New York Times lesen in Magdeburg: Leib, Stadt und Medien

Head Canon: Medien im epikritischen Zeitalter. Teil 4

Die Architektur der nächsten Gesellschaft ist nicht mehr nur die von Innen und Außen (die Höhle), Oben und Unten (der Palast), Erreichbar und Unerreichbar (der öffentliche und der private Raum), sondern die des Labyrinths. Optimiert wird die Redundanz des Redundanzverzichts. An jeder Ecke wird neu ausgehandelt, welche Überraschung an der nächsten Ecke zu erwarten ist.

Dirk Baecker

IV.1 Der Kanon der Ungewissheit

In den ersten Teilen meiner Essay-Reihe ging es darum, dass Narrative, die von Medien fortgeschrieben werden, heute nicht mehr einfach so akzeptiert würden. Etablierte Medien würden deutlich wie nie in Frage gestellt. Darüber hinaus wäre die westliche Gesellschaft von früher nicht gekannter Ungewissheit in allen Teilsystemen geprägt.

Das ist eine Beobachtung, die Mitte der 1990er Jahre in Soziologie und Philosophie aufkam und seitdem nicht mehr verschwunden ist. Man gewinnt den paradoxen Eindruck, dass es einen medialen Kanon der Ungewissheit gibt - ein Kanon, dessen Bestandteile1 zwar jeweils verschiedene Aspekte von Ungewissheit behandeln, der insgesamt aber festlegt, dass die einzige Gewissheit heute die Ungewissheit ist. Aber ist das wirklich so?

Einerseits: Handelt es sich vielleicht nur um die Ängste einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse (die Andreas Reckwitz als "neue akademische Mittelklasse2 bezeichnet), die in Beziehungen zu Medien und Politik die beobachtete Ungewissheit womöglich erst erzeugt, und gerade dadurch erst von anderen Klassen (mit Reckwitz der "alte Mittelstand" und die "Unterklasse"3) in Frage gestellt wird, und die sich im Angesicht des Infrage-gestellt-werdens bedroht sieht?

Und andererseits: Selbst wenn das westliche, globalisierte Gesellschaftsbild und das, was wir darüber für wahr und richtig halten, immer ungewisser wird, muss man sich dieser Verunsicherung hingeben? Verleiht nicht vielleicht eine zeitweise Rückbesinnung aufs Lokale (und zwar nicht auf alte Narrative wie die Nation, sondern auf die Dynamik des eigenen Wohnorts) jene Sicherheit, die von anderen Narrativen nicht mehr zu erwarten ist?

Ich bin mir bewusst, dass vielen Menschen heute gerade das Lokale als bedroht erscheint ("Man kann ja abends nicht mehr auf die Straße gehen") und dass mir aus dieser Sicht linksliberale Naivität vorgeworfen werden dürfte. Und aus linksliberaler Sicht könnte eine Rückbesinnung auf das Lokale suspekt erscheinen (wie eine Einladung an rechtes Denken). Daher ist mir die angedeutete Unterscheidung wichtig: Es geht mir nicht um ein statisches Lokales (das man zwanghaft bewahren, vor Fremdem "schützen" und bestenfalls zur Selbstdarstellung präsentieren will), sondern um ein dynamisches Lokales (das überrascht, einlädt und gerade dadurch stabilisierender Ankerpunkt individueller Erfahrung ist). Ein Widerspruch?

Von diesen Zweifeln ausgehend verlasse ich in diesem vierten und im folgenden fünften Teil der Essay-Reihe die bis jetzt eingenommene Perspektive. Ich verstehe den Beobachter jetzt nicht als System, das gesellschaftliche Teilsysteme (Medien, Politik) beobachtet, sondern als Subjekt, das in der Gesellschaft mit Medien und Politik individuelle Erfahrungen macht. Über solche Erfahrungen denkt man nicht nur bewusst nach, sondern kann im phänomenologischen Sinne davon auch leiblich betroffen sein. Sie zeigen sich dann als ganzheitliche Situationen, noch vor der intellektuellen Reflexion.

Ausgangspunkt ist das Beispiel aus der Einleitung dieser Reihe: dass in Medien reproduzierte radikale Aussagen "[zu einer Reaktion] bedrängen. Sie fokussieren auf sich und engen den Blick auf sich ein. Sie fragen: 'Auf welcher Seite stehst du?' und sie fordern: 'Du musst dich entscheiden'. Sie setzen unter Druck."4 Radikale Aussagen in diesem Sinne sind, ganz wertfrei, alle Aussagen, die einen vom Individuum als sicher angenommenen "Kanon" angreifen oder gefährden, egal ob es um wissenschaftliche Aussagen geht, Wissen um politische Konstellationen, gesellschaftliche Normen und Werte, angemessene Verhaltensweisen, religiöse Überzeugungen, fiktionale Welten, u.a. Ein solcher "Kanon" wird überindividuell ausgehandelt und medial fortgeschrieben. Je mehr sein Status wirklich kanonisch ist (statt bloß Tradition5), wird seine Gefährdung als Gefahr verstanden und möglicherweise auch verteidigt. Alle Beispiele aus dieser Essay-Reihe zeigten so etwas: Donald Trump, der unser Wissen um das US-amerikanische Präsidentenamt und um sich selbst mit jedem Tweet in Frage stellt; die AfD, die nicht nur das etablierte Parteiensystem in Deutschland gefährdet; die New York Times, die sich für ihre Irak-Berichterstattung entschuldigen musste; Printmedien wie Junge Freiheit, Tichy's Einblicke oder CATO, die etablierteren Printmedien heute prominent gegenüber stehen; die geänderte Rolle der Tagesschau, die nicht mehr als unhintergehbare Instanz angesehen wird.

