Neun Quadratmeter für über 600 Euro

Die Wohnungsnot in Paris

Paris ist ein teures Pflaster - nicht nur für Touristen. Immer mehr Menschen können sich ein Leben in der Metropole nicht mehr leisten. Schuld daran sind vor allem die extrem hohen Mieten. Oftmals gehen viele Pariser nur noch für ihre Wohnung arbeiten - schließlich geben sie frustriert auf und ziehen in die Banlieues. Eine Gruppen von Studenten hat davon so richtig die Nase voll: Sie haben Ende vergangenes Jahr ein Haus nahe des Elysée Palast im schicken 8. Arrondissement besetzt. Das ehemalige Gebäude einer Versicherungsgesellschaft stand seit fünf Jahren leer – bis Ende Dezember 2010, als die Gruppe „jeudi noir“ (schwarzer Donnerstag) in das Haus eindrang und sich in den 1500 m² eingerichtet hat.

„Die Besetzung ist ein symbolische Akt, aber auch gleichzeitig haben wir ein Ort gesucht, wo man an die 30 Personen unterbringen kann, die kein Obdach in Paris gefunden haben“, erklärt Manuel Domergue, der seit einiger Zeit in der Avenue Matignon 22 wohnt. Er hat schon vielen Oppositionsgrößen wie NPA-Chef Olivier Besancenot (Nouveau Parti Anticapitaliste), den Führer der französischen Linkspartei Jean-Luc Mélenchon (Parti de Gauche), Vertretern der Sozialistischen Partei und diversen Kommunalpolitkern die Hand geschüttelt. Sie alle unterstützen die Hausbesetzung von „jeudi noir“ und wettern gegen Immobilienspekulation und zunehmende Obdachlosigkeit.

Doch auch ungebetene Gäste geben sich die Ehre: 24 Stunden am Tag wird das Haus von der Polizei kontrolliert. Ohne ihre Erlaubnis kann niemand und nichts rein und raus. Das macht den Alltag in der „Matignon 22“ nicht gerade einfach. „Auf Druck von einigen Politikern hat die Polizei ihre strikte Blockade des Gebäudes etwas gelockert. Nun können wir immerhin einkaufen gehen“, berichtet Besetzer Manuel. Allerdings nur Lebensmittel – Heizungen und andere Einrichtungsgegenstände dürfen nicht ins Haus. Trotz der Umstände versuchten sich die 30 Besetzer langsam einzurichten.

Routinemäßig führen sie Journalisten und Fernsehteams durchs Haus, um über ihr neues Leben und ihre Motivation zu berichten. Doch außer Matratzen, Kochplatten und Laptops gibt es noch nicht viel zu sehen, denn die Besetzer haben alle Hände voll zu tun, ihr gewonnenes Terrain zu verteidigen: Sie rufen zu Demonstrationen vor dem Haus auf, erlassen Petitionen, drehen Video, hängen Transparente auf und versuchen, Zeit zu gewinnen.

Der offizielle Besitzer, die Versicherungsgesellschaft AXA, hat nämlich einen Prozess gegen die Besetzer angestrengt. Nach längerem Hin-und Her wird eine richetliche Entscheidung am 15.Februar erwartet. Die Forderungen von „Jeudi Noir“: Axa soll die leerstehenden Räume vermieten. Das Argument, dass es Büroräume sind, zähle nicht, dann müssten sie eben umgebaut werden, leerstehender Raum in Paris sei ein Skandal. „Jeudi Noir“ hat laut Nouvel Observateur jedesmal ein besetztes Haus freiwillig verlassen, sobald es wieder „eine soziale Aufgabe“ hatte.

Bis Oktober letzten Jahres waren die Pariser Hausbesetzer in einem historischen Gebäude auf dem beliebten Place des Vosges im angesagten Stadtteil des „Marais“ zwischen Bastille und Châtelet zu Hause. Dieses Haus besetzten sie immerhin ein Jahr lang. Nun ist ihr Protest allerdings in Reichweite des Präsidentenpalastes – was zwar die Medienaufmerksamkeit erhöht, aber die Chancen für einen dauerhafte Besetzung waren schlechter.

20.000 Euro pro Quadratmeter

Werden sie geräumt, sitzen viele von ihnen wieder auf der Straße. Auf die Frage, warum sie denn keine Wohnung bekommen, erklären die Aktivisten sehr bereitwillig die Pariser Misere: Zu wenig Wohnraum, zu viel Leerstand und einen stetig steigenden Mietspiegel. „In Paris ist es unmöglich eine Wohnung zu mieten oder gar zu kaufen, wenn man nicht zu den reicheren Schichten gehört.“, meint Manuel. Für prekäre Gruppen wie Studenten, Arbeitslose, Selbstständige und Geringverdienende sei in Paris schlicht kein Platz mehr.

