Nichts ist völlig identisch

Auch ohne Technik gibt es immer mehr menschliche Klons oder eineiige Zwillinge

Die Handfertigkeit und Technik von Genetikern ist nicht notwendig, um Menschen zu klonen. Bereits heute gibt es Abertausende mit identischen Genomen, meist paarweise als homozygote Geschwister.

Die gegenwärtige Diskussion um das Klonen wird von Befürchtungen getragen: welcher Missbrauch erwächst aus genetisch identischen Menschen? Drehbuchautoren machen aus ihrer Phantasie den Stoff für Filme, obwohl natürliche Klons seit Menschengedenken existieren. Allein in Australien haben Forschungsprojekte mehr als 30.000 eineiige Zwillinge zusammengebracht und gezeigt, dass sich deren Geburtenrate aus bisher unerklärlichen Gründen in den letzten 20 Jahren verdoppelt hat. "Niemand sollte erwarten, dass Klons perfekte Repliken sind," erklärt Nancy L. Segal, Professor für Developmental Psychology und Direktorin vom "Twin Studies Center" der California State University.

Francis Galton, der Vetter von Charles Darwin, hat das Interesse an den "Twins" angestoßen. Durch die moderne Genforschung wurde die Neugier beflügelt, weil zum Aussehen neuerdings der vergleichbare genetische Fingerprint hinzukommt. Nächster Höhepunkt für die Twinforscher ist der 11. Internationale Kongress für Zwillingsstudien 2004 in Dänemark.

Das anhaltende Interesse ist allerdings auch der unverkennbare Hinweis auf die Unterschiede: Was dem Beobachter auf den ersten Blick als "doppeltes Lottchen" erscheint, zerbröselt im Gespräch oder mit dem Maßband. "Nichts ist völlig identisch, nicht einmal die Größe; die variiert bis zu 10 cm," so Ming Tsuang von der Harvard University. Die Übereinstimmungen müssen nach statistischer Wahrscheinlichkeit bewertet werden und lassen damit reichlich Spielraum für Interpretationen. Forscher, die an die Dominanz der Erbanlage glauben, finden Gemeinsamkeiten für Alkoholismus, Drogensucht oder Asthma. Homosexuelle begrüßen es, wenn das Bekenntnis zur Homosexualität mit 53 Prozent zwischen "Twins" größer ist als mit 37 Prozent zwischen heterosexuellen Geschwistern. Ähnlich argumentieren Ärzte, die "Erbkrankheiten" festmachen wollen, ob Schizophrenie, Neigung zum Selbstmord, oder Morbus Alzheimer.

Warum das zunehmende Interesse, und warum die divergierenden Meinungen? Das Motiv liegt in der Suche nach dem "wahren" genetischen Erbe im Unterschied zu Erziehung und Umwelteinflüssen.

Als die Chromosomen noch nicht entschlüsselt waren, galt die Erkenntnis: Menschen sind Nesthocker und innerhalb des ersten Lebensjahres unreif. Folglich können Einflüsse in der Reifungsperiode schwerlich von der angeborenen Veranlagung abgegrenzt werden, wenn beispielsweise die junge Mutter, die während ihrer Schwangerschaft Geige spielt, die Musikalität fördert. Später werden die "unzertrennlichen und verwechselbaren" Geschwister nicht von den Chromosomen, sondern von der Umwelt in die Rolle der eineiigen Zwillinge gedrängt, so wie Mädchen in Röcke und Jungen in Hosen gekleidet werden. Psychisch gibt es den Neid um Zuneigung, Aufmerksamkeit und Dominanz, das Phänomen der "Erstgeburt" also, wie zwischen heterozygoten Geschwistern. Offensichtliches und Verstecktes schaffen Unterschiede, dessen Ursachen vom Forscher mühsam herausgearbeitet werden müssen.