Solche und ähnliche Fälle stehen für die Ablösung alter Gewissheiten. Stattdessen gibt es, je nach Standpunkt, Hoffnungen und Ängste. Beides wird wiederum medial verarbeitet und drängt zu Reaktionen. Auf Massenmedien bezogen betrifft das wenigstens die Entscheidung, ob und was man noch lesen und glauben soll.

Konzentriert man sich sehr auf solche Ungewissheiten, dann droht man zu vergessen, dass die konkret wahrnehmbare Welt um einen herum nach wie vor einem regelmäßigen Rhythmus folgt. Trotz neuer Ungewissheiten ist der eigene Lebensort weiterhin vorhanden. Was auch immer in Berlin, in Washington oder im Iran und in Nordkorea geschieht, man muss noch immer den Müll raus bringen und einkaufen gehen. Man trifft andere Menschen, liebt, lacht und spielt. Die Stadt bietet vielfältige Möglichkeiten der Zerstreuung, es gibt für die meisten Menschen keine praktische Notwendigkeit, sich mit Medien- oder Gesellschaftstheorie zu beschäftigen.

In einem Meinungsbeitrag zu einer scheinbar veränderten Zeitwahrnehmung seit Donald Trump kommt Alan Burdick in der New York Times zum Schluss, dass man den nächsten drei Jahren von Trumps Präsidentschaft einfach nicht so viel Aufmerksamkeit widmen sollte. Würde man sich der konkreten Arbeit vor einem zuwenden, anstatt die Tage zu zählen, dann verginge die Zeit schneller6 - Aushalten des großen Ungewissen durch Konzentration auf das eigene kleine Hier und Jetzt.

Nun ist der Rückzug ins Lokale zwar ein Narrativ, das in Bezug auf gesellschaftliche Ungewissheit öfter bemüht wird, aber wie oben erwähnt ist Rückzug hier nicht gemeint. Es geht mir nicht darum, der globalen Gesellschaft auszuweichen, indem man sich in ein statisch gedachtes Heimatgefühl zurückzieht, sondern um die Frage, ob ein dynamisches Lokales, insbesondere die lebendige Stadt7, stabilisierender Ausgangspunkt sein kann, um einen klareren Blick auf vorhandene oder eingebildete globale Ungewissheiten zu gewinnen. Kann die Stadt Kontext für die Rezeption von Medien sein, die Ungewissheiten sowohl verbreiten als auch selbst repräsentieren?

Um darüber nachzudenken, fasse ich in diesem Teil der Essay-Reihe zunächst einige (wenige) Grundideen der Neuen Phänomenologie zusammen. Diese erprobe ich anschließend an Beobachtungen von "Stadt" am Beispiel Magdeburg - einer Stadt, in der ich seit drei Jahren lebe und die zahlreiche Widersprüche vereint. Die Gedanken zur Leiblichkeit der Stadt verknüpfe ich am Ende mit Beobachtungen zur Rezeption von Massenmedien aus den vorigen Essay-Teilen. Das baue ich im nächsten Teil der Reihe aus, um dem Ideal eines dynamischen Lokalen nachzuspüren.

IV.2 Das Leibliche

Zigarettenrauch-geschwängerte Straßenbahnhaltestellen - Sprachengewirr an belebten Plätzen - die Atmosphäre eines Cafés - die Schwindel erregenden, auseinanderlaufenden Geraden einer Universität …

"Stadt" zeigt sich dem beobachtenden Subjekt mit allen körperlichen Sinnen. Doch nicht jede Situation kann in Konstellationen von Sinnesdaten zerlegt werden.8 Viele Wahrnehmungen enthalten ein Mehr, für das wir oft keine genaue Sprache finden. Um so etwas besser auszudrücken, macht der Philosoph Hermann Schmitz mit der Neuen Phänomenologie einen Vorschlag. Sie kennt "leiblich[e] Regungen"9, die in ihrer Gesamtheit den Leib bilden.10

Schon in der klassischen Phänomenologie in der Tradition Husserls ist der Leib als gelebter (erfahrener) Körper im Gegensatz zum physiologischen, wissenschaftlich beschriebenen Körper gedacht11; die Neophänomenologie grenzt dies noch schärfer ab. Leibliche Regungen werden als innerliche Wahrnehmungen verstanden. Solche Regungen sind zwar "in der Gegend" des Körpers spürbar, aber nicht durch die gewöhnlichen "fünf Sinne (Sehen, Tasten, Hören, Riechen, Schmecken)" abbildbar.12 Gleichwohl liegen sie nicht im Reich der Esoterik, sondern sind alltäglich erfahrbar, z.B. dann, wenn wir in einem Raum eine "drückende Stimmung" wahrnehmen oder wenn wir beim Betreten eines englischen Landschaftsgartens "befreiende Weite" verspüren.

