Nichts ist zufällig

Die ETA sagt Jein zum Vorschlag von Subcomandante Marcos und warnt Touristen vor Anschlägen im "Kriegsgebiet"

Die baskische Separatistenorganisation ETA hat sich mit einem Brief an die Zapatistische Befreiungsarmee (EZLN) gewandt und den Vorschlag von Subcomandante Marcos kritisiert. Gleichzeitig erklärt sie sich zu einem Dialog über "ernsthafte Vorschläge" bereit, warnt aber in etlichen Briefen vor Reisen in spanische Touristenzentren, die sie zum "Kriegsgebiet" erklärt hat.

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Mit einem klaren Jein hat die baskische Separatistenorganisation Euskadi Ta Askatasuna (Baskenland und Freiheit/ETA) auf den Dialogvorschlag von Subcomandante Marcos geantwortet (Entschärfungsversuch für Terror und Antiterror auf andere Art). Eine Antwort vom Ermittlungsrichter Baltasar Garzón, dessen Herausforderung Marcos Anfang Dezember angenommen hatte, steht weiter aus. Der Brief ist datiert am 1.1.2003, denn "nichts ist zufällig", meint die ETA und wurde am Montag in der linksnationalistischen baskischen Tageszeitung Gara veröffentlicht.

Besetzung von San Cristobal am 1.1.2003 durch die Zapatistas

Mit dem Datum bezieht sich die ETA explizit auf den zapatistischen Aufstand, der genau neun Jahre zuvor begonnen hatte. Damals hatte die EZLN bewaffnet Städte und Dörfer in der mexikanischen Provinz Chiapas eingenommen. In diesem Jahr hatte sie dies mit der friedlichen Besetzung einer Stadt begangen, um gegen die Repression der mexikanischen Regierung zu protestieren.

Den Brief hat die ETA versucht, im Stil von Marcos aufzubauen und zu verfassen, doch dessen Witz und die üblichen P.S. am Ende fehlen. Zunächst richtet er sich an die Kinder der EZLN, um ihnen die baskische Sprache (Euskera) zu erklären. Die sei älter als Latein, aber heute noch so lebendig sei wie Englisch.

"Da wir nicht so viel von militärischen Hierarchien halten", ist die Antwort an Marcos im allgemeinen Teil enthalten, in dem die ETA den Zapatistenführer scharf kritisiert: "Wir haben ernsthafte Zweifel über die wirklichen Intentionen des Dialogvorschlags". Sie befürchtet, in einer Überschätzung der Medien, Marcos wolle das Medienecho, das der baskische Konflikt stets erzeuge, instrumentalisieren.

Trotzdem zeigt sich die ETA zu einem Dialog bereit: "Die ETA ist immer bereit zuzuhören, zu sprechen und zu verhandeln, wenn der Wille der Basken und ihrer Organisationen respektiert wird". Sie führt die Verhandlungen von 1989 mit der sozialistischen Regierung an, ihr Vorschlag für die Demokratische Alternative von 1995 und die Waffenruhe von 1998-1999 mit dem Treffen mit der aktuellen Regierung. An einer "Operette", als "Aufmacher der Tageszeitungen", werde sie nicht teilnehmen.

ETA-Mitglieder geben ein Interview

Auch wenn spanische Zeitungen, wie La Vanguardia, zu dem Ergebnis gelangen, die ETA lehne den Waffenstillstand ab, den Marcos ab dem 24. Dezember für ein halbes Jahr gefordert hatte, steht davon in dem Brief nichts. Da er diesmal nicht in Euskera abgefasst ist, bleibt auch kein Übersetzungsspielraum für diese Feststellung. Tatsächlich hat die ETA seit dem 3. Dezember keine Anschläge mehr verübt, obwohl auch nach Festnahmen in der letzten Zeit die baskische Regionalregierung von mindestens einem aktiven Kommando in Spanien ausgeht.

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Tatsache ist aber auch, dass die ETA derzeit massiv vor Reisen in Spaniens Tourismusgebiete warnt. So haben in den letzten Wochen Botschaften, Fluggesellschaften und Reiseveranstalter aus Australien, den USA und Europa Warnungen erhalten. Das hatte die ETA in einem Schreiben an die Zeitung Gara bestätigt, die darüber am letzten Samstag berichtet hat.

Die ETA kündigt weitere Angriffe auf die Tourismusindustrie an: "Wir können nicht die Unversehrtheit all jener garantieren, die sich in ein Kriegsgebiet begeben." Das Auswärtige Amt in Berlin hat die Sicherheitshinweise für Spanien bisher nicht verschärft, obwohl wegen der massiven Warnungen mit mehr als selektiven Anschlägen gerechnet werden kann: "Es hat schon in der Vergangenheit immer wieder Bombenanschläge gegeben, bei denen es aber auf Grund vorheriger anonymer Warnungen in der Regel zu keinen Personenschäden kam." Die spanischen Sicherheitskräfte seien bemüht, die Sicherheit im Lande zu gewährleisten, Anschläge auf Tourismuseinrichtungen und die Gefährdung von Personen könnten aber nicht ausgeschlossen werden. (Ralf Streck)

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