"Nieder mit dem Volksverräter - Er hat das M-Wort gesagt!"

Flagge der Republik Mazedonien

Ein bizarr anmutender, nationalistische Erregung hochspülender Namensstreit um Mazedonien oder FYROM

Am Sonntag fand in Thessaloniki eine denkwürdige Demonstration statt. Nach Polizeiangaben hatten sich rund 90.000, nach Angaben der Veranstalter 500.000 Griechen versammelt, um gegen den Namen der nördlichen Nachbarrepublik zu demonstrieren. "Mazedonien ist griechisch" lautete das alle vereinende Motto. Es geht um die Verhandlungen, die Außenminister Nikos Kotzias mit seinem Amtskollegen über eine Lösung des seit Jahrzehnten bestehenden Namenstreits begonnen hat.

Der Streit, ein Ergebnis uralter nationalistischer Konflikte auf der Balkanhalbinsel, wurde jahrzehntelang von sukzessiven griechischen Regierungen immer wieder unter den Teppich gekehrt. Zum aktuellen Zeitpunkt hat Hellas wegen der aufgrund der Untätigkeit geschaffenen Fakten aber auch wegen der eigenen wirtschaftspolitischen Schwäche kaum eine Chance, seinen Standpunkt durchzusetzen.

Es ist nicht bekannt, dass sich die Franzosen sonderlich über die Oberfranken aufregen. Auch seitens der ansonsten gern national gesinnten Briten bleiben die Massendemonstrationen wegen der französischen Bretagne aus.

Angenommen die Republik Österreich hätte nach dem Zweiten Weltkrieg ein Bundesland mit dem Namen "Republik Bayern" als Verwaltungsregion eingeführt und wäre später, in den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts, in ihre Teilrepubliken zerfallen. In diesem utopischen Szenario müsste man sich vorstellen, dass die Republik Bayern einen Alleinvertretungsstatus für alle Bayern in ihre Verfassung festgeschrieben hätte. Hätte dies nicht auf die eine oder andere Weise für Reaktionen der übrigen Deutschen gesorgt?

Das Beispiel ist für viele Griechen real. Allerdings ist kaum anzunehmen, dass solch eine diplomatische Verwicklung jahrzehntelang ohne Lösung geblieben wäre. Zudem sind in Nordeuropa die öffentlichen Reaktionen der Politiker meist gelassener. Temperamentvolle Ausbrüche gehen in der Regel zunächst von den Wählern aus und die Politik reagiert später.

Auf dem Balkan jedoch ticken die Uhren anders. Hier heizen Politiker gern das Klima an, und das Wahlvolk gehorcht mit Massendemonstrationen. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte das erstarkende Jugoslawien seit 1929 eine Region Vardarska banovina als eine von neun Verwaltungsregionen. Die ortsansässigen Bürger rund um die Verwaltungshauptstadt Skopje betrachteten sich als Mazedonier und wuchsen, trotz ihrer ethnisch gemischten Zusammensetzung, unter diesem Vorzeichen auf. Die Region hat eine eigene Sprache oder, wie Kritiker einwerfen, einen eigenen Dialekt, der sich vom vorherrschenden Serbokroatischen unterscheidet.

Der grenzstein trägt noch die Markierung Jugoslawiens und erinnert an einen seit den neunziger Jahren verschwundenen Staat. Bild: W. Aswestopoulos

Mazedonien ist jedoch auch unter dem Namen Makedonien eine Region in Griechenland. Diese wiederum sieht sich als Erbe des hellenistischen Königreichs Makedonien. Weil bei zwei Streitparteien auch immer eine dritte hinzukommt, gibt es auch im bulgarischen Staatsgebiet einen Teil der Region, die in der Antike Makedonien ausmachte. Zudem leben in der Region von Griechenlands nördlichem Nachbarstaat als größte ethnische Minderheit mit nationalem Bewusstsein zahlreiche Albaner. Diese wiederum würden aus von ihrer Sichtweise nachvollziehbaren Gründen gern ein vereinigtes Großalbanien mit dem Staat Albanien, dem Kosovo und einem Großteil der EJRM sehen. EJRM, auf Englisch FYROM, ist der bei der UNO registrierte vorläufige Name des im Fokus des Konflikts stehenden Staats.

FYROM, ausgeschrieben Former Yugoslav Republic of Macedonia oder in der deutschen Abkürzung Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien, ist der Name, den eigentlich alle bis zur Lösung des Namensstreits für den Staat benutzen müssten. Jedoch sagen nahezu alle nicht mit Griechenlands Problemen vertrauten Menschen schlicht "Mazedonien". Die Kurzschreibweise findet sich in Ankündigungen der FIFA, der UEFA aber auch bei der aktuellen Handballweltmeisterschaft. Sie ist schlicht im Alltagsgebrauch übernommen worden.

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