Nicht annähernd auf dem Weg zum Pariser Klimaziel

"Powerstation" Bild: Pixabay License

Die Energie- und Klimawochenschau: Golfstrom und europäische Wälder in Gefahr, bislang unzureichende Reduktionsziele der Staaten und viel Geld für die Kohleindustrie

Wie in der vergangenen Woche bereits berichtet, konnten Wissenschaftler nachweisen, dass sich der Golfstrom seit Mitte des 20. Jahrhunderts deutlich abgeschwächt hat. Sollte diese Entwicklung fortschreiten, könnte der Golfstrom im Jahr 2100 um 34 bis 45 Prozent schwächer sein.

"Das könnte uns gefährlich nahe an den Kipppunkt bringen, an dem die Strömung instabil wird", folgert der Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Dies wiederum hätte drastische Folgen für das Klima in Mittel- und Nordeuropa und damit für das gesamte Leben auf dem Kontinent; Ökosysteme würden zusammenbrechen und eine Landwirtschaft, die den dicht besiedelten Kontinent versorgt, wäre wohl kaum noch möglich.

Doch auch eine Abschwächung des Golfstroms beeinflusst das Klima in Europa und Nordamerika, die genaueren Auswirkungen werden derzeit noch erforscht. Zu den möglichen Effekten zählen ein Anstieg des Meeresspiegels an der Ostküste Nordamerikas, die Verstärkung atlantischer Winterstürme, aber auch extreme Hitzewellen und weniger Niederschläge im Sommer.

Ebenfalls berichtet wurde über den besorgniserregenden Zustand der Wälder in Deutschland. Laut des jüngst veröffentlichten Waldschadensberichts ist nur noch ein Fünftel der Waldbäume gesund. Anhaltende Trockenheit und Schädlinge, die sich bei wärmeren Temperaturen besser ausbreiten können und zudem auf bereits geschwächte Bäume treffen, setzen dem Wald zu. All dies ist nicht auf die Wälder in Deutschland begrenzt.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie sehen Wälder in ganz Europa durch den Klimawandel gefährdet, insbesondere auf der iberischen Halbinsel sowie die Nadelwälder im Norden Europas. Besonders gefährdet durch zunehmende Klimaextreme seien große und alte Bäume, was sich beispielsweise beim Absterben von Buchen gezeigt hat.

Ob der Trockenstress für die Waldbäume sich in diesem Jahr fortsetzt, ist maßgeblich von der Bodenfeuchte in tieferen Schichten abhängig. Und dort herrscht in vielen Landesteilen weiterhin Dürre, wie der Dürremonitor des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung zeigt. Besonders im Osten Deutschland herrscht demnach noch immer außergewöhnliche Dürre, auch wenn die oberen Bodenschichten gut mit Wasser versorgt sind.

Die Niederschlagsmenge dieses Winters war in den meisten Regionen durchschnittlich, so die Auswertung des Deutschen Wetterdienstes, allerdings in Berlin und Brandenburg zu gering - und damit auch in den Regionen, wo die tiefen Bodenschichten außergewöhnlich trocken sind.

Die Temperaturen in ganz Deutschland waren trotz der kurzen Kälteperiode insgesamt zu warm, was den Winter 2020/21 zum zehnten überdurchschnittlich warmen Winter in Folge machte. Die Durchschnittstemperatur lag 1,6 Grad höher als in der Referenzperiode 1961 bis 1990 und immer noch 0,4 Grad höher als 1991 bis 2000.

75 Staaten haben neue Klimaziele eingereicht

Die Abschwächung des Golfstroms und das neue Waldsterben sollten eine deutliche Mahnung sein, die Klimaerwärmung auf die vereinbarten 1,5 Grad, zumindest aber deutlich unter 2 Grad zu begrenzen. Dazu ist es nötig, den Ausstoß von Treibhausgasen schnell und drastisch zu reduzieren. Leider werden die bisherigen Ambitionen der einzelnen Staaten nicht annähernd dem in Paris vereinbarten Klimaziel gerecht.