Zweifellos vorhandene Regungen, die durch die fünf Sinne nicht abgedeckt werden, sollen nicht einfach beiseite gewischt13, sondern ernst genommen werden.14

Zwar sind auch leibliche Regungen nicht losgelöst vom Körper zu betrachten15: Wenn etwa bei bildender Kunst und Architektur behauptet wird, dass sichtbare Linien und Rundungen leibliche Regungen verursachen können16, dann ist das Sehen die Voraussetzung, diese Formen überhaupt wahrzunehmen. Doch die Wirkung der gesehenen Formen auf das leibliche Empfinden des Individuums in seiner jeweiligen "leiblichen Disposition"17 kann durch den körperlichen Sinn nicht erklärt werden, und auch komplexere naturwissenschaftliche Modelle gehen daran vorbei.

Das Versprechen der Neuen Phänomenologie ist es, für leibliche Regungen ein Beschreibungsinventar zu bieten. Die Ergebnisse solcher neophänomenologischer Beschreibung stehen einerseits für sich (sie verweisen darauf, dass es leibliche Regungen gibt und diese wichtig sind), sie sind andererseits oft anschlussfähig an andere Beobachtungsweisen bzw. Anwendungsfelder.18

Für den Anfang besonders leicht nachvollziehbar sind die Begriffspaare Enge/Weite, Engung/Weitung und Spannung/Schwellung. Engende Spannung finden wir z.B. im Moment des Erschreckens oder starker Konzentration; weitende Schwellung bei der auf das Erschrecken folgenden Erleichterung oder wenn eine Konzentration erfordernde Aufgabe erfolgreich beendet ist.

Ebenfalls hilfreich ist das Begriffspaar epikritisch/protopathisch. Epikritisch kann als "ortsfindend"19, zuspitzend übersetzt werden; protopathisch als "ortsauflösend"20, diffundierend. Epikritisch sind z.B. pieksende gut lokalisierbare Schmerzen, harte Kanten und spitze hohe Schreie; protopathisch sind z.B. dumpfe schwer lokalisierbare Schmerzen, weite Rundungen und vibrierende tiefe Klänge. Die Kategorie der Richtung kann die vorigen Begriffspaare näher bestimmen, z.B. entsteht eine Spannung erzeugende Engung, wenn etwas Bedrohliches dem Leib epikritisch zugewandt ist, aber auch, wenn der Leib in starker Konzentration einer Sache zugewandt wird.

Auch sichtbare Linienführungen in Kunst und Architektur können durch ihre Richtung engend und weitend wirken. Formen können zudem Bewegungseindrücke nahelegen (Bewegungssuggestionen). Das Wechselspiel aus Engung und Weitung, im atmosphärischen Zusammenhang von Formen, Bewegung und Rhythmus, zeigt, wie dynamisch alltägliches Erleben eigentlich ist. Darum erscheinen statische Vorstellungen des Lokalen (mit deutlichem Schwerpunkt auf Abgrenzung, Kontrolle und Sicherheit, statt Offenheit, Freiheit und Überraschung nicht nur zu dulden, sondern zu begrüßen) nicht sehr lebensnah.

IV.3 Berufspendler im Café

Wenn meine Halbtags-Schicht bei einem Kommunikatonsdienstleister zu Ende ist und ich mich meinen freiberuflichen Jobs zuwende, gehe ich oft irgendwo Kaffee trinken. In Cafés kann ich mich am besten auf die anderen Aufgaben einstellen.

Die Entscheidung für ein Café und sogar der Weg dahin scheinen mir von der Aufgabe abzuhängen. Ich scheine mich unbewusst zu fragen, welche Art von Urbanität ich jeweils brauche, um in die entsprechende Arbeitsstimmung zu kommen. Trinke ich in wienerisch anmutender Kaffeehaus-Atmosphäre "Melange", lese die Süddeutsche und höre dabei anwesenden Medienschaffenden bei ihren Gesprächen zu? Oder setze ich mich in einen ortsneutral eingerichteten Coffee Shop, scrolle die New York Times-App auf dem Tablet durch, den Latte Macchiato in der Hand, und lasse mich von der Atmosphäre geschäftig wirkender Gründerteams anstecken?

Vielleicht aber gehe ich auch in dieses von Touristen, Familien und Rentnern besuchte Café mit historischen Fotos der Stadt an den Wänden, blättere, Filterkaffee trinkend, in der Lokalzeitung, und tue hinterher gar nichts, verwende weder Café noch Zeitung als Arbeitsmotivatoren, sondern als Auszeit von all dem Lärm und laufe danach ziellos durch die Stadt.

Mehrere Jobs, Arbeiten im Café, den Kaffee neben dem Tablet: Dieses Bild verweist seit "Wir nennen es Arbeit"21 auch auf viele abgedroschene Klischees, die aber doch ihre Funktion im persönlichen Alltag erfüllen. Als "globalisierter Informationsarbeiter" bin ich Berufspendler, ohne mich fortzubewegen: In allen Jobs pendelt meine Aufmerksamkeit zwischen lokaler Verankerung und globaler Orientierung hin und her.

