Nicht jedes Hundeleben ist ein Hundeleben

Am oberen Ende der Nahrungskette: Luxusfressen von Ayuverda über Edelfleisch oder Vollkorn bis Zen-kompatibel

Wie ernähren sich eigentlich unseren vierbeinigen Freunden aus der Oberschicht? Werden die gehobenen Konsumbedürfnisse der kleinen Gourmets auch wirklich passgenau befriedigt? Und wenn ja: Von wem? Auf Spurensuche in einem der ideenreichsten Länder der Erde.

Unlängst entdeckte der Philosoph Wolfgang Ullrich die feinen Unterschiede des Konsums. Nach seiner Beobachtung differenzieren sich die Verbraucher sukzessive in drei Sozialtypen aus: in bewusste Konsumbürger (reichlich reich, obschon öko-sozial), in oberflächlichen Konsumadel (will zu viel, aber überteuert kaufen) und geiz-geile Konsumproleten. Der Konsumbürger verachte sowohl den Konsumadel als auch den Konsumproleten als Konsumbanausen. Denn:

Wie der Schnäppchenjäger und Discounter-Kunde für ihn ein tumber Konsumprolet ist, klassifiziert er den Besucher von Flagshipstores und Freak von Edellabels als neue Spielart gewissenlosen Geldadels.

Professor Wolfgang Ullrich

Der Gelehrte sprach von konsumierenden Menschen. Doch längst tobt der Konsumklassenkampf auch unter Deutschlands Hunden. So auch in Fragen der Ernährung. Die Tage jedenfalls, als ein Metzger-Besuch oder gar die Chappi-Dose reichten, um Yallas, Harros und Montis Bedürfnisse zu befriedigen – sie gehören längst der Vergangenheit an.

Alle Bilder: Marcus Meier

Lili‘s Hundeimbiss verströmt einen süßlich-penetranten Geruch. Der kommt vom frischen Pansen, der hier, in Kölns Aachener Straße, verkauft wird. Peter-Joachim Gitz-Mombauer vermengt solide Zutaten. Gemüse, Fleisch, Kräuter und Pflanzenöl püriert er zu einem frischen, vitaminreichen Leckerli. Die 500-Gramm-Portion kostet zwischen 120 und 450 Cent. Waldi kann die Mahlzeiten nach Hause tragen, aber auch sofort verzehren: Wenn er vom kleinen Hunger übermannt wird, stehen zwei Fressnäpfe aus Edelstahl parat.

Theke bei Lili‘s Hundeimbiss

BARF heißt Gitz-Mombauers Zauberkürzel, und es steht für Biologisches Artgerechtes Rohes Futter. Also Zutaten aus Bio-Landwirtschaft? „Nein“, sagt der Imbiss-Boss, „Bio-Fleisch wäre dekadent“, weil doppelt so teuer. Überhaupt (und trotz der Wasserbüffelvenen im Regal) bestreitet Gitz-Mombauer vehement, ein Luxusangebot für allzu verwöhnte Vierbeiner zu unterbreiten. Stattdessen verweist auf seine moderaten Preise – und auf einen „einen Laden drüben auf der Dürener Straße“. Der sei „nun wirklich, naja...“

Cool Pets Paradise heißt besagter Laden. Neben allerlei Halsbändchen, Kleidungsstücken und sonstigen Geschenkideechen, im Winter auch Karnevalskostümchen, schließlich sind wir in Köln, wird hier eine kleine Auswahl erlesener Nahrungsmittel verkauft. Mal in edel gestalteten, pastellfarbenen Dosen, mal im schnöden Plastikbeutel. Das Highlight: Trockenfutter aus Straußenfleisch. „Das ist gut für den zu Allergien neigenden Hund“, erzählt die ebenso freundliche wie fachkundige Bedienung. Der Preis hingegen prangt auf der Packung: 6,99 Euro pro 150 Gramm. Macht 46,60 Euro pro Kilo.

Verglichen mit Cool Pets Paradise ist Denn‘s Biosupermarkt schräg gegenüber doch recht preisgünstig. Das „organic vegetarian dog food“ der Marke „Yarrah“ kostet 53,99 Euro. Allerdings im 15-Kilopack. In die Öko-Veggie-Kerbe schlägt auch eine Privatbäckerei aus Pulheim: Kay Klein‘s Hundekeks-Manufaktur backt Kekse aus Zutaten wie Vollkornmehl, Haferflocken, Honig und Möhren. Alles öko und ordentlich von Bioland zertifiziert, und alles handgemacht. Das gilt selbst beim Ausstechen der Kekse. „Keine Chemie, nur Natur pur“, Pflanzen und volles Korn – genau das sei das Beste für Asta.

