Nigeria: Der Islamische Staat ist wieder da

Ein kalifornischer Nationalgardist bildet einen nigerianischen Soldaten für den Kampf gegen Dschihadisten aus. Bild: media.defense.gov

Im Bundesstaat Borno massakrierte die lokale Filiale der Terrorgruppe 59 Dörfler

Seit er in seinen Kerngebieten im Irak und später in Syrien besiegt wurde, ist es um den Islamischen Staat (IS) ruhig geworden. Auch in Libyen, wo er ebenfalls einmal größere Gebiete unter Kontrolle hatte, spielt er nach der Sammlung der Milizen an den zwei verbliebenen wichtigen Akteuren Fayiz as-Sarradsch und Khalifa Haftar kaum mehr eine Rolle. Ganz verschwunden ist die salafistische Terrorgruppe aber noch nicht. Das zeigte sie gestern gegen 15 Uhr Ortszeit im etwa 80 Kilometer von der Borno-Hauptstadt Maiduguri entfernten Viehzüchterdorf Felo.

In der im Bezirk Gubio gelegenen Ortschaft tötete ein Überfallkommando des Islamischen Staats Provinz Westafrika (ISWAP) gegen 15 Uhr Ortszeit mindestens 59 Dorfbewohner. Ein Teil davon wurde erschossen, ein anderer überfahren. Dabei verfolgten die Terroristen ihre Opfer auch dann noch, als diese in den Busch flüchteten.

3.500 bis 5.000 Angehörige

Die nigerianische IS-Filiale ISWAP verfügt den Schätzungen der Vereinten Nationen aus dem Februar 2020 nach über 3.500 bis 5.000 Angehörige. Sie entstand, als der Boko-Haram-Führer Abubakar Shekau dem inzwischen getöteten IS-Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi im März 2015 einen Treueschwur leistete (vgl. IS-Kalifat wird auf einen Schlag um mindestens 70.000 Quadratkilometer größer). Im Jahr darauf spalteten sich die nigerianischen Terroristen nach Führungsstreitigkeiten in den ISWAP und die gemeinhin wieder unter dem Namen Boko Haram laufende Gruppe "Dschama'atu Ahlis Sunna Lidda'Awati Wal-Dschihad".

Die Territorien, die die nigerianischen Dschihadisten Mitte der 2010er Jahre kontrollierten, befinden sich inzwischen wieder weitgehend in der Hand staatlicher Stellen, die dabei auch auf die Hilfe von Dorfmilizen setzen. Die Gründung so einer Dorfmiliz im von zahlreichen Viehdiebstählen heimgesuchten Felo war deren Kommandanten Babakura Kolo nach der Anlass für das ISWAP-Massaker.

Säuberungsaktionen

Denkbar ist allerdings auch, dass der Massenmord nicht nur ein Signal an die Dörfler, sondern auch an die nigerianischen Sicherheitskräfte der Operation Lafiya Dole (OPLD) sein sollte. Die hatten am Montag nach Angaben des nigerianischen Sicherheitskoordinators Generalmajor John Enenche Säuberungsaktionen im Mandaragebirge an der Grenze zu Kamerun und in anderen Gegenden durchgeführt. Enenche hatte dazu verlautbart, je mehr sich das Militär dem "Endsieg über den Aufstand im Nordosten" nähere, desto mehr "Elemente von Boko Haram/ISWAP" würden "festgenommen oder neutralisiert" und ihre Ausrüstung werde beschlagnahmt oder zerstört.

Eine der Säuberungen, über die der Generalmajor sprach, fand an der Straße zwischen Darel Jamel und Miyanti statt, wo das 151. Battalion zwei entführte Frauen befreite und zwei Dschihadisten erschoss. Dabei, so Enenche, habe die Einheit 29.500 Naira (umgerechnet etwa 67 Euro und 50 Cent), zwei Fahrräder und einen Sack mit 121 Paar neuen Gummisandalen sicherstellen können.

Im ersten Junidrittel gab es außerdem Einsätze am Lawanti-Fluss, an einer Straße in der Nähe von Zabarmari, in Doron Naira, in Daban Magaji, in Asala Fura, in Mai Njika, in Kanube, in Kessa Ngala, in Taula und in Shuwabe. Bei diesen Einsätzen beschlagnahmte die Armee unter anderem eine Flak mit Munition, einen Pickup-Truck mit Geschütz, einen Mörsersockel, eine Kalaschnikow mit zwei Schuss 7,62-Millimeter-Munition, Solarpanels, Mobiltelefone, eine Rolle Kupferdraht, Reparaturlösung zum Reifenflicken, gebratenes Rindfleisch, Reis, Kochzutaten, Kochtöpfe und ein "religiöses Buch".

Im südlich von Borno gelegenen Adamawa führte das 144. Battalion Anti-Terror-Aktionen in Lemu, Gajinji und Tsakiraku durch. In diesem nigerianischen Bundesstaat wurde in der Zentralmoschee von Michika darüber hinaus eine Person festgenommen, die später gestand, ein Spion aus dem weiterhin von Dschihadisten gehaltenen Gebiet Maikadiri zu sein.

Im Nordwesten Nigerias, in den Bundesstaaten Kaduna und Sokoto, ging die Operation Whirl Punch währenddessen nicht gegen den ISWAP oder Boko Haram, sondern gegen Fulbe-Banden. In Sokoto räumte die Armee dabei Lager im Isah-Wald, wobei Enenches Angaben nach fast 400 Räuber ihr Leben lassen mussten. Ihnen stehen etwa 550 Menschen gegenüber, die den Zahlen der International Crisis Group nach alleine im Mai 2020 bei Überfällen und Entführungen durch Fulbe-Banditen in der Region starben. In ganz Nigeria waren es den Schätzungen der Menschenrechtsorganisation Amnesty International nach in den letzten Jahren Tausende (vgl. Nigeria: Das Mexiko Afrikas). (Peter Mühlbauer)