Ich sitze an einem Ort, doch bin gedanklich bei Menschen, die überall auf der Welt sein können. Ich unterstütze sie im Umgang mit Kommunikationstechnik und Simulationen, an denen ich mitentwickle, weil es Spaß macht, Ortsgebundenheit virtuell aufzuheben, und weil man für solcherlei Luxus in der "nächsten Gesellschaft" (Dirk Baecker) wohl gern Geld ausgibt. Und dazwischen schreibe ich Texte, die mir beim Nachdenken über diese Gesellschaft helfen und mir noch in den kritischsten Leserkommentaren neue Anschlussmöglichkeiten verschaffen. Das Café als Inspirations- und Arbeitsort ist dabei immer wichtiger geworden, bloßes Rumhängen ist selten geworden.

Diese Entwicklung kann man bedauern. In einem Artikel für das ZEIT-Magazin stellt Matthias Stolz fest, dass Cafés heute weder gemütlich noch Orte der Kontaktaufnahme seien: "Im Kaffeehaus des 19. Jahrhunderts wollte der Gast andere Gäste treffen, im Oma-Café, Studi-Café und sogar noch im Starbucks-artigen Café wollte er es sich gemütlich machen. Im Third Wave Café will er zügig seinen perfekten Kaffee einnehmen. Als ein Aufputschmittel, das ihn noch konzentrierter arbeiten lässt."22

Stolz urteilt, dass Cafés heute Co-Working Spaces ähnelten, in denen man sich arbeitsam und fleißig gibt. Das ist wohl ganz passend für das Programm der "nächsten Gesellschaft", in der man sich selbst als Projekt gestaltet23, um eine Nische zum Überleben zu finden24 - auf einem "Einzelsit[z] […] ohne Rückenlehne"25.

Stolz' kurze Schilderung des Wandels der Cafékultur ist eine des Wandels vom Ort zum Nicht-Ort, im Sinne des Anthropologen Marc Augé26. Nicht-Orte sind Orte, in denen man nicht heimisch wird. Man sucht sie für einen bestimmten Zweck auf und verlässt sie bald wieder. Augé nennt Flughäfen, Autobahnen und Supermärkte als Beispiele, doch auch die geschilderte Art von Café lässt sich dazuzählen.

Anders als das Kaffeehaus oder das gemütliche Café des 20. Jahrhunderts ist das Café der "nächsten Gesellschaft" nicht mehr zum Verweilen geschaffen, weder durch das Mobiliar noch durch den dadurch geschaffenen Kontext der Vereinzelung. Es hat zu wenig Charakter, um vom abstrakten Raum zum persönlichen Ort zu werden. Es ist "in Bezug auf bestimmte Zwecke […] konstituiert"27 und es schafft "solitäre Vertraglichkeit". Der Kaffee ist Zeichen des Vertrags, das für den Zweck der Nutzung eingegangen wird: Der in stiller Übereinkunft als Arbeitsplatz verstandene Einzelsitz wird solange zur Verfügung gestellt, wie Kaffee konsumiert wird. Darüber hinausgehendes Verweilen ist nicht vorgesehen. Zielloses Umherschweifen des Blicks im Raum, gar das Betrachten der anderen einzelnen Arbeitenden, wäre subversiv (und geschieht dennoch).

Im Nicht-Ort ist man anonym und damit von anderen Zumutungen des Lebens entlastet. Man "genießt […] die aktiven Freuden des Rollenspiels"28, sich in leiblich enger Spannung als konzentrierter Arbeiter des 21. Jahrhunderts zu präsentieren und "macht […] die Erfahrung der ewigen Gegenwart und zugleich der Begegnung mit sich selbst"29: Diese angespannten Arbeitenden, die ihren "perfekten Kaffee" (Stolz) trinken, das sind sie selbst.30

IV.4 "Urst Urban": Wege durch die Stadt

Einen experimentellen Gegenentwurf zum Zweckrationalismus von Einkaufszentren und Co-Working-Café konnte man 2016 einen Monat lang in Magdeburg beobachten. Die damals in Hamburg studierende Miriam Neßler gestaltete im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit ein leerstehendes Ladenlokal als "Freiraum" um.31

Neßler nannte das Projekt "Urst Urban". Der Laden lag in Magdeburgs Breitem Weg, und seine Bedeutung gewinnt Neßlers Projekt aus der Widersprüchlichkeit dieser Straße und Magdeburgs insgesamt. Die Stadt ist einerseits ein Beispiel für erfolgreichen Stadtumbau, inklusive zum Flanieren einladender Promenaden und teurer Häuser am Elbufer. Wirtschaftliche Erfolge wie seit Jahren sinkende Arbeitslosenzahlen oder der Bauboom, sowie gute Theaterinszenierungen finden auch überregional Erwähnung. Es gibt Universität und Fachhochschule, Fraunhofer- und Max-Planck-Institute.32 Doch Magdeburg scheint mitunter von Selbstzweifeln geplagt, viele Tätigkeiten sind gering bezahlt33 und eine mindestens unterschwellige Angst vor Überfremdung ist häufig zu spüren.

