Neuseeland Privat

"Und? Wie ist es so in Neuseeland?" fragen mich Freunde und Bekannte aus Europa.

Ich löse einfach den isight Kameraaufsatz von meinem PowerBook und halte das Gerät aus dem Fenster wie Michael Jackson sein Baby. „Das ist jetzt aber ein Scherz!“ schallt es ungläubig von der wintrig-trüben Gegenseite herüber.

Aber was heißt hier Scherz? Welche Art von Scherz könnte das schon sein? Dass ich draußen vor dem Fenster eine Panoramatapete montiert hätte, die ich jetzt abfilme, wie irgendeine gefakete Rückprojektion in einem Hitchcock-Film? Nein: Das Bild ist echt. Auch Wellington, die Stadt der ewigen Winde, zeigt sich gelegentlich einmal von der Sonnenseite, mit blauem Meer und strahlendem Grün.

Der Cabbage Tree, eine palmengroße Lilienart, steht in voller, duftender Blüte. Die Straße, die unten an der Küste entlang führt, sieht man kaum. Sie wird vom üppigen Pflanzenwuchs verdeckt. Die Flugzeuge, die knapp über der Wasseroberfläche der Landebahn des Flughafens entgegen donnern, sind momentan von der Bildfläche verschwunden. Die Idylle ist komplett.

Und: Zufällig lebe ich in einer der wohlhabendsten Gegenden Wellingtons, Roseneath, an der Evans Bay, wo sich sonst nur die Protzokratie tummelt. Ich wohne allerdings bei einer alten Freundin, die sich als Puppenspielerin und Klavierlehrerin durchschlägt. Ihr Haus kaufte sie -- damals, vor 25 Jahren, als dieser Bezirk noch als weniger edel galt -- für einen Pappenstiel.

Das Grundstück ist heute nach konservativen Schätzungen Gold wert. Täglich sieht man denn auch die Immobilienfuzzis, wie moderne Geier, bewehrt mit Kamera, Computer und Handy, durch die unmittelbare Nachbarschaft scharwenzeln. Baustellen erstehen dröhnend links und rechts, viereckige Architektenträume räkeln sich auf geringster Grundfläche hügelaufwärts.

Die baufällige, aber wunderhübsche alte Villa meiner Freundin krängt indessen bereits bedrohlich bergabwärts. Die meisten ihrer Möbel haben Sperrmüllqualität, und auch ich tippe an einem niedrigen Nähtischchen, das nie als Arbeitstisch für einen ausgewachsenen Mann gedacht war. Immerhin habe ich den provisorischen Gartenstuhl, auf dem ich bisher saß, gegen einen billigen Sessel eingetauscht, den ich für 25 Dollar in einem Ramschladen erwarb und eigenhändig durch die halbe Stadt hierher geschleppt habe.

Die halbe Innenstadt, muss ich wohl sagen, denn Wellington erstreckt sich über beträchtliche Distanzen rund um eine gigantische Bucht, die zugleich den tiefsten natürlichen Hafen der Welt beherbergt. Letzthin war ich auf einer Party, und die Hin-und Rückfahrt allein fraß schon ein Drittel des Tankinhalts. Ohne Auto ist man in dieser Stadt aufgeschmissen. Auch ich habe daher, für 500 Dollar, eine 50prozentige Teilhaberschaft an einem 97er Toyota Corolla erworben. Tatsächlich sind die Japaner hier wesentlich billiger zu haben als in Europa. Und, natürlich: man fährt links. Das Steuer ist rechts angebracht – als Fahrer sitzt man also, subjektiv, vom Gefühl her, etwas beengt, dort, wo üblicherweise der Beifahrer sitzt. Links davon, auf dem Beifahrersitz, hat man auf einmal die luxuriöse Armfreiheit.

Trotzdem gehe ich viel zu Fuß. Anders als, beispielsweise, in Wien oder Berlin, wo man so gut wie ausschließlich zu ebener Erde wandelt, ist fast jeder Schritt in Wellington Teil einer ausgiebigen Kraxelei. Oder umgekehrt, eines halsbrecherischen Abstiegs. Die ganze Stadt ist eine Achterbahn. Ein Fitness-Center -- umsonst.

