der einzige Weg, um dieses Männerstereotyp zu überwinden. Da hilft keine Härte und keine Strenge.

Eine leistungsbereite, pragmatische, modernen Anforderungen gegenüber aufgeschlossene Jugend, partnerschaftlich mit Drang zu eigenständigem Handeln also, die sich zudem mit der Affirmation von gefragten Sekundärtugenden und von etablierten, konservativen Institutionen wie der Kirche (ohne allerdings dem rechten Glauben mit großem Engagement zu folgen, anders als es Kirchentage suggerieren) ein gutes Bewerbungsschreiben ausstellt. Das Problem ist nur, wer will sie haben? Für diejenigen mit guter Schulbildung weniger ein Problem als für die sogenannten „Bildungsfernen“. Die Kluft zwischen Akademikerkindern und solchen aus schlechtern Verhältnissen ist größer geworden, stellt die Studie auch fest.

Und zwei Worte des Hurrelmannschen Fazits von der „immer noch konstruktiven Einstellung zur Gesellschaft“ lassen etwas aufmerken: Das „immer noch“ zeigt an, dass sich dies durchaus auch ändern könnte, wenn die Entwicklungen etwa die Angst vor der beruflichen Zukunft weiter vergrößern. Jüngere Menschen in England beschäftigen sich, wie eine Untersuchung von Angestellten unter 35 Jahren zeigt, in ihren Träumen wieder mit etwas, das hierzulande scheinbar außer Mode gekommen ist, der Ausstieg aus dem Stress: Für 40% stehen weder Karriere noch Konsum an erster Stelle ihrer Wünsche, sondern "Downshifting", der "Tausch einer finanziell attraktiven, aber stresserfüllten Karriere gegen eine weniger anstrengende, aber mehr erfüllende Lebensweise mit geringerem Einkommen". (Thomas Pany)