Magdeburg "wirkt bis heute nicht hauptstädtisch", stellt Michael Jäger in einem Bericht im Freitag fest, worin er den Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt einordnet. Der Kulturhistoriker Norbert Eisold stellt fest: "Magdeburg ist eine Stadt in Möglichkeitsform."

Das Experiment "Urst Urban" im Breiten Weg zeigte eine dieser Möglichkeiten. Der ca. 2 km lange Breite Weg ist Magdeburgs Hauptgeschäftsstraße. Sie war vor dem Zweiten Weltkrieg wegen zahlreicher barocker Bauten als "Prachtstraße" bekannt. Sie wurde durch britische Bombenangriffe fast völlig zerstört und in der DDR im Sinne sozialistischer Städteplanung aufgebaut.

Im Norden des Breiten Wegs bis zum Universitätsplatz herrschen Plattenbau und moderne Nachwendebauten vor. Ausnahmen sind das Opernhaus und ein im Bauhaus-Stil errichtetes Hotel. Die meist eintönigen Geraden gewinnen dort an leiblichen Charakter, wo sie durch andere Formen gebrochen werden. Dies ist etwa am früheren Haus des Lehrers (heute "Katharinenturm") der Fall, das an Stelle der im Krieg zerstörten und in der DDR endgültig gesprengten Katharinenkirche steht. Das Hochhaus ragt über die anderen Plattenbauten hinaus. Es lenkt den sonst in Nord-Süd-Richtung orientierten Blick nach oben ab. Der epikritischen Reinheit dieses rechten Winkels34 wirken zwei weitere Elemente entgegen: das neben dem Haus wiedererrichtete Portal der früheren Katharinenkirche sowie eine davor stehende Miniaturdarstellung der Kirche.

Katharinenportal. Bild: M. Donick

Betrachtet man die drei Elemente (Modell, Portal und Turm) im Zusammenhang, lässt sich nicht nur historische Kohärenz herstellen, sondern es ergibt sich eine interessante leibliche Dynamik. Erstens deutet das Modell die hier nicht mehr vorhandene Wirkung typischer Sakralbauten an. Als medialer Verweis erinnert es an leibliche Regungen, die man beim Betreten ähnlicher Kirchen schon hatte.35 Ähnliche Referenzen aktiviert auch das Portal.

Zweitens suggeriert die Bogenform des Portals Bewegungen, die der Monotonie der Architektur in diesem Bereich entgegenstehen: Sie lädt zum Durchschreiten des Portals ein und zieht den Betrachter damit aus seiner Nord-Süd-Orientierung heraus. Während des Durchschreitens sind leichte Anklänge an "die schwellende Weitung"36 eines nach oben weitenden Raums zu spüren. Durch die nach oben gerichtete nächtliche Beleuchtung des Portals wird diese Wirkung noch verstärkt. Nachts erscheinen übrigens die harten Kanten des Katharinenturms wie aufgelöst. Die südliche Hauswand ist dann komplett von langsamen Lichtanimationen ausgefüllt. Sie werden von einer Lichtermatrix erzeugt, die zwischen den Fenstern befestigt ist. Meist zeigt sie wabernde Formen und Farben. Auch sie fangen den Blick ein, aber nicht durch epikritische Winkel zwischen Horizontale und Vertikale, sondern durch protopathische Diffusität. Das Beispiel des Katharinenturms zeigt, wie auch solche Bauweisen leiblich dynamisch gestaltet werden können.

Im Süden des Breiten Wegs finden sich einerseits überraschende neue Gebäude, wie die von Friedensreich Hundertwasser gestaltete "Grüne Zitadelle" oder der postmoderne Sitz der Norddeutschen Landesbank mit langen Diagonalen und abgerundeten Kanten. Andererseits gibt es dort historische Bauten, u.a. den gotischen Dom St. Mauritius und Katharina, die ursprünglich romanische (später gotisch umgebaute) Kathedrale St. Sebastian, sowie ein Ensemble von Gründerzeitbauten rund um den Hasselbachplatz. Es ist hier aus Platzgründen nicht möglich, die leibliche Dynamik all dieser Gebäude im Einzelnen zu untersuchen; Hermann Schmitz gibt einige Hinweise zur leiblichen Wirkung einzelner Baustile.37

Entscheidend ist, dass diese Dynamiken existieren. Man stelle sich etwa allein auf den Domplatz und schaue in westlicher Richtung auf die Kathedrale St. Sebastian. Während man sich auf der Weite des Platzes fast verloren fühlt38, engt sich die Wahrnehmung beim Blick zwischen die Segmente der Nord/LB ein und wird am Ende von den Türmen der Kathedrale nach oben gelenkt. Die Sichtachse wirkt wie ein Anker.

Sichtachse Domplatz - NordLB - Kathedrale. Bild: M. Donick

Nordhälfte und Südhälfte des Breiten Wegs werden von einer großen Straßenkreuzung geteilt, bei der sich zu DDR-Zeiten ein großer Aufmarschplatz (der Zentrale Platz) befand. Davon zeugen heute noch Nachkriegsbauten im Stil des sozialistischen Klassizismus ("Stalinbauten"). Ansonsten wird der einst freie Platz nun von mehreren großen Einkaufszentren dominiert, die auch der Hauptanziehungspunkt der Straße sind.