Und der Wind erst! Kontaktlinesenträgerinnen tappen hier meist tränenblind einher. („Ich war kürzlich in Chicago,“ schreibt mir eine Freundin, „und sie machten sich Sorgen wegen einem ‚Sturm’, der nach Wellingtoner Standards nur ein laues Lüftchen war, wo wir noch an den Strand gegangen wären.“) Genau so ist es. Der Wind von Wellington hat es in sich. Er kann einem die Nasenlöcher zudrücken, ohne sich anzustrengen, einfach nur, wenn man spazieren geht.

Dann wieder bläst er schneidig kalt, mit einer knochentiefen Kälte, die er sich aus den Fluten des Pazifiks holt, so dass man fast bis in die Seele gefriert. Allerdings massiert einen das Gebläse dabei so stark, dass man, kaum in den Windschatten getreten, in Schweißausbrüche verfällt. Eine massive Erkältung bei strahlendem Sonnenschein? Nichts Ungewöhnliches.

Das Baden im Meer überlässt man, dementsprechend, am Besten den Seerobben und Pinguinen, und keine 100 Meter von mir entfernt steht am Strand denn auch das Schild: „Caution. Penguins Crossing.“ Obwohl es gerade der scharfe Wind ist, der Wellington zu einem Paradies für Windsurfer macht. Freilich sehe ich zuweilen junge Menschen in der Blüte ihrer Jahre, die völlig entkräftet fast von ihrem Brett kippen, weil sie den Weg zurück ans Land einfach nicht mehr schaffen. Zum Glück ist die Küstenwache dann meistens recht bald zur Stelle. Und fischt die Erschöpften aus dem Wasser.

Die nächste Bucht, zehn Minuten zu Fuß von mir entfernt, heißt Oriental Bay und beherbergt die Nobelmeile der Stadt, Oriental Parade. Der Strand war an dieser Stelle bislang immer nur steinig und ungemütlich, aber den wohlhabenden Bürgern zuliebe ließ die Stadtverwaltung für sechs Millionen Dollar zwei Schiffsladungen grobkörnigen Strandsand von der Südinsel Neuseelands herüberschippern und großräumig verteilen.

Massive Bagger kümmern sich nun einmal im Monat darum, dass der Sand auch tatsächlich am Strand bleibt, denn das Meer holt sich gerne alles zurück, was an seiner Küste liegen bleibt. Einen relativ breiten, schönen und vor allem echten Sandstrand gibt es indessen an der Ausflugsrampe des Flughafens, in Lyall Bay, wo freilich die Schickeria noch nicht zu Hause ist. Daher ist dieser Luxusstrand bisher den Wellingtoner Hunden vorbehalten. Hier dürfen Hundefreunde gemeinsam mit ihren vierbeinigen Artgenossen um die Wette über den Sand rennen und in den kolibakteriengetränkten Fluten mit ihnen zusammen nach Stöckchen schwimmen.

Der Plan der finanztüchtigen Bürgermeisterin sieht allerdings vor, so wird gemunkelt, diesen Strand demnächst für Hunde zu schließen, und stattdessen ein paar gemütliche Strandcafés an seinem Verlauf zu errichten. Noch besser, vermute ich, wären ein paar Casinos und Luxushotels, denn die funktionieren auch bei Sturm und Wind...

Als ich dort versuche, das ultimative Strandfoto zu schießen, mit Hund, Badenixe und Flugzeug, lande ich mit Mühe und Not einige halbe Treffer. Aber es ist ein schöner Strand, gerade jetzt im beginnenden Sommer, und die Vierbeiner ergeben ein lustiges Panorama.

In der Wohnung meiner Tochter versuche ich, die alltäglichen Gegenstände des neuseeländischen Alltagslebens photographisch zu dokumentieren. Wohl das erste und wichtigste Detail, mit dem auch heute noch jeder Tag für die meisten Neuseeländer beginnt, ist Porridge. Das deutsche Wort Haferflockenbrei trifft die Sache nur ungenau. Hier ist mein Rezept, das man mühelos auch in Europa nachkochen kann. Man füllt eine Glasschüssel mit Haferflocken für etwa vier bis fünf Personen, kippt Wasser drüber, so dass der Wasserpegel ein bis zwei Zentimeter über den Haferflocken steht, und gibt das Ganze unvermischt für sieben Minuten in die Mikrowelle. Danach löffelt man sich eine Portion in eine kleinere Schüssel, so dass die aufgeschwollene Flockigkeit sich in der Schüssel wie ein kleiner Berg erhebt. Nun streut man braunen Zucker rund herum, anschließend gießt man Milch hinein, bis sich die Spitze des Berges wie eine Insel aus dem Meer aus Milch erhebt. Dann löffelt man sich langsam durch die Speisemasse hindurch – ohne sie zu verrühren.