Dies stellen die Vereinten Nationen in einer Auswertung der bislang eingreichten, verschärften nationalen Emissionsreduktionsziele (NDCs) fest. Unter der Berücksichtigung der neu eingereichten NDCs würden die globalen Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2025 weiter ansteigen, bis 2030 dann leicht absinken, im Vergleich zum Jahr 2010 um 0,5 Prozent. Um die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, müssten die Emissionen bis zum Jahr 2030 jedoch um 45 Prozent gegenüber dem Jahr 2010 sinken und 2050 Nettonull erreichen.

Der zum 28. Februar veröffentlichte Bericht stellt allerdings nur einen sehr lückenhaften Zwischenstand dar. Bislang haben 75 Mitgliedsstaaten des Pariser Abkommens ihre aktualisierten Reduktionsziele eingereicht; diese Länder waren 2017 für rund 30 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Die neuen NDCs der meisten Staaten stehen noch aus, darunter auch einige der größten Emittenten. Lediglich 2 der 18 größten Verursacher von Treibhausgasen haben nennenswert verschärfte NDCs eingereicht, manche haben ihre NDCs nur wenig verändert und andere müssen noch liefern.

Der Zwischenbericht des Sekretariats der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) soll auch ein Aufruf an die Staaten sein, bald möglichst ambitionierte Reduktionsziele für das Jahr 2030 einzureichen.

Der heutige Zwischenbericht des UNFCCC signalisiert die Alarmstufe rot für unseren Planeten. Er zeigt, dass die Regierungen nicht annähernd das Ambitionsniveau erreichen, um die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen und die Pariser Klimaziele einzuhalten. Die größten Emittenten müssen ihre Emissionsreduktionsziele für 2030 zeitig vor der UN-Klimakonferenz in Glasgow im November steigern.

UN-Generalsekretär António Guterres

Kohlefinanzierung hat seit 2016 zugenommen

Entscheidend für den Ausstieg aus fossilen Technologien sind nicht allein die von Regierungen festgelegten Ziele und Maßnahmen, sondern auch die finanziellen Mittel, die in die jeweiligen Sparten fließen. Nicht umsonst wird die Forderung an Banken und Versicherungen immer lauter, keine Kredite und andere Finanzierungen für neue fossile Projekte mehr zur Verfügung zu stellen.

Doch statt sich aus der Kohlefinanzierung zurückzuziehen, sind die von Banken und Versicherungen bereitgestellten Finanzen für die Kohleindustrie seit 2016 sogar gestiegen, wie eine Recherche von urgewald, Reclaim Finance, Rainforest Action Network und 350.org Japan zeigt.

Demnach sind 2016 491 Milliarden US-Dollar in den Kohlesektor geflossen, 2019 und 2020 sogar 534 Milliarden. Die Erhebung beruht auf Investitionen und Finanzierungen für die auf der Coal-Exit-List aufgeführten Unternehmen.

Die größten institutionellen Investoren ins Kohlegeschäft sind die Fondsgesellschaft Vanguard, sowie BlackRock mit Sitz in den USA mit 86 bzw. 84 Milliarden Dollar. Die größten Kreditsummen fürs Kohlegeschäft vergaben die drei japanischen Banken Mizuho, Sumitomo Mitsui Banking Corporation und Mitsubishi UFJ Financial Group, gefolgt von Citigroup aus den USA und Barclays aus Großbritannien. Chinesische Finanzinstitute fungieren hingegen oft als Underwriter, das heißt, sie legen Anleihen oder Aktien auf, um den Unternehmen auf diesem Weg Kapital an den Finanzmärkten zu verschaffen.

Deutsche Banken stellten der Kohleindustrie Kredite in Höhe von 31 Milliarden US-Dollar zur Verfügung, dabei waren die Commerzbank und die Deutsche Bank die größten Geldgeber. 18,9 Milliarden US-Dollar haben deutsche Finanzinstitutionen in Aktien und Anleihen von Kohleunternehmen investiert, an erster Stelle steht die Allianz mit 8 Milliarden, gefolgt von der Deutschen Bank mit 6 Milliarden.

Zwar haben einige Banken und Versicherer in Deutschland mittlerweile Kohlerichtlinien beschlossen, diese lassen aber nach wie vor viel zu große Schlupflöcher. Und ausgerechnet die Landesbanken der Sparkassen-Gruppe verfügen über gar keine Kohlerichtlinien und gehören zu den großen Finanzierern des Kohleunternehmens RWE.