Trotz der architektonischen Vielfalt ist die Straße selbst damit eher als Nicht-Ort im Sinne Augés zu beschreiben (Augé selbst weist darauf hin, dass ein Platz je nach Betrachter beides sein kann, für den einen Ort, für den anderen Nicht-Ort). Mit Ausnahme derjenigen, die dort wohnen, sucht man den Breiten Weg auf, um etwas zu erledigen: arbeiten, einkaufen, essen, Ämtergänge erledigen oder Sehenswürdigkeiten anschauen. Öffentliches, nicht in gastronomische Einrichtungen verlegtes Leben findet anderswo statt, an der Elbe oder in Parks.

Hasselbachplatz. Bild: M. Donick

Wo soziales Leben in den Breiten Weg dringt, etwa am Hasselbachplatz, wird es laut, wird getrunken, werden Konflikte ausgetragen und werden Ausscheidungen hinterlassen. Weil das bedrängt, folgen Abwehrreaktionen. Dann wird verlangt (wie die Lokalzeitung berichtet), die öffentlichen Sitzbänke abzubauen und laute klassische Musik zu spielen (!), damit sich abends keine betrunkenen Jugendlichen versammeln, in der Hoffnung, Prügeleien und Belästigung (durch, wie manche betonen, "die Ausländer") zu verhindern. In linken Social-Media-Kanälen wiederum liest man Kritik an Betrunkenen (und manche betonen: "betrunkene Deutsche") vor einem Getränkeladen, dessen Besitzer rechte Parteien unterstützen soll.39

Hinter solchen Debatten steckt auch ein Konflikt um die Deutungshoheit über die Funktion eines Platzes im sozialen Gefüge einer Stadt. Der Hasselbachplatz und seine Umgebung sind bekannt als architektonisch sehenswert und als das Ausgehviertel der Stadt. Magdeburg ist an einigen Stellen überraschend urban, doch nirgends so sehr wie am "Hassel". Doch wenn das öffentliche Leben von der Straße verdrängt wird oder im Sinne einer Gruppe exklusiv gestaltet wird, dann könnte sich auch dieser Teil des Breiten Wegs zum Nicht-Ort entwickeln, zu einer Kreuzung mit ein paar Geschäften, die ansonsten nur als Straßenbahnknotenpunkt und Architekturmuseum relevant ist.

Vor dem geschilderten Hintergrund war nun Miriam Neßlers Projekt "Urst Urban" in dreierlei Hinsicht überraschend. Erstens lud das Projekt explizit zur zweckfreien Anwesenheit ein. Es musste nichts gekauft, nichts verzehrt, an nichts teilgenommen werden. "Zweck" war die Anwesenheit als solche. Dies war ein absolut ungewöhnliches Konzept in einer Straße, die symbolisch dafür steht, dass Magdeburg mehr Pro-Kopf-Verkaufsfläche als Berlin hat. Im "Freiraum" jedoch gab es keine Vertragsutensilien, die für eine Anwesenheit nötig gewesen wären. Dadurch konnte man auch nicht in die Anonymität von Nicht-Orten fallen. Wenn kein Zweck als Anwesenheit vorgegeben ist, ergibt sich zwischen den Anwesenden von selbst ein sozialer Zweck: Interaktion, die nicht auf das Erreichen anderer vordergründiger Ziele ausgerichtet ist.

Zweitens war die Lage des Lokals hervorstechend. Wie erwähnt, ist der Nordabschnitt des Breiten Wegs durch Plattenbauten dominiert. Miriam Neßlers "Freiraum"-Projekt zeigte, dass es nicht allein auf die Architektur ankommt, wenn man lebendige inklusive Urbanität schaffen will, sondern darauf, was Menschen trotz dieser Architektur miteinander tun können.

Drittens schließlich wurde auch der öffentliche Raum außerhalb des Ladens genutzt. Neben der bloßen Anwesenheit wurden Veranstaltungen durchgeführt. "Exkursionen" führten die Geschichte des Breiten Weges vor Augen. Menschen setzten sich mit der direkten Umgebung im Stadtteil auseinander und stellten Ideen zu seiner künftigen Entwicklung vor, etwa für die Vision einer "Postwachstumsgesellschaft".

Mit all dem übertrug sich die Nicht-Anonymität des Lokals auch auf die Umgebung. Damit war auch die leibliche Wirkung der Straße anders als gewohnt. Die langen Geraden "zerfaserten", weil Menschen ihnen nicht nur nach Nord und Süd folgten, sondern weil sie kreisend um den Laden herum aufhielten. Dass dort auch Straßenlaternen mit Wolle umstrickt wurde, ist ein schönes Bild dafür.

"Urst Urban" machte aus dem Nicht-Ort Geschäftsstraße einen Ort, an dem deutlich wurde, dass Menschen hier nicht nur arbeiten oder einkaufen, sondern tatsächlich leben. Der Ort überraschte erst durch seine Existenz und dann regte seine Dynamik zum Staunen an. Aber es war ein Experiment, und nach einem Monat endete es. Das Ladenlokal hat nun einen neuen Nutzer - ein Fachgeschäft für E-Zigaretten.