Das Zweite, was es in jedem neuseeländischen Haushalt gibt, ist sliced bread – bereits für den Toaster fertig aufgeschnittenes Brot (den ungeschnittenen Brotlaib europäischer Machart kennt man hier gar nicht) und dazu einen Brotaufstrich, der Nicht-Neuseeländer wahlweise an Wagenschmiere, aufgeweichte Lakritze, Maggiwürze oder Malzextrakt erinnert. Vegemite und die (noch um eine Spur scheußlichere) Variante Marmite gehören seit den Tagen der Weltwirtschaftskrise (1929 ff) zu jedem neuseeländischen Frühstück und Picknick dazu, wie in deutschen Landen einst der Kunsthonig und die Vierfruchtmarmelade.

Die dritte kulinarische Spezialität des Landes ist die electric frying pan – die elektrische Bratpfanne. Dies ist ein Gerät, das der geglückten Vermählung des Tauchsieders mit einer Bratpfanne entspringt. Der elektrische Heizring unter dem Pfannenboden ist mit einer Art Thermostat verbunden, und springt von Zeit zu Zeit wieder an, wenn die vorgegebene Temperatur unterschritten wird. Ein praktisches Gerät, mit dem man, bei geringen Temperaturen, über mehrere Stunden hinweg, ohne Hinzukucken, die Abendmahlzeit zubereiten kann.

Mein Rezept für die elektrische Bratpfanne lautet: zwei Kilo zerschnetzeltes Rindfleisch mit Öl, Salz und Pfeffer und vielleicht einer Zwiebel kurz anbraten, dann mit einer Dose Kokosmilch, einer halben Packung geribbelter Kokostückchen und einem milden Curry drei Stunden lang auf niedrigster Hitze vor sich hin garen lassen. Eine halbe Stunde, bevor die Gäste kommen, den Reis aufsetzen und den Fertigsalat aus dem Eisschrank nehmen und in die Salatschüssel geben, und schon mal mit dem Rotwein anfangen....

Zu den typischen neuseeländischen Haushaltsgeräten zählt weiterhin eine klobige Waschmaschine, die sich von oben öffnen lässt und in ihrem Innern einen runden Bottich beherbergt. Ein Model, das sich seit den 50er Jahren im Prinzip überhaupt nicht verändert hat. Mein Schwiegersohn sagt dazu: „Ich kenne auch die modernen europäischen Waschmaschinen, die sich von vorne öffnen lassen. Aber wenn ich zum Beispiel meine Socken vergessen habe und ich möchte sie bei dem bereits laufenden Waschgang mit in die Maschine geben – dann geht das bei diesen Maschinen nicht. Hier dagegen hebe ich einfach nur den Deckel hoch und werfe meine Socken rein. Perfekt.“

Waschmaschine

Da es in Wellington entweder stark windet oder gar regnet, kann man natürlich die Wäsche nicht draußen auf einer Wäscheleine aufhängen, und so findet man in jeder Wohnung gewöhnlich ein spindeldürres Drahtgeflecht, das sich ebenfalls von einem europäischen Wäscheständer stark unterscheidet, aber den gleichen Zweck erfüllt. Trotzdem gibt es natürlich auch die Wäsche, die im Freien zum Trocknen aufgehängt wird. Unlängst erst photographierte ich eine bereits historisch gewordene spinnennetzförmige rotierende Wäscheleine, die noch den Vermerk „made in N.Z.“ trägt. Dieser Schriftzug ist eine wahre Rarität geworden, da nahezu alles, was in Neuseeland angeboten und verkauft wird, mittlerweile aus China stammt. Das trifft sogar auf die Erdnussbutter zu, und auf die urneuseeländischen Griffins Gingernuts (Pfeffernüsse), deren Produktionsstätte im nächsten Jahr von Wellington nach China verlegt wird.

