Nicht Fake News, sondern verwirrende Äußerungen der Regierung sind das größere Problem

Premierminister Boris Johnson auf der Pressekonferenz am 10. Juni. Screenshot des YouTube-Videos von 10 Downing Street

Nach einer Studie von britischen Wissenschaftlern erkennen die Menschen Fake News über Covid-19 schnell, aber verweisen auf Desinformation seitens der Politik und der Medien

Wenn es irgendwo zu politischen Konflikten kommt, wird mittlerweile gerne auf Verbreiter von Fake News oder Desinformation, inklusive ausländische Medien und Geheimdienste (im Westen erst einmal russische, mittlerweile auch chinesische), gezeigt. Implizit wird suggeriert, die Menschen seien zu dumm oder zu ungeschützt, um Desinformation nicht anheimzufallen, die aber so gefährlich sei, dass wahlweise das politische System, eine Wahl oder die ganze Gesellschaft instabil werden könne. Deswegen wird behauptet, man müsse Fake News oder Desinformation, die von falscher Seite kommt, auch staatlicherseits bekämpfen und die Menschen vor gefährlichen Memen immunisieren.

Ähnlich wird gerade wieder von den deutschen Innenministern argumentiert, die fürchten, dass mit der Kritik an den Lockdown-Beschlüssen und manchen wilden Theorien über eine angebliche Inszenierung der Corona-Krise "Ängste und Unruhe in der Bevölkerung" geschürt würden (Soziale Unruhen oder Massenmigration nach der Covid-19-Pandemie?).

Unterstellt wird dabei, dass Fake News, Verschwörungstheorien und Falschdarstellungen nur auf der Seite des wilden Internets oder ausländischer Medien von politisch verdächtigen Akteuren zu finden seien, was schon selbst ziemlich gut einer Verschwörungstheorie gleicht (Wer die Bekämpfung von "Fake-News" finanziert). Dass Politiker, politische Parteien, auch Regierungsvertreter sowie alle Mainstreammedien nicht nur die reine Wahrheit verbreiten, sondern auch mitunter interessengeleitet einseitig oder selektiv argumentieren, wird in dem sich ausbreitenden Schwarz-Weiß-Denken denn auch gerne außer Acht gelassen.

Große Mehrheit erkennt Fake News schnell

Eine Umfrage von Wissenschaftlern der Cardiff University School of Journalism, Media and Culture zeigt nun, dass die Wirklichkeit zumindest komplexer ist. Für ihre Untersuchung fragten die Wissenschaftler 200 Briten, angeblich eine repräsentative Auswahl, aber nicht statistisch repräsentativ, am 16. und 17. April, welche Medien sie konsumieren und welche Kenntnis sie von der Covid-19-Pandemie haben - verfolgten ihre Mediennutzung dann weiter bis zum 27. Mai.

Mehr als 80 Prozent nutzten täglich oder an den meisten Tage der Woche Fernsehen (überwiegend BBC), Online-Medien oder Soziale Medien, um sich über Covid-19 zu informieren, das Großbritannien auch wegen Fehlentscheidungen der Johnson-Regierung härter als andere europäische Staaten getroffen hat. Print-Zeitungen und -Magazine werden am geringsten gelesen, auch Radio wird wenig genutzt.

Die Wissenschaftler baten die Menschen abzuschätzen, China, Frankreich, Südkorea, Großbritannien und Iran in einer Rangfolge nach der Zahl der Covid-19-Todesfälle einzuordnen. 43 Prozent setzten China auf Platz 1, fast 50 Prozent sahen Großbritannien nicht auf Platz 1 oder 2, obgleich es zu der Zeit in Frankreich und Großbritannien, dreimal so viele Coronatote gegeben hat. In Großbritannien hatte es mehr Tote als in Frankreich gegeben, wenn die britische Regierung in die offiziellen Zahlen auch wie in Frankreich die Todesfälle in Alters- und Pflegeheimen einbezogen hätte, anstatt sie mit diesem Trick herunterzurechnen.

Die Wissenschaftler wollten damit auch herausfinden, ob die Menschen glauben, dass die Regierung gut in der Corona-Krise gehandelt hat. Wenn sie die Toten weit unterschätzen, scheint dies der Fall, also das Vertrauen in die Regierung groß zu sein. Gleichzeitig können sie mit der falschen Einschätzung die Lage nicht mit der in anderen Ländern vergleichen. Bei der Bitte, die Länder nach der Stärke der Lockdown-Maßnahmen einzustufen, lagen die Befragten hingegen richtig und platzierten Großbritannen nach Italien, Spanien und Südkorea auf den vierten Platz vor den USA.