IV.5 Medien und Leiblichkeit

Nicht nur das "echte" Erleben der Wirklichkeit im Hier und Jetzt kann zu leiblichen Regungen führen. Dies ist auch bei der Rezeption von Medien möglich, wovon Film, Musik, Computerspiele40 u.a. zeugen. Dass etwa die Stadtdarstellung in Grand Theft Auto 5 im ersten Eindruck so lebendig und atmosphärisch wirkt, liegt daran, dass auch mediale Rezeption ein vorreflexives Moment hat. Man nimmt zuerst wahr, erst dann denkt man darüber nach.

Am einsichtigsten ist eine leibliche Wirkung noch bei bildlichen Darstellungen, selbst wenn sie der Wirklichkeit nicht so nahe kommen wie aktuelle Virtual-Reality-Medien.41 Jürgen Hasse analysiert ein Schwarz-Weiß-Foto Hong Kongs. Er stellt heraus, dass der visuelle Eindruck des Fotos nicht auf sich selbst beschränkt ist, sondern auf "einen Erlebniskontext"42 verweist, der zwar im Foto nicht direkt wahrnehmbar, aber schon einmal "im eigenen Mitsein gespürt worden" ist.

Man sieht die Stadt zwar nur auf einem Foto, aber weil man ähnliche Dinge43 wie die sichtbaren schon einmal in eigenem Erleben wahrgenommen hat, kann man sich in die Abbildung hineinfühlen und (wie in Hasses Beispiel) die "Lebendigkeit" Hong Kongs wahrnehmen.

Dabei muss ein Bild gar nicht so viele Daten liefern wie Hasses Hong-Kong-Beispiel. So, wie wir uns reflexiv "fehlende" Sinnesdaten hinzudenken können ("da müsste noch ein Haus stehen", "da fehlen Menschen", u.ä.), können auf vorreflexiver Ebene auch leibliche Regungen entstehen, selbst wenn kein direkter Verweis von einem Abgebildeten auf die eigenen Erfahrungen nachvollziehbar ist, oder wenn das Abgebildete künstlerisch abstrahiert ist. Denn es geht nicht in erster Linie um die sichtbaren Formen oder deren semiotische Interpretation, sondern um "einen irgendwann und -wo vital erlebten Eindruck"44, der hervorgerufen wird.

Damit sind wir plötzlich wieder beim Thema dieser Essay-Reihe insgesamt: Dem individuellen Ergänzen wahrgenommener "Lücken" in Medien. Ob fiktional oder faktisch, Medien stellen Narrative zur Diskussion. Stellt man in den Narrativen Lücken fest, überlegt man, wie sie zu füllen sind oder woher sie kommen. Bei fiktionalen Werken spekuliert man über "plot holes" und Logikbrüche (vgl. Teil 2 dieser Essay-Reihe: Sie haben uns angelogen), bei Medienberichten über Politik kritisieren Kommentare oft das vermeintliche Weglassen von Informationen (vgl. Teil 3 dieser Essay-Reihe: Konflikt und Krisis: Partitizipativer Umgang mit Massenmedien). Solchen "Head Canons", die in Bezug auf Narrative entwickelt werden, liegt ein bewusster Reflexionsvorgang zugrunde. Dies ist bei leiblichen Regungen anders. Auch wenn sie durch mediale Verweise hervorgerufen werden, und in der Folge vielleicht zu Reflexion führen, sind die Regungen im Moment der Wahrnehmung vorreflexiv.

Entscheidend ist nun, dass nicht nur Bilder, sondern auch andere Medien zu leiblichen Regungen führen können, und zwar Medien jeden Inhalts. Und das nicht nur per Verweis auf Erlebtes (z.B. das medial verbreitete Narrativ der dauernden Ungewissheit, das an erlebte Situationen der Ungewissheit anknüpft und leiblich etwa als Schwindel ohne körperliche Entsprechung spürbar ist), sondern auch durch die Wahrnehmung des Mediums selbst. Letzteres hat zum Untertitel dieser Essay-Reihe geführt: "Medien im epikritischen Zeitalter".

Für das epikritische Zuspitzen kann ein Beispiel herangezogen werden, das ich im letzten Teil dieser Essay-Reihe erwähnt habe: "In den Filialen großer Buchhandlungsketten steht dann der KOPP-Verlag neben Suhrkamp und Compact neben Spektrum der Wissenschaft. Tichy's Einblicke schauen auf die SZ Langstrecke herab, während die FAZ Quarterly von CATO flankiert wird." Das Beispiel hatte ich im Zusammenhang mit dem Wandel des journalistischen Gatekeeper-Paradigmas genutzt.

Tatsächlich ist das Beispiel auch die konstellative Spur einer leiblich wirksamen Situation, die ich vor Verfassen des Essays in der damaligen leiblichen Disposition erlebt habe. Da war zunächst der Wechsel von Enge zu Weite beim Betreten der Buchhandlung, als die langen Geraden der Gänge der Shopping Mall von einem ausgedehnten Raum abgelöst wurden, der durch abgerundete Laufwege und entsprechende Möblierung einer effizienten Zielgerichtetheit entgegenstand (es fehlte eine klare "Schienung des Blicks", wie Schmitz das ausdrückt). Die protopathische Atmosphäre war sowohl gemütlich als auch Neugier erweckend, sie lud zum zeitvergessenen Stöbern im Angebot ein. Meine eigene Befindlichkeit war wohl als "eingelullt" zu beschreiben und das war der von mir (und wohl auch von irgendwelchen Verkaufspsychologen …) erhoffte Zustand.