Tatsächlich gibt es selbst um winzige Dienstmädchenzimmer von gerade einmal neun Quadratmetern für über 600 Euro heiße Konkurrenz. Das Haus in der Matignon 22 bringt es nach Schätzungen auf astronomische 20.000 Euro pro Quadratmeter. Zudem verlangen viele Vermieter von den Bewerbern unleistbare Sicherheiten wie mehrere Bürgen, das Gehalt muss das dreifache der Miete ausmachen und es werden hohe Kautionen von bis zu drei Monatsmieten verlangt. Die Vermieter begründen dies oft damit, das sie in den letzten Jahren immer häufiger um ihre Mieten geprellt wurden.

Die Kritik der Studenten von „jeudi noir“ wird durch die Zahlen des aktuellen Berichtes der Stiftung Abbé Pierre über prekäre Wohnverhältnisse untermauert: Mittlerweile haben 3,5 Millionen Menschen in Frankreich keine eigene Wohnung mehr und leben unter unwürdigen Bedingungen. Die Zahl der Menschen, die völlig auf Strasse leben, stieg in den letzten Jahren auf mittlerweile 100.000. Kurz- oder langfristig sind noch einmal rund 6,6 Millionen Menschen von schlechten Wohnverhältnissen bedroht.

1,2 Millionen Wartende

Zwar gibt es der Sozialwohnungen, die sogenannten HLM (habitation à loyer modéré), die in Frankreich eine lange Tradition haben, doch nur ein verhältnismäßig geringes Angebot, vor allem im Zentrum von Paris. Laut der Fondation Abbé Pierre warten rund 1,2 Millionen Franzosen schon des längeren auf eine Antwort für eine entsprechend günstige Wohnung – teilweise schon mehrere Jahre. „Jeudi noir“ konstatiert, dass im 8. Arrondissement, wo die Gruppe das Haus besetzte, nur zwei Prozent der Wohnungen ausgewiesene Sozialwohnungen sind.

„Der Pariser Wohnungsmarkt ist eine riesige Spekulationsblase“, meinte Benoît Hamon, Sprecher der Parti socialiste (PS) beim Besuch bei „jeudi noir“. Man sei in der Situation, dass einige Immobilienunternehmen damit Geld machen, das andere Menschen keine Wohnung fänden. Deshalb plädieren sie Sozialisten dafür, eine Steuer auf leerstehende Gebäude zu erheben, damit die Verknappung unrentabel werde. Olivier Besancenot (NPA) hingegen fordert gleich die Verabschiedung eines Gesetzes, das die Beschlagnahmung von leerstehenden Gebäuden legalisieren würde.

Beide Politiker sind allerdings nicht an der Regierung und bereiten sich derzeit ausgiebig auf den Wahlkampf im nächsten Jahr vor. Unter der konservativen Führung von Präsident Sarkozy ist hingegen kaum mit einer Besserung der Lage zu rechnen. Im Gegenteil. Wohnungsaktivist Manuel betont, dass sich die Situation unter der Regierung Sarkozy drastisch verschlechtert habe, da die Politik nichts mehr dafür tue, damit die Preise sich stabilisieren oder gar sinken. „Auf der Seite der Vermieter und der finanzstarken Käufer von Immobilien wurden kräftige Steuergeschenke gemacht, dagegen wurden die Hilfen zum Bau von Sozialwohnungen stark gekürzt“, erklärt der Besetzer.

Zelte für die Obdachlosen

Als Reaktion auf die dramatisch steigende Zahl der Obdachlosen, stellt die Organisation „les enfants de don quichotte“ (die Kinder des Don Quichotte) jeden Winter in großen französischen Städten Zelte für die Obdachlosen bereit. Die Bilder von der endlosen Kette der kleinen roten Zelte entlang des Pariser Canal Saint Martin gingen damals durch die französische Presse und brachten das Thema 2006 auf die politische Agenda.

Anlässlich dieser Aktion gründeten Studenten dann 2007 das Kollektiv „jeudi noir“, um regelmäßig leerstehende Gebäude „der Nutzung zu überführen“. Trotz ihrer spektakulären Aktionen stellten sich die Regierenden bis jetzt aber taub, beklagt „jeudi noir“. Sie hoffen aber, dass sich das mit den Wahlen 2012 vielleicht ändern könnte. (Susanne Götze)

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