Niederländischer Ministerpräsident warnt vor Untergang der EU

Völkerwanderung. Karte: Novarte. Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Mark Rutte zieht Parallelen zur Spätantike

Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte hat in der Financial Times davor gewarnt, dass die EU "untergehen" könnte, wenn sie ihre Grenzen nicht besser schützt. Das, so der VVD-Politiker, sei auch dem Römischen Imperium so ergangen.

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Dem entsprechend sieht er im "Stopp des Flüchtlingsstroms" neben der Terrorbekämpfung die wichtigste Aufgabe für die im Januar beginnende halbjährliche EU-Präsidentschaft der Niederlande. Weil das zwei sehr große Herausforderungen sind, schlägt er vor, dass sich die EU nicht mit nebensächlichen Regulierungsanstrengungen verzettelt, sondern auf die beiden Aufgaben konzentriert. Er sei nämlich ein "pragmatischer Typ", für den die Union kein romantisch verklärtes Ideal, sondern lediglich ein Instrument für Wachstum und Sicherheit ist.

Bereits am 19. November wurde durch einen Artikel in De Volkskrant bekannt, dass die niederländische Regierung der Ansicht ist, dass der marode Krisenstaat Griechenland es auf absehbare Zeit nicht schaffen wird, seine Ägäisgrenze wirksam zu kontrollieren. Sie hat deshalb eine "Mini-Schengen-Zone" angeregt, die aus Deutschland, Österreich und den Benelux-Staaten bestehen soll (vgl. Niederländische Regierung für "Mini-Schengen-Zone"). Die Außengrenzen dieser kleineren Schengen-Zone würden dann erneut kontrolliert und gesichert. Außerdem sollen Asylquoten eingeführt werden. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ist bislang nicht auf diesen Reformvorschlag eingegangen.

Was den Untergang des Römischen Reiches verursachte, ist seit Hunderten von Jahren umstritten. Die Ende des 18. Jahrhunderts veröffentlichte (und literarisch zweifellos ansprechendste) Erklärung des englischen Historikers Edward Gibbon, dass hauptsächlich die Dekadenz und das Christentum dafür verantwortlich waren, gilt gerade als unmodern, was sich jedoch auch wieder ändern könnte, wenn sich der Zeitgeist dreht.

Karl Marx versuchte den Untergang ein Jahrhundert später ökonomisch zu erklären: Seiner Ansicht nach brach das Imperium zusammen, weil es keine neuen Eroberungen und dadurch keine neuen Sklaven mehr gab. Für den belgischen Wirtschaftshistoriker Henri Pirenne kam der Todesstoß dagegen erst mit dem Auftauchen des Islam, der dem Handel im Mittelmeer ein Ende setzte und den Westen des ehemaligen Römischen Reiches weitgehend in die Naturalwirtschaft zurückkatapultierte.

Unumstritten ist, dass im Laufe der nachchristlichen Jahrhunderte immer mehr Germanen über die Reichsgrenzen drangen. Erst zu Raubzügen in den römischen Landgütern und um als bezahlte Soldaten vor solchen Raubzügen zu schützen, dann auch, um Land zu fordern und sich fest niederzulassen, ohne die eigene Sprache und die eigenen Sitten aufzugeben. Besonders nachdem die Hunnen in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts ihr Reich immer mehr nach Westen ausdehnten, drängten germanische Völker wie die Goten darauf, hinter die Grenzen gelassen zu werden und dort als foederati mit Autonomieverträgen zu leben.

Anfang des fünften Jahrhunderts setzten Vandalen, Sueben und Alanen nicht mehr in kleinen Trupps, sondern in großen Gruppen über den Rhein nach Gallien über und plünderten sich von dort nach Hispanien weiter. Die Vandalen setzten 429 sogar nach Nordafrika über, wo sie 439 Karthago eroberten und von dort aus 455 mit Schiffen Rom plünderten. Den Westgoten war das unter unter Alarich I. bereits 410 gelungen.

Die Burgunder wurden 436 zwar durch ein römisches Herr besiegt, aber nicht vernichtet, sondern in Savoyen angesiedelt. Und die Sachsen nahmen sich als römische foederati ab 440 nach und nach England, wo sie ihre keltoromanischen Vorgänger verdrängten. 476 setzte dann Odoaker, ein weströmischer Offizier germanischer Herkunft, den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus ab. (Peter Mühlbauer)

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