Nigeria: Fulbe töten mindestens 69 Hausa

Zusammenhang mit Boko Haram unklar

Im nordnigerianischen Bundesstaat Katsina haben einige Dutzend Bewaffnete auf Motorrädern bei Überfällen auf vier Dörfer seit Dienstag mindestens 69 Menschen getötet und zahlreiche Häuser angezündet. Unter den Opfern befinden sich sowohl Männer als auch Frauen und Kinder. Augenzeugen zufolge schossen die Angreifer unterschiedslos auf alle Bewohner. In einem der Dörfer, Marabar Kindo, kehrten sie zwei Tage nach dem ersten Angriff zurück und massakrierten noch einmal sieben Menschen bei Beerdigungsfeierlichkeiten.

Die Polizei glaubt, dass die von den Überfallenen als Fulbe beschriebenen Angreifer nicht der Anti-Bildungs-Sekte Boko Haram angehören, sondern halbnomadische Hirten sind, die sich mit den Hausa-Dörflern in der Vergangenheit um Land und Wasser stritten. Dabei kam es bereits in der Vergangenheit zu Überfällen, die jedoch eher Viehdiebstählen glichen und deutlich weniger genozidalen Charakter hatten. Auffällig ist zudem, dass die Überfälle zu einer Zeit stattfanden, als sich der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan in Katsina aufhielt, um Regierungsaufträge zu vergeben.

Für die Theorie der Sicherheitsbehörden spricht, dass Fulbe in anderen Gegenden Nigerias bereits in der Vergangenheit versuchten, Bauern durch Terror zu vertreiben. 2010 überfielen Mitglieder dieser Volksgruppe beispielsweise drei Dörfer der Berom in der Nähe der nigerianischen Stadt Jos. Opferberichten zufolge töteten sie in Dogo Nahawa, Ratsat und Zot nicht nur alle dort ansässigen Bauern, derer sie habhaft werden konnten, sondern auch Frauen, Kinder und Alte mit Schusswaffen, Macheten, Äxten und Dolchen. Insgesamt soll bei solchen Überfällen in den letzten Jahren bereits eine vierstellige Zahl von Menschen ums Leben gekommen sein.

Die nahezu ausschließlich moslemischen Fulbe leben nicht nur in Nigeria, sondern fast in jedem Land der Sahelzone - vom Senegal bis in den Sudan. Im Zuge des sogenannten Fulbe-Dschihad im 18. und 19. Jahrhundert gründeten sie mehrere Reiche - darunter das Sokoto-Kalifat im Norden Nigerias, Massina, das sich vom heutigen Mali bis nach Burkina Faso erstreckte, Futa Dschalon in Guinea und Futa Toro im Senegal und in Mauretanien.

Heute ist die Volksgruppe trotz ihrer insgesamt großen Zahl von geschätzten 13 bis 25 Millionen in allen Staaten, in denen sie siedelt, in der Minderheit. Allerdings ist sie besonders in Nigeria durchaus nicht ohne politische und ökonomische Macht. Unter anderem entstammen die vormaligen Staatsoberhäupter Shehu Shagari und Muhammadu Buhari sowie der bis 2010 amtierende Präsident Umaru Musa Yar'Adua der Fulbe-Aristokratie. (Peter Mühlbauer)