"Neuro-Bashing" als Nachfolger des "Veganer-Bashings"

"Junge Leute in Berlin, die sich in der eigentlichen Forschung nicht durchsetzen können und sich jetzt beim geisteswissenschaftlichen Establishment anzubiedern versuchen"

Inwiefern war die Debatte um Gehirnforschung ein Medienkonstrukt und wie sehr zielt sie als solche an der wissenschaftlichen Realität vorbei?
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Thomas Metzinger: Man darf in der Tat nicht übersehen, dass das, was Sie am Anfang die "Prominenz" der Hirnforschung bezeichnet haben, auch ein Medienprodukt ist. Ein gutes Jahrzehnt lang galt die Hirnforschung als "spannend". Die FAZ hat die unsägliche Willensfreiheitsdebatte installiert und Hunderte von Journalisten haben brav bei den Leitmedien abgeschrieben. Jetzt versucht gerade eine kleine Gruppe eine neue Parole auszugeben, nämlich: Hirnforschung ist doof! Man hat uns etwas versprochen, was wir jetzt nicht bekommen!.
Dazu kommt, dass die Hirnforschung ein industrielles Niveau erreicht hat und mittlerweile große Geldmengen im Spiel sind, was natürlich zu Streit über die richtige strategische Ausrichtung unter den Neurowissenschaftlern selbst führt, die als ganz normale Menschen auch nicht frei von persönlichen, politischen oder anderen unsachlichen Motiven sind. Meine persönliche Voraussage ist, dass wir nach dem Medienkonstrukt "Veganer-Bashing" jetzt drei Jahre ein "Neuro-Bashing" bekommen werden.
Hier kommen viele Faktoren gleichzeitig zum Tragen: Zum Beispiel gibt es junge Leute in Berlin, die sich in der eigentlichen Forschung nicht durchsetzen können und sich jetzt beim konservativen geisteswissenschaftlichen Establishment anzubiedern versuchen, um dadurch irgendwie doch noch an der Universität zu überleben. Dann muss man aber auch ganz nüchtern konstatieren, dass leider viele Journalisten feige Trendverstärker sind - ähnlich wie Politiker, die kein eigenes Erkenntnisinteresse oder eigene Werte haben, sondern immer nur versuchen, sich rechtzeitig an die Spitze eines vermeintlichen Trends zu setzen. Die eigentliche, seriöse Forschung in der Philosophie und in der Hirnforschung berührt das aber alles nicht. Sie geht in aller Stille einfach Schritt für Schritt voran.
Die Vertreter des "freien Willens" sind mit den Ergebnissen der Neurowissenschaften in den letzten Jahren in Clinch geraten. Können Sie uns verraten, welche der beiden Parteien warum heutzutage in den Seilen liegt - oder gehören beide Seiten am Ende eher zusammen als auseinander?
Thomas Metzinger: Die beiden "Parteien" gibt es überhaupt nicht. Was es gibt, sind selbstgefällige ältere Herren, die etwas über 30 Jahre alte Experimente von Benjamin Libet aufgeschnappt haben und sich im Feuilleton konservativer Tageszeitungen lächerlich machen. Es gibt auch einige wenige Vertreter der Hirnforschung, die die Feinheiten der philosophischen Willensfreiheitsdebatte nicht kennen (und vielleicht auch gar nicht kennen können) und dem öffentlichen Ruf ihrer eigenen akademischen Disziplin schaden, weil sie in den Medien starke Thesen vertreten und von ihren vielen seriösen Kollegen nicht rechtzeitig gestoppt werden.
Es gibt konservative Geisteswissenschaftler und Lehnstuhlphilosophen, die die interdisziplinäre Wende in der Philosophie des Geistes zu lange vorsätzlich ignoriert haben und die jetzt unter dem grassierenden Verdacht leiden, ihre Disziplinen könnten keinen echten Beitrag zum Erkenntnisfortschritt leisten und wären im Grunde sowieso irrelevant. Dann gibt es junge Leute, die sich anbiedern und die eben erwähnten Journalisten, die alles anzuheizen versuchen, alles in allem eine ungute Mischung - ich bin wirklich froh, dass ich die innere Disziplin aufgebracht habe, die so genannte "Willensfreiheitsdebatte" über die letzten Jahre zu boykottieren.
Das Hauptproblem bei der Sache ist eben auch, dass die eigentlichen theoretischen Optionen etwas zu kompliziert sind um sie einfach so in den Medien zu diskutieren. Die eigentlichen philosophischen Fragen sind zu schwierig, um sie nebenbei auf Telepolis beantworten zu können.