Könnte der künstlich erzeugte Klon das ultimative Forschungsobjekt sein und endlich die Frage lösen: "Was ist angeboren, was erworben?" Die wichtigste Besonderheit ist, dass Vater und Klon-Sohn oder Mutter und Klon-Tochter in unterschiedlichen Lebensphasen altern, und nicht wie gleichaltrige Geschwister gemeinsam aufwachsen. Die Hoffnung kann trügen. "Wenn die Ausstattung mit gleichen Genen primär für alle Zellen auch gleiche Möglichkeiten der Entwicklung bestimmt, eine gleiche Reaktionsbreite also, so brauchen doch nicht alle Möglichkeiten realisiert zu werden", schrieb K. Wezler 1972, seinerzeit Physiologe am Lehrstuhl in Frankfurt/M. Folglich werden die Umwelteinflüsse oder die Besonderheiten des Elternhauses bei den Klons keineswegs aufgehoben: "Herr Vater," könnte der Klon sagen, "Deine Fehler mache ich nicht; ich sehe ja, wohin sie geführt haben." Womit die Umwelt nunmehr als Antithese wirksam würde.

Nach den Erfahrungen mit den "natürlichen" homozygoten Geschwistern führen identische Genome weder körperlich noch psychisch zu identischen Persönlichkeiten. Wird das auch für den ärztlich erzeugten Klon gelten, dessen Ursprung mit der Übertragung des Zellkerns aus einer somatischen Zelle in die spätere Eizelle beginnt? Die Gefahr, wonach Genetiker roboterhafte Wesen erzeugen, ist in der Analogie zu Twins gering, kann allerdings nur experimentell bewiesen oder widerlegt werden.

"Alle verantwortungsbewussten Wissenschaftler lehnen das 'reproduktive Klonen' ab," erklärt Steven L. Teitelbaum, als Präsident der Federation of American Societies for Experimental Biology. "Unsere Befürchtungen richten sich auf die emotionalen Bindungen, die moralischen und ethischen Auswirkungen und die Gefahr, dass aus emotionalen Gründen ein großes Potential verloren geht, nämlich die Hilfe für Patienten mit Morbus Parkinson, Diabetes oder amyotropher Lateralsklerose."

Der Widerstand gegen das Klonen ganzer Menschen soll demnach vor allem das "therapeutische Klonen" nicht gefährden. "Viele Misserfolge während der Schwangerschaft", warnen die Biologen, die mit Tieren experimentieren. "Geburtliche Schäden, die wir heute noch nicht abschätzen können", ist das zweite Hauptargument der Experten. Dabei geht vergessen, dass die Neonatologen, also jene Spezialisten, die zu früh geborene Babys im Brutkasten aufziehen, bei jedem zweiten "Frühchen" unter 800 Gramm bleibende Schäden im Erwachsenenalter feststellen. Die Unwägbarkeit ändert bei den meisten Eltern nichts am Willen, das Baby aufzuziehen. Darauf pocht Frau Boiselier von Clonaid, wenn sie sagt: "Wie kommen wir dazu, uns das Recht herausnehmen, zu entscheiden, welches Kind jemand haben will."

Mediziner und Biologen, getrieben von der Suche nach Neuem, stehen seit der Ankündigung von Clonaid am Scheideweg (Ist der erste geklonte Mensch auf die Erde niedergekommen?). Sie haben die künstliche Befruchtung eingeführt, vernichten befruchtete Eizellen, damit die Mutter nicht an Mehrlingsschwangerschaften Schaden nimmt, und benutzen Leihmütter. Viele Biologen rühmen sich ihrer ehrgeizigen Kreationen: noch nie dagewesene Bakterien, künstlich erzeugte Pflanzen und geklonte Tiere. Da wird erst sehr viel später nach den ethischen Grundsätzen gefragt, in der Hoffnung, dass die Ethik letztlich dem Nutzeffekt geopfert wird. In diesem Klima wächst der Positivismus: die Technik anwenden, um ein menschliche Ebenbild zu erzeugen. Wird der Widerstand gegen das reproduktive Klonen schwinden, nachdem das therapeutische Klonen legalisiert und die Technik des reproduktiven Klonens qualitativ verbessert worden ist?

Sollte das geklonte Baby "Eve" keine Werbegag sein, sondern weitere Klons nachziehen, steht die Genforschung dort, wo die Atomforschung vor nahezu 60 Jahren mit den Bomben auf Hiroshima gestanden hat. Dann werden wir auch damit leben, und das bedeutet: künstlich geklonte Menschen müssen sich öffentlich bekennen dürfen. Sonst erleben sie Zustände wie in griechischen Tragödien: Ödipus, der in Unkenntnis seiner Herkunft seinen Vater Laios erschlägt und seine Mutter heiratet und mit ihr Kinder zeugt. (Jenny Eltermann)

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