Offenbar verzehren also nicht nur die Hunde des Ex-Beatles Paul McCartney ausschließlich Vegetarisches, ganz im Sinne der konsumbürgerlichen Lohas-Philosophie: Ein Lifestyle of Health and Sustainability schließt oft den (teilweisen) Verzicht auf Fleischkonsum ein, was besser ist für die eigene Gesundheit. Und für die Umwelt: Riesige Rinderherden, die das Treibhausgas Methan in rauen Mengen ausfurzen, sind ein echtes Klimaproblem. Wie der aufgeklärte Hund weiß.

Last not least ist es nicht jederhunds Sache, die Lebens-Rechte anderer Tiere nur für eine vergängliche Gaumenfreude zu missachten.

Mitunter gehört Rex aber dem dekadenten Konsumadel an, denkt eher an den eigenen Genuss als an seine Mitlebewesen und will schlicht eine ordentliche Fleischportion nach alter Väter Sitte. Doch Obacht, auch die muss von allerfeinster Qualität sein! Drum wird Rex in den Zoofachhandel eilen und Produkte der Marke „Rinti“ einfordern. Auf der ganzen Welt sucht die Hersteller-Firma Finnern die feinsten Spezialitäten aus, zum Beispiel:

... Fischstückchen aus Thailand, Pasteten aus Kanada, reines Lammfleisch aus Neuseeland, Hühnerfleischprodukte aus Irland, Fleisch aus Norwegen...

Motto: „Kennerfleisch“ ist, wenn es „kein Formfleisch“ ist. Gleichwohl, global und edel kann jeder. „Zurück zur Natur des Hundes“, variiert man daher herstellerseits den Philosophen Jean Jacques Rousseau. Das Verkaufsansinnen will schließlich weltanschaulich unterfüttert sein, meint Rex.

Mancher Hund steht nicht auf französische Denker des 18. Jahrhunderts, sondern präferiert wirklich uraltes Wissen. Zum Beispiel die traditionelle indische Heilkunst. Was Plutos gutes Recht und kein Problem ist: Die Firma „Dosha Dogs“ bietet Hundekekse an, die den Geist ayurvedischer Ernährungslehre verströmen. Im Werbeflyer heißt es:

Im Ayurveda sind die Grundtypen in so genante ‚Doshas‘ eingeteilt: Pitta, Vata und Kapha. .... Darum gibt es Dosha Dogs in 3 Geschmacksrichtungen.

Nämlich bitter, süß, herb oder salzig, sauer, süß oder scharf, herb, bitter. Der Fleischkonsum ist auch für hündische Ayurveda-Freaks nicht immer ausgeschlossen, sollte aber achtsam geschehen. Schließlich muss hund neben den physischen auch mentale, emotionale und spirituelle Aspekte berücksichtigen. Sonst drohen suboptimale Reinkarnationen...

In München setzt man derweil auf urlaubsreife Feinschmecker: In der Erdinger Straße hat im Dezember letzten Jahres Deutschlands erstes Luxushotel für Hunde eröffnet. Canis Resort heißt es, zu deutsch: des Hundes Ferienort. Die Übernachtung in Vollpension gibt‘s von 80 Euro an aufwärts. Intensive Betreuung, liebevolle Pflege und ein besonderes Erlebnis für Ihren Hund haben ihren Preis.

Was aber wird Chou-Chou, Arco und ihren Freunden kredenzt? Trockenfutter der Marke „Platinum“ mit 70 Porzent Fleischanteil und Nassfutter von „terra canis“, einem regionalen Anbieter. Hotelchefin Sabine Gerteis schwärmt:

Das ist Lebensmittelqualität. Das Huhn mit Kartoffeln riecht, als stünde es auf dem eigenen Tisch!

Rund ein Fünftel der Kunden offenbare Sonderwünsche, die allerdings bisher nie weltanschaulich motiviert gewesen seien. Es geht profaner zu: „Wenn der Hund eine Banane will, dann kriegt er die auch.“ Viele Gäste forderten zudem ihr Recht auf Frischfleisch ein.

Bisher unerreichtes Vorbild des Canis Resort ist das Chateau Poochie in Pompano Beach, Florida, USA. Hier gerät auch der wirklich anspruchsvolle Hundeschwanz ins Wedeln: Flachbildfernseher sind Mindest-Standard, die Esoteriker auf vier Beinen freuen sich über Aromatherapien und ein Zen-Wellness-Zentrum.

Meditation für den Sinn suchenden Oberschichtdackel? Erst kommt das Fressen, dann die Buddha-Moral: Die Speisekarte des Chateau Poochie lässt so manches Fünf-Sterne-Restaurant alt aussehen.