Bei der Commerzbank und der Deutschen Bank sind die Ausschlusskriterien an die Höhe des Kohleanteils etwa im Energiemix eines Unternehmens oder im Bergbau geknüpft. Und obwohl die Allianz verkündet hat, Kohleunternehmen ab 2023 nicht mehr versichern zu wollen, stellt sie über ihre Töchter Pimco und Allianz Global Investors weiterhin Anlagemöglichkeiten in Kohleprojekte zur Verfügung. Andere europäische Banken und Versicherer haben mittlerweile weit strengere Richtlinien beschlossen.

Versicherer wie AXA, Banken wie Crédit Mutuel, UniCredit und Desjardins oder Vermögensverwalter wie Ostrum haben gezeigt, was getan werden muss, indem sie die meisten auf der Global Coal Exit List gelisteten Unternehmen aus ihren Portfolios ausgeschlossen haben. Ein schneller Ausstieg aus Kohlefinanzierung und -investition ist machbar und letztlich eine Frage des Überlebens.

Yann Louvel, Reclaim Finance

Mehr Klimaschutz in die Wahlprogramme

Die SPD hat einen Entwurf für ein Wahlprogramm vorgelegt, in dem ansatzweise auch der Klimaschutz erwähnt wird. Im Verkehrsbereich spricht sie sich für ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen aus und möchte bis 2030 mindestens 15 Millionen Elektroautos auf die Straßen bringen. Allerdings fehlt ein Enddatum für die Zulassung von Autos mit Verbrennungsmotor, wie es in anderen europäischen Staaten bereits existiert. Den Kohleausstieg im Jahr 2038 stellt die SPD nicht in Frage, so dass Wählerinnen und Wähler, denen das Thema Klimaschutz wichtig ist, sich hier kaum angesprochen fühlen dürften.

Auch die Klima-Allianz, ein Bündnis von über 140 Organisationen, von Umweltorganisationen über Kirchen bis hin zu Gewerkschaften, bereitet sich mit einem Forderungspapier auf die Bundestagswahl vor. In den kommenden vier Jahren müssten "die Weichen für eine sozial-ökologische Transformation, für einen klimaneutralen, sozial gerechten Umbau unserer Wirtschafts- und Lebensweise gestellt werden", heißt es in dem Papier, und:

"Rückwärtsgewandte Investitionen, zögerliches Handeln oder gar einen fossilen Lock-in können wir uns nicht mehr leisten."

Gefordert wird, dass sich Deutschland ein deutlich höheres Klimaschutzziel setzt als bisher und die Klimaneutralität bereits bis zum Jahr 2040 anstrebt. Der Kohleausstieg sollte bis 2030 abgeschlossen sein, die erneuerbaren Energien bis dahin einen Anteil von 75 Prozent an der Stromversorgung erreichen. Wasserstoff sollte nur unter Einsatz erneuerbaren Stroms hergestellt werden und für Wasserstoffimporte soziale und ökologische Nachhaltigkeitskriterien gelten.

Der CO2-Preis sollte deutlich steigen und sich an den tatsächlichen Schadenskosten von 205 Euro pro Tonne im Jahr 2030 orientieren, wie sie vom Umweltbundesamt berechnet wurden, wobei es auch einen sozialen Ausgleichsmechanismus geben müsse. Für den Verkehrsbereich ist ein Zulassungsstopp für Pkw mit Verbrennungsmotor gefordert, eine Neubewertung des Bundesverkehrswegeplans unter Klima- und Nachhaltigkeitsaspekten sowie ein Bundesmobilitätsgesetz, das mehr Raum schafft für Bus-, Bahn-, Rad- und Fußverkehr.

Weitere Forderungen betreffen unter anderem eine mietergerechte Gebäudesanierung, industrielle Prozesse, eine klimafreundlichere Landwirtschaft, den Abbau klimaschädlicher Subventionen, den Umbau des Finanzwesens, einen gerechten Beitrag Deutschlands zur internationalen Klimafinanzierung und Schuldenerlässe für die ärmsten und von der Klimakrise am härtesten betroffenen Länder.

Auf Basis des Forderungspapiers will die Klima-Allianz in den kommenden Monaten Gespräche und Diskussionen mit Vertreterinnen und Vertretern der politischen Parteien führen. (Jutta Blume)