Neukölln ist überall

Knallhart: Sozialer Abstieg und kriminelle Karriere

Dass es in Deutschland Arme und Reiche gibt, ist nichts Neues. Dass Schüler von Gleichaltrigen abgezogen werden auch nicht. Und dass die Integration so genannter Migrantenkinder nicht immer und überall gleichermaßen erfolgreich ist, dürfte inzwischen ebenfalls Allgemeingut sein. Warum also die Aufregung um Detlev Bucks neuen Film, der auf der Berlinale Premiere hatte und gestern in den deutschen Kinos anlief?

Foto: Delphi Filmverleih

Haben die, die jetzt Alarm schlagen und den Film als endgültigen Beweis für das Scheitern der Integration betrachten, bislang geschlafen? Oder benutzen sie die Geschichte vom blauäugigen Jungen, den es aus dem betuchten Berliner Bezirk Zehlendorf in die Hartz IV Hochburg Neukölln verschlägt und sich dort eher schlecht als recht durchboxt, nur als Vehikel für sich und ihre Politik?

Die Antwort lautet Ja und Ja. Erstens: Nur wenige Politiker kennen den Alltag in den weniger wohlhabenden Gegenden Deutschlands aus erster Hand. Selbst der OB-Kandidat der CDU, Friedbert Pflüger, tritt nur pro forma für den Bezirk an. Seinen realen Wohnsitz hat der Niedersachse hier ebensowenig wie die Herren Weizsäcker und Diepgen, die schon vor ihm für die Neuköllner CDU antraten. Zweitens: Dass die Kriminalität im Allgemeinen abnimmt, unter ausländischen Jugendlichen jedoch zunimmt, wissen Kriminalstatistikspezialisten schon länger. Doch jetzt erst können sie dank "Knallhart" mit gesteigerter Aufmerksamkeit rechnen.

Französische Vorstadtverhältnisse?

Dem Regisseur kann man eigentlich keinen Vorwurf machen – er hat einfach nur den Jugendroman von Gregor Tessnow verfilmt, und der spielt nun mal in Neukölln. Außerdem hat Buck in einem Interview versucht, den Bezirk zu rehabilitieren, indem er erklärte, dass er Neukölln "eher hip und cool" findet als manchen anderen Berliner Bezirk, „der einen 'Methusalemkomplex' hat." Und dann fügte er noch das höchste Lob hinzu, das einem deutschen Multikultifan eben so einfällt: "Neukölln hat mehr mit New York zu tun als viele andere Teile von Berlin." Natürlich ist auch das ein Klischee, aber eben eines, das den Berlinern gefällt.

Foto: Delphi Filmverleih

In den Vox-Spätnachrichten am vergangenen Dienstag gab es jedoch keine Vergleiche zwischen Berlin und New York. Da wurde mit Blick auf Berlin vielmehr vor "französischen Vorstadtverhältnissen" gewarnt. Gezeigt wurde ein Bericht, wonach ausländische Jugendliche sich immer öfter per Handy zu Massenschlägereien verabreden – tatsächlich forderte die Rektorin der Neuköllner Helmholtz-Oberschule aus genau diesem Grund soeben ein Handyverbot.

Im Vox-Bericht wurde allerdings kaum differenziert: im Hintergrund wurde ebenso kommentarlos wie wahllos mal das Schild der S- und U-Bahn-Station Neukölln, mal das Schild der U-Bahn-Station Magdalenenstraße eingeblendet.

Neukölln hat seinen schlechten Ruf längst weg, und wenn "Knallhart" erst mal angelaufen ist, dann wird dieser Stadtteil in ganz Deutschland ein Begriff sein. Die Magdalenenstraße jedoch hat ganz und gar nichts mit Neukölln zu tun, sie befindet sich im Bezirk Lichtenberg, im Ostteil der Stadt. Auch hier ist die Welt nicht immer in Ordnung, aber das ist eine andere Geschichte.

Nicht nur Dönerbuden, prollige Einkaufsstraßen und heruntergekommene Hochhaussiedlungen

Neukölln jedenfalls besteht bei weitem nicht nur aus Dönerbuden, prolligen Einkaufsstraßen und heruntergekommen Hochhaussiedlungen wie der Gropiusstadt, die in den 80ern durch Christiane F. berühmt wurde. Ähnlich wie in Zehlendorf gibt es auch in Neukölln ruhige Wohnstraßen mit Einfamilienhäuschen und Garten drumrum.

Außerdem befindet sich hier Berlins modernste Geburtsklinik. Zugegeben: zahlreiche Eltern, die zur Geburt ihres Kindes gerne ins Klinikum Neukölln gingen, entscheiden sich dann doch dagegen, weil sonst in der Geburtsurkunde "Berlin Neukölln" als Geburtsort stünde. Zuständig für die Ausstellung des Papiers ist nämlich immer das Bezirksamt, in dessen Einzugsbereich die Klinik ihr Domizil hat. "Berlin Mitte" klingt eben doch besser.

Die Geschichte könnte überall in Deutschland spielen

Der Film "Knallhart" konzentriert sich auf das heruntergekommene Neukölln und stützt insofern populäre Vorurteile. Die Geschichte jedoch könnte überall in Deutschland spielen, deshalb soll sie hier in ihren Grundzügen erzählt werden – und weil auch das Ende anlässlich der Berlinale-Premiere ausführlich diskutiert wurde, muss man auch das nicht aussparen. Also: Mutter Miriam Polischka und Sohn Michael Polischka fliegen in Zehlendorf raus und landen in Neukölln. Sie (Jenny Elvers-Elbertzhagen) hat außer blond sein nichts gelernt, er (David Kross) ist gerade mal fünfzehn und nicht gerade das, was man im Englischen "streetwise" nennt.