Aber auch im Alltag lechzen Daisy und Blacky nach dreierlei, nämlich nach Service, Frische, Gaumenkitzel! Am Ende eines harten Arbeitstages verspüren sie indes keinerlei Lust, sich noch Stunden lang an den Herd zu stellen. „Fertigfutter, nein danke!" ist gottseidank nicht nur ihr, sondern auch eines Dienstleisters Motto. Fressen auf Rädern ist ein Frei-Haus-Lieferservice für Köln und Umland. In Kooperation mit dem Pansen-Express liefert Fressen auf Rädern "Frischfleisch für Hunde".

Fressen auf Räder

"Wellness-Mix" und Co. müssen – wo kämen wir sonst hin? – veterinärmedizinisch „als Lebensmittel für den menschlichen Verzehr freigegeben" sein. 50 Euro kostet das Einsteigerpaket inklusive Rinderherz und Dorschlebertran.

Ein ähnliches Angebot existiert auch in Norddeutschland. Wie Lili‘s Hundeimbiss und Kay Klein‘s Hundekeks-Manufaktur teilt Moni‘s Futterdiele den offenbar branchenüblichen Hang zu jenem Sprachphänomen, das böse Zungen Deppen-Apostroph nennen.

Sollte Bello sich trotz Rohkost, Vollkorn, Zen, Öko-Vegetarismus oder Fleischfleischfleisch schlapp fühlen, bleibt immer noch eine letzte Trumpfkarte: Nahrungsergänzungsmittel, am besten von Masterdog. Während das „Vitamin Paket“ aus Mineralien nebst roter Beete zum Discount-Preis von 15,85 Euro eher für nicht ganz so solvente Kläffer bestimmt ist, die sich auch mal was gönnen möchten, sollte der wohlhabende Hund, allein schon aus Distinktionsgründen, eher Newcell-Performance ordern. Die Pillen helfen Trixi bei „großer Leistungsforderung und Stress“ über den drohenden Burnout hinweg. Zum Preise von 33,95 Euro pro 500 Gramm.

Auch an solch drängende Probleme wie eine intakte Darmflora denken „die Futterexperten“ aus 71701 Schwieberdingen. Verstopfung ist bekanntlich kein Vergnügen. Erst recht nicht auf dem Trottoir des Millionärsviertels.

Der Hund von Welt will in einem stilvollen Ambiente speisen. Vielleicht schätzt er auch die Produkte der Firma Apple Inc. Dann wird er iFeast besitzen wollen, das Portable Pet Feeding/Watering System For Your MP3 Player. Fressnapf, Wassernapf, Docking-Station für Lassies iPod – endlich sind sie eins. Jedenfalls auf den ersten Blick. Denn iFeast wird von dem us-amerikanischen Satiremagazin „The Onion“ beworben. Und ist, ausnahmsweise, ein Fake-Produkt.

Wandeln auch die vom Philosophen Wolfgang Ullrich entdeckten Konsumproleten mitunter auf vier Pfoten? Ja, sie wandeln. Denn natürlich gibt es auch Hunde, die in Hartz-IV-Familien leben. Da sind knurrende Mägen am Monatsende vorprogrammiert.

Doch eh Struppi, Hasso und Brutus ins Reichenviertel eilen, ihren Hunger zu stillen, und sei es in kannibalischer Manier, werden auch sie genährt. Von mildtätiger Hand: Längst expandiert die Tafelbewegung, die nicht mehr ganz so frische Lebensmittel einsammelt, um sie an Bedürftige zu verteilen, vom Menschen- ins Tierreich.

22 Ausgabestellen hat die Tiertafel mittlerweile etabliert, 30 weitere sind in Planung. Selbst in der als durchaus nicht arm geltenden bayrischen Landeshauptstadt sind 1.200 Hunde und andere Haustiere auf die kostenlosen Gaben angewiesen.

Menschliche Futterdiebe, die sich (was in den USA mitunter vorkommt) eigenmündig an der Billig-Chappi-Dose vergreifen wollen – sie hätten keine Chance. Da sind die Kontrollmechanismen der Tiertafel davor: Der Bittsteller muss selbst erscheinen, die eigenen Papiere sowie Herrchen oder Frauchen nebst Armutsnachweis präsentieren. Sicher ist sicher!

Doch die Tafel-Aktivisten klagen auch so: Sie stießen an ihre Grenzen. Der Bedarf nach kostenlosem Futter sei einfach zu hoch. Ein Teil der Klientel muss also hungrig nach Hause watscheln. Für die einen Delikatessen, für die anderen Restefressen – solange die Almosen reichen. Class matters! (Marcus Meier)

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