In diesen Zustand trat nun eine Überraschung, als das Zeitschriftenregal in den Blick geriet. Die von früheren Besuchen vertraute Reihenfolge war diesmal verändert durch die erwähnten rechtsgerichteten Publikationen, insbesondere CATO stach hervor. Durch die Irritation verengte sich meine Wahrnehmung auf eine Blickrichtung zwischen den Publikationen und mir, während der Rest des Raumes in den Hintergrund trat.

Wie ein provozierender Blick wirkten die Titelseiten der Hefte, wie ein ausgestreckter Zeigefinger drängten sich ihre Schlagzeilen auf, als Aufforderung zumindest zur Kenntnisnahme: Sie sind da, wie selbstverständlich, und sie liegen nicht versteckt in irgendwelchen "Schmuddelecken". Meine erste Reaktion war ein ungläubiges "krass", während ich für Sekunden angespannt stehenblieb.

Nach der Wahrnehmung begann die Reflexion. Ich erinnerte mich an andere Medien, die im Vorfeld negativ über das Erscheinen von CATO berichtet hatten. Ohne dieses medial vermittelte Vorwissen wäre die Situation leiblich ganz anders abgelaufen. Während des Nachdenkens (ich fragte mich z.B., ob eine Buchhandlung solche Zeitschriften unbedingt so gleichberechtigt sichtbar platzieren musste) drängten sich Anklänge potenzieller leiblicher Regungen auf, die wohl am ehesten als enge, düster-atmosphärische Dystopie einer neurechten Gesellschaft zusammenzufassen sind. Kopfschüttelnd wandte ich mich nach einigen Sekunden ab, doch die anfängliche Atmosphäre konnte ich nicht mehr wahrnehmen.

Es ist nochmals wichtig zu betonen, dass leibliche Regungen je nach leiblicher Disposition unterschiedlich sind45 (und mitunter vom Subjekt gar nicht erkannt werden), genauso wie die nachgängigen Reflexionen von Erfahrungen, Wissen und Weltbild geprägt sind. Obige Situation ist natürlich auf mein linksliberales Weltbild zurückzuführen, das durch den zunehmenden Erfolg neuer rechter Bewegungen in Europa und den USA zunehmend gefährdet wird.

Die großen gesellschaftlich-politischen Entwicklungen schlagen sich im individuellen leiblichen Erleben nieder. Aber dies geht auch umgekehrt. Denn aus rechter Sicht könnte die Dominanz eher linker Publikationen in Buchhandlungen als Engung wirken (weil sie Beispiel für und Verweis auf einen als dominierend oder erdrückend wahrgenommenen "Mainstream" sind). Entsprechend könnte die Wahrnehmung prominent platzierter rechter Publikationen als Befreiung wirken. Die Blicklinie Leib - Medium wäre dann kein vom Heft ausgehender epikritischer Fingerzeig, sondern ein weitendes Licht am Ende des Tunnels, oder eine Öffnung in einer metaphorischen Mauer des Mainstreams. Dies alles ist, wie gesagt, im Moment der Wahrnehmung vorreflexiv und noch nicht sprachlich ausgedrückt.

Wenn man das Beispiel auf einen allgemeineren Punkt bringen will, geht es hier um die Leiblichkeit medialer Lüge. Linken wie rechten Publikationen werden Falschinformation und Weglassen vorgeworfen, in Kommentaren wird versucht, gegenzuhalten. Es ist ein leiblich bedrängender Kampf um das Rechthaben von allen Seiten.

Eine neue Rolle spielt dafür jetzt das Melden. Über das seit Januar gültige Netzwerk-Durchsetzungsgesetz kommentierte Frank Rieger im Freitag: "Nutzer aus dem gesamten politischen Spektrum klickten sich die Finger wund und meldeten massenweise Tweets und Posts ihrer jeweiligen Gegner als löschbedürftig."46. Es ist zu vermuten, dass nicht alle dieser Meldungen nach reiflicher Überlegung gemacht wurden, sondern auch direkt nach der Wahrnehmung, quasi affekthaft, ähnlich wie man auf diese Weise Posts und Produkte "liked" oder "disliked". Egal ob links oder rechts, der Affekt wäre hier Spannung lösender Reflex, als Reaktion auf die drängende epikritische Engung, die bei Wahrnehmung des Mediums zu spüren war.

Im nächsten Teil der Reihe greife ich die bis hierher angestellten Überlegungen wieder auf, um das Ideal eines "dynamischen Lokalen" zu entwickeln: Ist es möglich, Positives im rhythmischen Wechselspiel des lebendigen Lokalen mit dem medial vermittelten Globalen und all seiner Ungewissheiten zu sehen, wertzuschätzen oder wenigstens auszuhalten, ohne Zuflucht in kämpferischen Affekten zu suchen? Wie müsste "Stadt" dabei unterstützen?