"Neuro-Bashing" als Nachfolger des "Veganer-Bashings"

"Wir brauchen seriöse, empirisch informierte Theoriebildung, auch wenn die Ergebnisse dann nicht mediengängig oder politisch korrekt sind"

Und wieso ist jetzt die Willensfreiheitsdebatte totaler Mumpitz?
Thomas Metzinger: Sie ist überhaupt kein Mumpitz. Das Willensfreiheitsproblem ist eine der zentralen und absolut relevanten Fragen für unser Selbstverständnis. Wenn sie sich das Gedankenexperiment von den beiden Robotergesellschaften in meinem Buch Der Ego-Tunnel1 anschauen, dann verstehen Sie sofort, wie stark die Verbindung zwischen unserem Bewusstsein und der sozialen Dimension ist.
Mein Punkt ist nur, dass Journalisten den Eindruck erweckt haben, als könnte hier einfach jeder so mitreden. Das ist am Ende aber eben nicht so. Es geht bei den Diskussionen um Willensfreiheit nicht um weltanschauliche Fragen und auch nicht darum, was wir uns vorstellen können oder was sich gut anfühlt. Es geht um Erkenntnisfortschritt und man kann nicht jede philosophische Frage so aufbereiten, dass das Publikum mögliche Antworten "liken" kann oder auch nicht.
Wenn ich mit meinem eigenen Modell richtig liege, dann ist die eigentliche Brisanz des Willensfreiheitsproblems in der Mediendebatte noch gar nicht richtig erkannt worden. Nur ein einziges Beispiel: Viele Geisteswissenschaftler wissen häufig gar nicht, dass es mittlerweile erste empirische Studien gibt, die tatsächlich zeigen, wie ein verringerter Glaube an die eigene Willensfreiheit bei Versuchspersonen nachweislich zu einer Abschwächung von Hilfsbereitschaft, zu einer Erhöhung der Bereitschaft zum Betrügen, zu geringerer Selbstkontrolle, einer schwächeren Reaktion auf eigene Fehler und zu einer Verstärkung von Aggressivität führt.
Objektive Veränderungen im Gehirn können experimentell sogar bis in die neuronalen Korrelate der unbewussten Vorstufen von Willkürhandlungen nachgewiesen werden. Das intuitive Unbehagen an stärkeren Formen des Determinismus hat also durchaus eine objektive Basis - aber einfach nur aus dem Ressentiment heraus zu philosophieren und das konservative Bildungsbürgertum rhetorisch zu bedienen, das ist die falsche Reaktion.
Wir brauchen seriöse, empirisch informierte Theoriebildung2, auch wenn die Ergebnisse dann nicht mediengängig oder politisch korrekt sind.
Dann hängt also die Willensfreiheit von sozialen, erzieherischen, biologischen und persönlichen Komponenten ab?
Natürlich. Wer nicht an seine eigene Autonomie zu glauben gelernt hat, dem fällt es schwerer, die entsprechenden Fähigkeiten zu entwickeln. Rein logisch gesehen ist es auch denkbar, dass ein System eine bestimmte Fähigkeit bereits besitzt, aber von dieser Tatsache nichts weiß. Die absolute Willensfreiheit in metaphysischen Sinne des Setzens von Erstursachen gibt es wohl nicht. Was es gibt, ist das Naturphänomen der Selbstkontrolle und der Autonomie in komplexen Systemen und dieses Naturphänomen begegnet uns nicht nur in sehr vielen Nuancen und Graden der Ausprägung, sondern es braucht auch Randbedingungen, um sich entwickeln zu können.
Wenn ich in einer Diktatur lebe oder meine Aufmerksamkeitssteuerung durch Medienkonsum ausbrenne, dann ist der Raum meiner geistigen Möglichkeiten beschränkt und er schrumpft möglicherweise immer weiter, ohne dass ich selbst das überhaupt bewusst erlebe. Man kann auch einfach vergessen, dass man bestimmte Fähigkeiten einmal besessen hat. Übrigens ist es genau das Ideal der Erhöhung von geistiger Autonomie, das die spirituellen Menschheitstraditionen und den Rationalismus der Aufklärung in ihrem Kern verbindet.

In Teil 2 des Gesprächs äußert sich Thomas Metzinger über "das Selbst", psychoaktive Drogen und die Dimension der Zukunft in der ethischen Debatte.

(Reinhard Jellen)

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