Nie wieder Auschwitz?

Bild: xiquinhosilva/CC BY-2.0

"Nie wieder Auschwitz!" Das sagt sich leicht. Aber was heißt es? Genauer: Was sollte es heißen?

Wie kann man, darf man, muss man über Auschwitz sprechen? Wie, wenn es dabei nicht "nur" um Lyrik geht? Und insbesondere wie, wenn ich um die Verbindung zwischen Sprache / Sprechen und Gedanken / Denken weiß? Was kann man, darf man, muss man über Auschwitz sprechend denken? Wie mit sich selbst - und auch mit anderen? Und wie dann auch vernehmbar, also öffentlich?

Nicht länger so wie bisher!

Das "Nie wieder!" ist zum Ritual erstarrt. Es ist die Beschwörungsformel, über die sich bei uns wohl alle einig sind. Doch was besagt sie eigentlich? Was muss man ihr zufolge tun, was unterlassen? Welche Maxime folgt aus ihr? Das ist bzw. wäre die Frage aller Post-Auschwitz-Fragen. Eine Antwort auf diese Frage zu versuchen, das wäre die primäre Aufgabe einer jeden akzeptablen Auschwitz-Ethik.

Wie steht es heute, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz durch die sowjetische Armee, um diese Frage - also auch um unsere Ethik?

Schlecht. In mehrfacher Hinsicht.

Was meint man, wenn man "Nie wieder Auschwitz!" sagt, mit "Auschwitz"?

Sicher nicht nur das KZ von Auschwitz-Birkenau. "Auschwitz" ist die Metapher, die für die ganze wohl-organisierte, industriell betriebene Vernichtungsmaschinerie steht, für die jenes Lager nur die Eisbergspitze war. So weit, so richtig.

"Auschwitz" steht, so sagt - und denkt - man oft, für die ganze "Shoa", den "Holocaust". Ein semantischer Fehler, den heute freilich fast schon jeder von uns automatisch macht.1 Wer diesen Fehler macht, der vergisst 5 Millionen Tote. Präziser: macht sie damit vergessen.

Dem Holocaust (dem Genozid an den Juden) fielen etwa 6 Millionen Menschen zum Opfer. Die "Auschwitz"-Maschinerie vernichtete aber insgesamt fast das Doppelte, etwa 11 Millionen Menschen (außer Juden auch "Homosexuelle", "geistig Behinderte, Sinti und Roma, Angehörige des kommunistischen und sozialistischen Untergrunds, Zeugen Jehovas, polnische Intellektuelle und sowjetische Kommissare und Offiziere"2). Eine Ethik, die ihre Benutzer schon allein durch ihre Begrifflichkeit auf ein solches monströses Vergessen eicht, eine solche Ethik kann keine gute Ethik sein. Jede Ethik, die zu einer weiteren, posthumen Opfer-Selektion führt, ist selber ethisch verwerflich. Ethisch rechtfertigbar ist ein Singularitäts-Anspruch auf die Opferrolle jedenfalls nicht.

Selektiv ist aber, auch unabhängig von obigem semantischem Fehler, im bisherigen Post-Auschwitz-Diskurs auch der Appell "Nie wieder Ausschwitz !" selbst. Was genau besagt er?

Darauf gibt es zwei sich diametral gegenüber stehende Antworten. Die partikularistische:

(P) Nie wieder dürfen Juden so schwach sein, dass ein zweites Auschwitz ihnen gegenüber auch nur möglich erscheint.

Und die universalistische:

(U) Nie wieder darf es eine Wiederholung von Auschwitz geben - wem gegenüber auch immer.

Wer (P) folgt, setzt - wie Israel (unterstützt von vielen anderen Ländern, insbesondere auch Deutschland) - auf militärische Stärke. Und ein solcher Rekurs auf Auschwitz rechtfertigt in letzter Konsequenz alles: jegliche Art von Maßnahme gegen das, was angeblich Israels Stärke bedroht. Wer hingegen (U) wählt, für den unterliegt das Handeln eines jeden Menschen und einer jeder menschlichen Institution ethischen Grenzen. Niemand darf einem Anderen das antun, was die Nazis den Juden und den anderen schon vor "Auschwitz" Diskriminierten und dann in "Auschwitz" Vernichteten angetan haben. Niemand - auch Juden nicht.

Diese Dichotomie findet auch in den zwei verschiedenen Lesarten der angeblich historisch begründeten Sonderrolle Deutschlands ihre direkte Entsprechung: Entweder

(D.P) Die Sicherheit Israels ist Teil der sogenannten deutschen Staatsräson. Selbst wenn Israel - dem Samson-Prinzip folgend - präemptiv seine Atomwaffen gegen Iran einsetzen und damit evtl. einen 3. Weltkrieg auslösen würde: Deutschland wäre - mit fast allen seinen Parteien - ohne Zweifel dabei.

Oder

(D.U) Die Prinzipien der Menschenrechte und des Völkerrechts gelten uneingeschränkt. Auch für die Politik Israels.

Nie wieder Auschwitz ! Wer diesem Appell folgen will, sollte heute, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, kurz innehalten und sich selber die Frage stellen, in welchem Sinne er dazu bereit ist: Jeder Mensch hat die Wahl zwischen (P) oder (U) - bzw., als Deutscher, zwischen (D.P) oder (D.U).

Ich weiß: Diese Entscheidung tut weh.

PS: Ethisch vertretbar ist nur (U) - und somit auch nur (D.U). Ergo: Unsere Auschwitz-Ethik ist sehr revisionsbedürftig.

Georg Meggle ist Analytischer Philosoph. Seine Arbeitsgebiete: Die Logiken der Kommunikation, der Bedeutung und des Terrorismus. Relevant für diesen Beitrag: Der aus seiner Leipziger Ringvorlesung resultierende Band "Deutschland - Israel - Palästina. Streitschriften", Hamburg (eva), 2007. Freier Mitarbeiter bei Telepolis. Lehrt seit seiner Leipziger Emeritierung (2009) regelmäßig Philosophie in Kairo und Salzburg. Seit 2018 Ehrenpräsident der GAP (Gesellschaft für Analytische Philosophie).

Mitinitiator der Petition EINSPRUCH.

(Georg Meggle)