Nicht hauen!

Sogar schwache Formen der körperlichen Bestrafung vergrößern das Risiko, dass Kinder später aggressives Verhalten an den Tag legen

Die Meinungen zur körperlichen Bestrafung von Kindern sind unterschiedlicher, als man zunächst annimmt. Geht man davon aus, dass bei den Eltern heutzutage die Überzeugung vorherrscht, dass Kinder keinesfalls geschlagen werden sollten, so überrascht mancher nebenbei geäußerte Satz, wonach dann doch mal die Hand ausgerutscht sei, weil das Kind beispielsweise die Wohnzimmerwand zu Höhlenmalerei-Versuchen mit Filzstiften benutzte. Das „Tabu“ wird in Wirklichkeit öfter gebrochen, als es die überall vorgetragenen Überzeugungen erwarten lassen, so der Anschein, der sich aus privaten Geständnissen ergibt. Bestätigt wird dies nun von einer größeren wissenschaftlichen Untersuchung.

Im Forum zu Artikeln mit diesem Thema taucht öfter mal der Hinweis auf, dass eine Ohrfeige wirksames Mittel der Verkehrserziehung sein könnte. Der damit verbundene Schock verhindere Schlimmeres, so die Begründung, die traditionell mit der guten Absicht hinter dem harten Akt argumentiert. Berücksichtigt werden muss, dass Eltern angesichts ihrer Kinder in lebensbedrohlichen Verkehrssituationen verständlicherweise alle Nerven verlieren können - als Erziehungsmaßnahme ist dies, so wird das auch formuliert, die Ausnahme von der Regel, dass Kinder nicht körperlich gezüchtigt werden sollten.

Doch liefern selbst wissenschaftliche Untersuchungen zum „Spanking“, was im Deutschen gebräuchlich mit „Hintern versohlen“ wiedergegeben wird, zuweilen erstaunliche Ergebnisse, die manchen kalten Zeitgeist mit alten Turnvätern und Watsch'npriestern am selben Stammtisch von der Richtigkeit gemeinen Denkens träumen lässt: Der Erfolg kommt mit dem Versohlen.

In den USA, wo namhafte Einrichtungen wie die American Academy of Pediatrics und das Center for Effective Discipline sich gegen „Spanking“ und „Hitting“ stark machen, verweist ein Bericht von ABC-News auf Eltern, die ungeachtet solcher Ratschläge weiter ihre Kinder züchtigen.

Wie eine Studie, die jetzt im Fachmagazin Pediatrics veröffentlicht ist, zeigt, sind das gar nicht so wenige.

Die Studie mit dem Titel „Mothers' Spanking of 3-Year-Old Children and Subsequent Risk of Children's Aggressive Behavior“ hat eine ziemlich große Grundgesamtheit: 2461 Teilnehmer der Kohortenstudie Fragile Families and Child Well-being Study. Das gemeinsame biographische Ereignis der Untersuchten ist die Geburt eines Kindes in den Jahren 1998 bis 2000 in 20 größeren amerikanischen Städten. Laut Studie billigen die meisten Eltern in den USA körperliche Züchtigung von Kindern - i.O. „corporal punishment (CP)“ - und wenden diese als Disziplinierungsmaßnahme auch an.

Von den fast 2 500 Müttern, die danach befragt wurden, ob und wie oft sie ihr 3-jähriges Kind körperlich bestrafen würden, gaben mehr als die Hälfte an, dass sie es im vergangenen Monat „versohlt“ (i.O. „spanked“) hätten. 27, 9 Prozent berichteten, dass sie dies einmal oder zweimal innerhalb des vergangenen Monats getan hätte und 26,5 Prozent gaben an, dass sie ihr Kind öfter als zweimal gezüchtigt hätten.

Ziel der Studie war es, die Praxis der körperlichen Strafen, der die 3-jährigen Kinder ausgesetzt waren, mit dem aggressiven Verhalten in Verbindung zu bringen, das diese Kinder mit 5 Jahren an den Tag legten. Untersucht wurde der Zusammenhang anhand von Aussagen der Mütter, die sie abgaben, als die Kinder 3 Jahre alt waren und dann 5 Jahre. Gefragt wurden die Mütter danach, ob das Verhalten der Kinder anderen gegenüber als aggressiv („bullying“) sei, ob sie sich öfter in Raufereien verwickeln lassen usf.

Was die Studie nun erwähnenswert macht ist, dass ihr Ergebnis so eindeutig ausfällt: Mehrmaliges (Indikator dafür war „mehr als zweimal im vorherigen Monat“) Anwenden von körperlichen Strafen bei Kindern im Alter von 3 Jahren ist demnach verbunden mit einem deutlich höherem Risiko, dass das Kind im Alter von 5 Jahren eine höhere Bereitschaft zur Aggressivität zeigt.

Unsere gegenwärtigen Erkenntnisse legen nahe, dass sogar schwache Formen der körperlichen Bestrafung das Risiko vergrößern, dass das Kind später ein aggressives Verhalten an den Tag legt.

Seitens der Wissenschaftler wird betont, dass man bei dieser Studie größten Wert darauf gelegt habe, die Beziehung zwischen der körperlichen Bestrafung und späteren Verhaltensweisen der Kinder so „rein“ wie möglich darzustellen. Wie vermerkt wird, hat man darauf geachtet, andere wichtige Risiko-Faktoren, die in diese Verbindung hineinspielen können (genannt werden psychische Misshandlung, Vernachlässigung durch Eltern, Drogenmissbrauch u.a.1), aus diesem Zusammenhang herauszuhalten.

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