Neun-Euro-Ticket: Gute Zwischenbilanz und Suche nach "Anschlusskonzepten"

Die Zukunft auf der Schiene zu sehen, fällt vor allem FDP-Politikern schwer. Symbolbild: ID 652234 auf Pixabay (Public Domain)

In den Ampel-Parteien gehen die Meinungen über die Notwendigkeit günstiger Monatskarten stark auseinander. Im Herbst droht ein Preisschock.

Allen Unkenrufen zum Trotz haben wohl doch einige Pendler ihre Autos stehen lassen: Einen Monat nach Einführung des Neun-Euro-Tickets, das bundesweit im öffentlichen Nahverkehr gilt, haben Verkehrsdatenexperten einen messbaren Rückgang von Staus registriert. In 23 von 26 untersuchten Städten ergab eine Analyse der Firma Tomtom für die Nachrichtenagentur dpa einen Rückgang des Stauniveaus im Vergleich zur Zeit vor der Einführung.

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) gab am Donnerstag an, bundesweit rund 21 Millionen der Sondermonatskarten verkauft zu haben: "Zusammen mit den etwa zehn Millionen Abonnentinnen und Abonnenten, die das vergünstigte Ticket automatisch erhalten, ist damit die vorher von der Branche kalkulierte Zahl von 30 Millionen Tickets pro Monat nicht nur erreicht, sondern sogar leicht überschritten worden", teilte VDV-Präsident Ingo Wortmann mit.

Bereits Mitte Juni hatte sich nach ersten Analysen der Deutschen Bahn das Fahrgastaufkommen in S-Bahnen und Regionalzügen um rund 25 Prozent erhöht.

Wer vorher schon überwiegend mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war und häufig Freunde oder Angehörige in anderen Städten besucht, kann durch das bundesweit gültige Monatsticket sogar doppelt Geld sparen. Vor allem vereinfache das Neun-Euro-Ticket "endlich den Tarif-Wirrwarr des regionalisierten Nahverkehrs", kommentierte die Frankfurter Neue Presse am Donnerstag.

"Auch wenn sich der staatlich geförderte Preis von neun Euro nicht halten lässt, sollte diese Vereinfachung unbedingt beibehalten werden - ob das Anschlussangebot nun ein höherer Einheitspreis pro Monat oder ein 'Klimaticket' für 365 Euro im Jahr ist." Letzteres fordert auch die Partei Die Linke.

"Schlechter Witz", wenn im Anschluss reguläre Preise steigen

Deren ehemaliger Ko-Chef Bernd Riexinger gibt zu bedenken, es sei "schlechter Witz, wenn nach Wegfall des Neun-Euro-Tickets die Fahrgäste plötzlich mit sogar höheren Ticketpreisen konfrontiert" würden. Das müsse auf jeden Fall verhindert werden, sagte Riexinger gegenüber dem Merkur.de. Als Teil des Entlastungspakets soll günstige Monatsticket nach bisheriger Planung nur bis einschließlich August angeboten werden.

Für die Zeit danach hat der VDV allerdings schon Ende Mai eine Erhöhung der regulären Fahrpreise angekündigt, sofern der Bund nicht mit Ausgleichszahlungen die höheren Spritpreise kompensiere.

Auch SPD-Gliederungen – beispielsweise in Bremen – finden die drohende Preissteigerung problematisch und fordern ein Preismoratorium ab September sowie das Angebot eines 365-Euro-Jahrestickets.

Wien baute vorher Kapazitäten aus

Ein solches gibt es unterdessen bereits in Österreichs Bundeshauptstadt Wien. "Doch was Politiker, die dies fordern, vergessen zu erwähnen: Bevor diese Fahrkarte angeboten wurde, haben die Verkehrsbetriebe die Kapazität erweitert und das Netz ausgebaut. Soweit sind wir in Deutschland nicht", gab die Märkische Oderzeitung zu bedenken, nachdem sie insgesamt eine positive Bilanz des ersten Monats mit Neun-Euro-Ticket zog und "Anschlusskonzepte" forderte.

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP), der Porsche fährt, aber nach eigenen Angaben durch den Kauf von Ausgleichszertifikaten "privat vollkommen klimaneutral" ist, hält aber nicht viel von günstigen Tickets für die breite Masse. Er sprach sich diese Woche gegen eine Verlängerung aus, während die Jugendorganisation seines grünen Koalitionspartners es verstetigt haben will. (Claudia Wangerin)