Foto: Delphi Filmverleih

Also bekommt er gleich am ersten Tag in der neuen Schule Ärger. Erst wird er im Treppenhaus gegen die falschen Jungs geschubst, dann bekommt er von denen eine Tracht Prügel, muss Handy, Geld und Schuhe abgeben, sich als "Opfer" verhöhnen und zu allem Überfluss auch noch mit einem Handy filmen lassen. Damit jeder sehen kann, dass er ein Loser ist.

Natürlich ist das erst der Anfang seiner Tour der Leiden, doch wie es sich für einen Filmhelden gehört, dreht er irgendwann den Spieß um und wehrt sich. Statt wegzulaufen oder wieder mal "Schutzgeld" zu zahlen, geht er einfach auf Erol, den Anführer der Peinigergang zu und schlägt ihm ins Gesicht. Das hat Wirkung. Erstens hätte niemand damit gerechnet. Zweitens hat ihm zuvor einer der Liebhaber seiner Mutter gezeigt, wie man einen so genannten Totschläger verwendet. Drittens wird er bei seiner Aktion vom eleganten Drogenboss Hamal (Erhan Emre) beobachtet und für couragiert genug befunden, um von nun an als Drogenkurier zu arbeiten.

Sein deutschblondes Aussehen und vor allem sein unschuldiges Gesicht, das ihn zuvor zum perfekten Opfer gemacht hat, wird nun zum Kapital. Anders als all die dunkelhaarigen Türken und Araber, die von der Polizei bei jeder Gelegenheit gefilzt werden, kann er unbehelligt durch die als Drogenumschlagplatz bekannte Hasenheide spazieren, unter dem Arm ein schlapper Fußball, in dem ein großes Stück Dope steckt. Er steigt schnell auf in der Gunst seines Mentors, und noch schneller stürzt er wieder ab. Er vermasselt den ersten Großauftrag, weil er sich ohne große Not einen riesen Packen Geld abknöpfen lässt von Erol und seiner Gang.

Die wissen selbst nicht, dass sich in dem Rucksack, den sie "Polischka" wegnehmen, 80.000 Euro befinden. Und so landet der Rucksack eher zufällig auf dem Dach einer vorbeifahrenden S-Bahn und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Hamal regt sich gar nicht erst auf und interessiert sich auch nicht für Michaels Angebot, das Geld irgendwie zurückzuzahlen. Ihm geht es um "eine Geste". Wie die aussieht, wird Michael spätestens klar beim nächtlichen Showdown unter einer Autobahnbrücke, als Erol gefesselt und geknebelt vor ihm liegt und man ihm eine Schusswaffe in die Hand drückt. Es dauert zwar bis zum Morgengrauen, bis Michael endlich abdrückt, aber am Ende ändert das auch nichts mehr.

Foto: Delphi Filmverleih

Dann gibt es noch ein paar Seitenstränge und Verwicklungen wie zum Beispiel eine ziemlich überflüssige Rahmenhandlung mit Polizist und Geständnis; die wechselnden Liebschaften der Mutter, die auch den Polizisten mit einschließen, dem Michael seine Tat gesteht; eine sich anbahnende Romanze zwischen Michael und einer Mitschülerin, die dann doch nirgendwohin führt. Dazu die Freundschaft zu zwei Jungs aus der Schule, die ihn auch nicht beschützen können und wollen, wenn es hart auf hart kommt.

Für die durchaus realen Konflikte gibt es viele Gründe

Diese Girlanden bringen nicht wirklich viel, trotzdem ist der Film in sich ziemlich schlüssig, was vor allem an den fast durchweg hervorragenden Darstellern liegt – und daran, dass hier letztlich eine allgemein gültige Geschichte erzählt wird von einem der auszog, die eigene Furcht zu überwinden und am Ende doch nur größere Probleme hat als je zuvor. Daraus aber eine große Integrationsdebatte mit Untergangsvision zu machen, ist wohl doch etwas übertrieben.

Auch sollte sich niemand einbilden, dass es reicht, mit dem Finger auf Neukölln zu zeigen und mehr Deutschkurse für Migranten und Migrantenkinder zu fordern. Für die durchaus realen Konflikte gibt es viele Gründe; Gründe, deren Ursache nicht allein an Neukölln festzumachen sind, wie etwa Arbeitslosigkeit, Armut trotz Arbeit, Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung, die dann doch nicht zum Leben reicht, Perspektivlosigkeit und die Aussicht, auf illegale Weise schnell zu Geld kommen zu können.

"Ich war auch schon mal in Neukölln"

All das findet man natürlich nicht nur in Berlin Neukölln, sondern in ganz Deutschland. Insofern kann man sagen: Neukölln ist überall. Vielleicht rührt die Aufregung um den Film ja daher. Schließlich ist diese Erkenntnis ist nicht gerade beruhigend, vor allem nicht für diejenigen, die weiterhin in ihrer kleinen heilen Welt wohnen bleiben wollen und bei Berlin immer nur an Orte wie den Boulevard Unter den Linden, die schicke neue Reichstagskuppel oder auch an JFK denken, wie er vor dem Rathaus Schöneberg steht und sagt "Ich bin ein Berliner".

Andererseits berichtet Detlev Buck von türkischen Jugendlichen in Marburg, die nach einem Test-Screening sagten: "Ich war auch schon mal in Neukölln", nicht: "Ich war schon mal in Berlin". Buck fand das lustig und glaubt fest daran, dass sich das Image von Neukölln gerade zum Positiven wandelt. Fragt sich nur bei wem und ob sich dieser Imagewandel eines Tages auch bei denjenigen vollzieht, die weder ihr Berlinbild noch ihr Deutschlandbild angekratzt wissen wollen. (Katja Schmid)