Witzigerweise sind sogar die Schafe, für die Neuseeland doch weltberühmt ist, nicht vor dem Zugriff des internationalen Kapitals sicher, so dass einige Hamburgeratorien bereits auf ihr „100 Prozent echt neuseeländisches Lammfleisch“ hinweisen müssen. Echt neuseeländisch ist mittlerweile auch der „München Burger“, der ein aus Chile umgetopftes münchner Fleischpfanzerl darstellt. Das chilenische Ehepaar, das einst die „Mutterlustig“ Fleischbräterei in Wellingtons Cuba Street aufmachte, verkaufte den Laden vor 26 Jahren an die russischen Einwanderer Eva und Mike Zeigman (auf deutsch als „Siegmann“ auszusprechen), die seitdem ungebrochen die Tradition des echten Fleischpfanzerls aufrecht erhalten haben. Mit einem Gurkerl und diversen Soßen und Krautsalat gibt es hier für weniger als zehn Dollar den besten Burger der ganzen Stadt.

Die Bevölkerung Neuseelands setzt sich aus verschiedenen ethnischen Gruppierungen zusammen, wobei die neuen asiatischen Einwanderer die am stärksten wachsende Gruppe darstellen. Die älteste Einwanderergruppe sind die Maori. Ein typisches Beispiel dafür, was es heute bedeutet, ein Maori in Neuseeland zu sein, bietet wiederum mein Schwiegersohn. Er trägt einen irischen Vor- und Nachnamen, und seine gesamt, reichliche Verwandtschaft väterlicherseits besteht aus geradezu idealtypisch bleichen und rothaarigen Iren. Seine Mutter ist Maori. Er selbst ist aufgewachsen in Australien, kam erst mit 23 nach Neuseeland, und begann, den Beruf eines Holzschnitzers zu erlernen, der in der Kultur und Tradition der Maori einen hohen Prestigewert besitzt. Eine typische Schnitzarbeit bietet das nachfolgende Gesellenstück. Es stellt einen stilisierten Vorfahren dar, der von jedem Künstler stets in ganz ähnlicher und doch subtil verschiedener Art dargeboten wird – vergleichbar etwa den unterschiedlichen Arten, wie verschiedene Disney-Künstler die Comic-Gestalten von Donald oder Micky wiedergeben.

Trotz des hohen ideellen Wertes solcher Arbeiten werfen sie materiell nur wenig ab, so dass der Holzschnitzer im Allgemeinen nur für miese Bezahlung Touristen-Kitsch aus dem Holz heraus fräst und oft jahrelang für einen anerkannten Meister den HiWi mimt. Mein Schwiegersohn ist ein gut aussehender Bursche und ich habe ihm schon oft geraten, eine Model karriere anzustreben. „Du siehst sogar in deinem beschissenen Dr-Seuss-Pyjama noch gut aus,“ sage ich zu ihm. „Du könntest 10.000 Euro im Monat verdienen statt 2.000 Dollar im Jahr. Nur, wenn du dann Kate Moss triffst, hüte dich vor ihrem Crack.“

„Es ist nicht fair,“ sagt meine Tochter. „Er ist so photogen, und von mir gibt es überhaupt keine guten Fotos.“ Während sie das sagt, raucht sie eine Zigarette und schaut in die Nacht auf ein beleuchtetes Hochhaus hinaus. Ich sage: „Vielleicht gibt es keine tollen Fotos von dir, aber ein Maler wie Vermeer hätte sich alle zehn Finger nach dir abgeschleckt.“ Tatsächlich sieht sie in diesem Moment aus wie das Mädchen mit dem Perlen Ohrring, und die Lichter im Hintergrund fügen noch Goldflecken dazu, wie auf einem Gemälde von Gustav Klimt.

Zum Abschluss frage ich eine zugereiste Freundin, die seit 25 Jahren in Neuseeland lebt, wie sie wohl ihre Eindrücke zusammenfassen würde.

„Ein schmutziges, trauriges, kleines Land am Ende des Südpazifiks, wo jeder schon mal mit jedem geschlafen hat,“ sagt sie.

Hund Roscoe alleine am Strand

Nun: DAS findet man jedenfalls gewiss in KEINER Tourismus-Broschüre... (Tom Appleton)