Nicht ohne meinen Vater

Entgegen der Klischees: Mehr Präsenz des Vaters in den ersten Lebensmonaten ist viel wichtiger als angenommen

Dass der Vater generell wichtig für die Entwicklung der Kinder ist, daran zweifelt wohl niemand ernstlich, außer manches Scheidungsgericht. Etwas anders liegt der Fall bei sehr kleinen Kindern, bei Babys. Die Aussage einer klugen und gebildeten Mutter, von Beruf Ärztin, die mir einmal erklärte, dass der Vater für Kinder erst ab einem Alter von drei oder vier Jahren „wirklich interessant und wichtig“ werde, dürfte von einigen unterschrieben werden, die sich dabei auf ihren gesunden Menschenverstand berufen und vergessen, dass er vom Zeitgeist mitbestimmt wird.

Das Kopfschütteln mancher Großväter über Söhne, die zur Geburt ihres Kindes eine ganze Woche oder gar mehr frei nehmen, ist ein weiterer, anekdotischer Beleg für den Wandel des Vaterbildes. Auch wer in Ratgeberbüchern älteren Datums zur Entwicklung des Kindes im ersten Jahr blättert, merkt schnell, dass vor allem von einer Bezugsperson die Rede ist: der Mutter. Väter sind dort vor allem Support im Hintergrund und Bademeister der Kleinsten. 10 Minuten am Tag habe er körperlichen Kontakt mit seiner drei Monate alten Tochter, verriet mir ein Topmanager nebenbei. Das genüge vorerst, sagte er mit einem kernigen Südtiroler-Akzent, der seinen Worten das Gewicht und die Natürlichkeit von Dreitausendern verlieh, unumstößliche Gewissheiten.

Ziemlich ungewiss dagegen ist, wie sich dieser Mann gegenüber Angestellten verhalten wird, die Urlaub zur Geburt des Nachwuchses wünschen oder Vätermonate „einreichen“, obwohl sich das Unternehmen „in einer entscheidenden Phase befindet“ und keiner entbehrt werden kann, so das allfällige Argument. Die gegenwärtig in Deutschland laufende Diskussion über die so genannten Vätermonate und flexiblere Arbeitszeiten, die bessere Abstimmung zwischen Beruf und Familie also, verrät zumindest einige Vorbehalte in der Akzeptanz solcher Anliegen – vermutlich nicht allein bei den „Chefs“, sondern auch bei manchen Angestellten, denen noch die Courage fehlt, mit einem „Softie-Begehren“ eine Auszeit von der Arbeitsfront zu verlangen, um in ihre „Nebenbeschäftigung zu desertieren“.

Neuere Einsichten und Argumente für Väter, die sich mehr Zeit nehmen wollen, steuert hier die Studie The State of the Modern Family der Equal Opportunities Commission aus England bei, wo die Abstimmung zwischen Familie und Arbeit längst zu einem größeren politischen Thema geworden ist. Der Guardian bezeichnete sie als erste Studie, die bestätigt, dass das frühe und enge Engagement von Vätern einen deutlichen Einfluss auf die künftige Entwicklung der Kinder hat.

Und tatsächlich stellte sich bei der Longitudinalstudie einer größeren Anzahl von Millenniumskindern, die in den Jahren 2000 und 2001 geboren wurden, heraus, dass Kinder wahrscheinlicher an Entwicklungsstörungen („developmental problems“) leiden, wenn folgendes auf die Väter zutraf:

  1. dass sie flexible Arbeitszeitregelungen ihrer Arbeitgeber nicht in Anspruch nahmen – im Vergleich zu jenen Vätern, die das taten;
  2. dass sie der Mutter alle häuslichen Angelegenheiten der Aufzucht des Kindes („home based childcare“) übertrugen, statt sie zu teilen;
  3. dass sie, wenn überhaupt, nur Urlaub für die Zeit um die Geburt genommen hatten – im Vergleich zu jenen Vätern, die sich mit einem Mix aus Vaterschaftsurlaub und Jahresurlaub mehr Zeit für die Familie verschafft haben.

Untersucht wurde zu zwei verschiedenen Zeitpunkten: 16.588 Mütter und 11.935 Väter, als das Baby neun bis zehn Monate alt war, und 14.048 Mütter und 9.747 Väter, als das Kind das Alter von drei Jahren erreicht hat. Als Evaluationsgrundlage für die Einschätzung von Entwicklungsstörungen der Kinder wurde der Stärke- und Schwächenfragebogen von Goodman herangezogen, der Verhaltensweisen in „fünf Feldern“ bewertet: emotionale Symptome, Verhaltensprobleme, Hyperaktivität, Verhalten in der Gruppe – Stichwort „Peer problems“ -, Hilfsbereitschaft und Selbsteinschätzung des Kindes im Vergleich zu anderen.

Die Wahrscheinlichkeit von Entwicklungsstörungen hing freilich nicht nur vom Maß des väterlichen Engagements ab; die Studie bestätigt über die oben ausgeführten Ergebnisse hinaus, Erkenntnisse, die man auch von anderen Untersuchungen kennt. Entwicklungsstörungen des Kindes treten deutlich gehäufter auf, je niedriger das Ausbildungsniveau von Vater oder Mutter ist. Das ist auch der Fall, wenn einer von beiden unter Depressionen leidet, wenn die Eltern zur Geburt des Kindes sehr jung sind (was vor allem in Zusammenhang steht, dass sehr junge Mütter oder Väter oft aus ärmeren sozialen Schichten kommen) und wenn die Eltern nur über geringes Einkommen verfügen Bestätigt wird auch die Kluft zwischen den Schichten, was die Einforderung von Ansprüchen auf Zeit für die Familie angeht: Die Bessergestellten (höhere Bildung, höheres Einkommen, bessere Jobs) haben weniger Skrupel und mehr Möglichkeiten, solche Ansprüche zu realisieren.

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