Und um zu sehen, ob die Menschen auf Fake News hereinfallen, wurden sie gefragt, ob und wenn ja welche Rolle 5G bei der Verbreitung der Pandemie spielt. Bekanntlich ist in Großbritannien die Angst vor 5G mit Verschwörungstheorien umgegangen, es wurden mehrere Masten zerstört. Mit überwältigender Mehrheit hätten die Befragten diese Verbindung als falsch bezeichnet. Sie verwiesen dabei auf entsprechende Nachrichten. Die Medien seien, so die Wissenschaftler, hier bei der Bekämpfung von Desinformation effektiv gewesen.

Desinformation von Regierung und Medien ist ein Problem

Die Wissenschaftler beobachteten die 200 Teilnehmer der Studie sechs Wochen lang bis zum 27. Mai und kamen zur Erkenntnis, dass die Mehrheit keineswegs auf Fake News hereinfällt, sondern sofort gegenüber Stories misstrauisch ist, die etwa 5G für die Covid-19-Pandemie verantwortlich machen oder das Gurgeln mit Salzwasser als Behandlung empfehlen.

Die Menschen beunruhigen weniger die für sie schnell kenntlichen Fake News auf Sozialen Netzwerken oder Verschwörungswebsites. Gefragt, wo sie auf falsche oder irreführende Informationen über Covid-19 gestoßen waren, verweisen viele auf Beispiele für Desinformation seitens der Regierung oder der Medien. Natürlich auf Donald Trump, der beispielsweise Ende April einmal vorgeschlagen hatte, Desinfektionsmittel gegen Covid-19 zu spritzen. So seien Angaben über den Mangel an Masken, die Zahl der ausgeführten Tests oder der Todesfälle in Pflegeeinrichtungen falsch gewesen. Kritisiert wird auch, dass die Medien zu wenig die Verlautbarungen der Regierung überprüfen.

Die Wissenschaftler kritisieren, dass in vielen Umfragen die Menschen gefragt würden, ob sie Desinformation gesehen hätten, was natürlich viele bestätigen, aber es würde nicht gefragt, was sie gesehen haben und vor allem woher die Desinformation kommt. Überdies werde dann oft angenommen, dass die Menschen auf Desinformation auch hereinfallen.

Medien sollen Regierungsinformationen stärker hinterfragen

Die Menschen können, so die Wissenschaftler, leicht Fake News erkennen, aber sie wissen weniger darüber, was gegen die Pandemie unternommen wird. So würden 30 Prozent nicht wissen, dass die Regierung regelmäßig nicht die Testziele erreichen konnte. Fast ein Drittel wisse auch nicht, dass die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken, in den ärmeren Regionen von England und Wales höher ist. Wie oben schon gesagt, wurde die Zahl der Toten unterschätzt, gleichzeitig herrscht eine Skepsis vor den offiziellen Zahlen. Die Hälfte der Befragten wusste auch nicht, dass die britische Regierung gar nicht verantwortlich ist für die Lockdown-Maßnahmen in Schottland oder Nordirland.

Zwischen dem 1. April und dem 27. Mai ist das Vertrauen in die Regierung beim Umgang mit der Pandemie drastisch gefallen. Die Teilnehmer der Studie wünschen, dass die Medien genauer die Entscheidungen der Regierung hinterfragen und regelmäßig Faktenchecks bei fragwürdigen Behauptungen durchführen - von der Regierung, nicht von Behauptungen in den Sozialen Netzwerken. Überdies sollen eher Experten als Politiker Medien informieren. Das Vertrauen in Journalisten von Fernsehsendern, allen voran von BBC, und Radiosendern ist am höchsten, das in Journalisten von Zeitungen und Onlinemedien ist schon deutlich geringer.

Vorläufiges Resümee der Untersuchung, die weitergeht, ist, dass Medien bei der Bekämpfung von Desinformation nicht nur in Frage stellen müssen, was Politiker sagen, und die Regierung zur Rechenschaft ziehen sollen, sondern herausfinden müssten, was die Menschen am meisten verwirrt, um Wege zu ermitteln, wie sich das Verständnis für "komplexe und umstrittene Themen" erhöhen ließe. (Florian Rötzer)