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Das mag sein, aber können Sie diese Schwierigkeiten wenigstens kurz umreißen?
Thomas Metzinger: Wenn man wissen will, was "Willensfreiheit" bedeutet, muss man verstehen, was der "Wille" eigentlich ist und was wir eigentlich mit "Freiheit" meinen. Den Willen hat man noch nie gesehen, im Gehirn oder auch irgendwo sonst in der objektiven Welt findet man ihn nicht. Was es natürlich gibt ist, ist die Phänomenologie des bewussten Wollens, das subjektive Erleben der Kontrolle und des Initiierens einer willkürlichen Handlung. Diese Phänomenologie muss man ernst nehmen, sie besitzt zum Beispiel neuronale Korrelate, die man isolieren und wissenschaftlich erforschen kann und die man dann auch mathematisch und komputational modellieren kann.
Eine interessante Eigenschaft dieser Phänomenologie ist übrigens, dass sie "evasiv" ist: Je genauer, sorgfältiger und intensiver Sie den Vorgang des Wollens in sich beobachten - zum Beispiel dann, wenn Sie absichtlich ihren Arm heben - desto subtiler und flüchtiger wird dabei das bewusste Erleben selbst. Wenn sie ehrlich sind und nicht einfach nur unkritisch kulturell überlieferte Sprachspiele nachplappern, dann wird bei der ernsthaften Erforschung ihres eigenen Geistes in der Introspektion nämlich immer unklarer was genau Sie da eigentlich erleben. Das Erleben ist eine Sache, die Art, wie wir es beschreiben, eine ganz andere.
Dann müssen wir natürlich verstehen, was "Freiheit" bedeuten soll. Die meisten Fachleute sind sich einig, dass es das "Anderskönnen" nicht gibt: Körperbewegungen werden durch Gehirnvorgänge ausgelöst und gesteuert, quantenmechanische Effekte mitteln sich in den relevanten Größenordnungen und bei einer Körpertemperatur von 37° aus. Wenn alle physikalischen Randbedingungen, also der Körper, die Konfiguration des Gehirns und die Umwelt identisch sind, dann wird es auch zu identischen Körperbewegungen und geistigen Abläufen kommen. Die eigentlich interessante Frage ist, ob es Formen von Freiheit in einem schwächeren und trotzdem philosophisch interessanten Sinn gibt, die in diesem Sinne mit dem wissenschaftlichen Weltbild in Einklang zu bringen sind.
Das ist eine zentrale Schwierigkeit. Ich selbst denke, dass auch physikalisch determinierte Systeme ganz unterschiedliche Grade von Autonomie besitzen können. Autonomie ist zum Beispiel der Grad an globaler Selbstkontrolle, die Anpassungsfähigkeit, die Flexibilität und die Kontextsensitivität, die ein Informationsverarbeitungssystem besitzen kann oder auch nicht. Willensfreiheit hätte dann mit den Fähigkeiten zu tun, die wir besitzen oder auch nicht. Eine wichtige, grundlegende Form von Autonomie ist "Veto-Autonomie", also die Fähigkeit eine einmal begonnene Handlung noch abzubrechen, wobei das in ganz besonders interessanterweise für geistige Handlungen und Verhaltensmuster gilt, also für unseren ständig tagträumenden, vor sich hinplappernden und in Geschichten verlorenen Geist.
Eine höherstufige und auf dieser Fähigkeit aufbauende Eigenschaft besteht darin, dass ein System für Gründe, rationale Argumente und ethische Überlegungen empfänglich sein kann. Auch ein physikalisch determiniertes System könnte also einen hohen Grad an Autonomie besitzen, wenn es seinen eigenen inneren Vorgängen nicht einfach wie ein Träumer oder ein Flugzeug auf Autopilot ausgeliefert ist und wenn es sich selbst dann auf eine ganz bestimmte Weise als eine Ganzheit kontrollieren kann. Rationale Selbstkontrolle und die systematische Miteinbeziehung von Gruppeninteressen sind deshalb auch etwas, das uns frei machen kann - und diese Art von Freiheit ist etwas, das, so denke ich, auch ein physikalisch determiniertes System besitzen kann. Wenn das stimmt, ist Autonomie ein natürliches Phänomen, das in Abstufungen kommt - etwas, das man lernen und kultivieren kann, aber auch etwas, das man (wie alle andere Fähigkeiten auch) jederzeit wieder verlieren kann.
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