"Nimm meinen Verstand"
- "Nimm meinen Verstand"
- Höhere Weihen, unbedingter Gehorsam
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Der Hype um den neuen Papst, der der erste Jesuit auf dem Heiligen Stuhl ist, übersieht einige Ungereimtheiten
Ein alter Witz der Franziskaner lautet so: Was war der erste Gedanke des neugeborenen Jesuskindes? Ganz einfach: Jesus schlug die Augen auf, sah Ochs und Esel bei der Krippe und dachte: "Das also ist die Gesellschaft Jesu!" Der Ulk kommt nicht von ungefähr. Seit den ersten Anfängen der Jesuiten gab es Kritik am und Gegendruck gegen den Orden, im 17. und 18. Jahrhundert befassten sich Spötter ausgiebig mit unheiligen jesuitischen Sitten und Gepflogenheiten.
Die Jesuiten, das "Fähnlein Jesu", entstammen einer Zeit, als das Papsttum und der katholische Kosmos erschüttert wurden. Als Reaktion auf diese Erschütterung entstand eine bedingungslose neue Loyalität: Den Namen Compañia Jesu gab der Stifter, Ignaz (Ignatius) von Loyola, der neuen Bewegung.
Fromme Kampfansage
Ignatius sah angeblich 1538 in einer Vision, wie Gott höchstpersönlich eine Gruppe frommer Adepten in die Obhut Jesu übergab. Es war der Anfang einer Priestergesellschaft, die bald weltgeschichtliche Bedeutung anstrebte. Mit dem neuen Papst Franziskus, der im März 2013 Benedikt XVI. ablöste, scheint das Ziel erreicht. Franziskus ist der 266. Pontifex in pontifikaler Folge - aber der erste Jesuit als Alleinherrscher auf dem Heiligen Stuhl.
Das weltgeschichtliche Format des Ordens resultiert so zu einem guten Teil aus seiner Kampfansage an den vorstoßenden Protestantismus. Was war die Strategie? Die dem römischen Katholizismus innewohnenden sakralen und säkularen Kräfte sollten neu belebt und mit strenger Folgerichtigkeit zur Reife gebracht werden. Dabei galt der Grundsatz: Wenn der Zweck erlaubt ist, sind es auch die Mittel (Si finis est licitus, etiam media sunt licita).
Bestimmend für die Zukunft der Societas Jesu (abgekürzt: SJ) wurde ein viertes Mönchsgelübde, welches die Gefährten Jesu zu den bekannten dreien hinzufügten. Sie gelobten, fortan ihr Leben dem beharrlichen Dienste Christi und der Päpste zu widmen, unter dem Kreuzesbanner Kriegsdienst zu leisten und allein Gott sowie dem römischen Oberpriester als seinem irdischen Stellvertreter dienstbar zu sein. Es ging dabei um unbedingte Treue und Loyalität, ohne Zögern und Ausflüchte. Am 27. September 1540 bestätigte Paul III. den Orden durch die Bulle "Regimini militantis ecclesiae". Julius III. erweiterte später die Privilegien.
Pfaffengalanterien
Der Jesuit Pere de la Chaise (1624-1709, eigentlich François d'Aix de La Chaise, seine Gebeine ruhen in einem Pariser Jesuitenkloster) galt als Kuppler Ludwigs XIV.. Er und der berüchtigte J. B. Girard wurden mitsamt der Skandalliteratur um ihre Person während dieser Jahrzehnte typisch für den ganzen Orden.
Um die Zeit bezichtigte man die Jesuiten auch der Homosexualität. Ein berühmtes Skandalon, die Affäre um Pater Marell in Bayern (17. Jahrhundert), wurde 1845 von C. H. Lang in seiner Schrift "Abenteuer des Pater Jac. Marell …" thematisiert.1
Die Unarten der Jesuiten wurden lustvoll eingereiht unter die "Pfaffengalanterien". So geißelte man ihre "sexuelle Kasuistik", beklagte ihre Heuchelei und fand immer wieder "Perversitäten", die gern hervorgehoben wurden. In Europa erschienen süffisante und bloßstellende Schriften in Wien, Rom und Paris unter Titeln wie: "Der Jesuit in guter Laune" (Wien, 1785) oder "Jesuitenliebschaften oder die Väter der Gesellschaft Jesu in gutem Humor" (Rom und Paris 1869). Gute Laune und Humor im Einklang mit loser Sittlichkeit galten damals offenbar als Markenzeichen des Ordens.
"Nimm (…) meinen Verstand"
Der Humor bleibt freilich auf der Strecke: In wenigen Wochen ist es vier Jahre her, dass öffentlich wurde, dass am jesuitischen Berliner Canisius-Kolleg Patres ihre Schüler missbraucht haben. Von der Homepage aus gelangt man rasch auf eine Website, auf der sich die "Deutsche Provinz der Jesuiten" vorstellt. Unter Bezugnahme auf Ordensgründer Ignatius von Loyola charakterisiert die Deutsche Ordensprovinz ihren "Geistlichen Impuls" wie folgt:
Nimm, Herr, und empfange meine ganze Freiheit, mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen, all mein Haben und mein Besitzen. Du hast es mir gegeben; Dir, Herr, gebe ich es zurück. Alles ist Dein, verfüge nach Deinem ganzen Willen. Gib mir Deine Liebe und Gnade, denn diese genügt mir.
Am 28. Januar 2010 hatte die erste Zeitung über die Missbrauchsfälle in der Einrichtung informiert; die Nachricht löste eine Lawine aus. Von "voyeuristischen Eingriffen" in die erwachende Sexualität war später in den Offenbarungen ehemaliger Schüler die Rede, aber auch von Formen sadistischer Erniedrigung. Wie passt das zusammen mit dem Ethos der Mission, wie er jetzt aktuell aus den Sätzen der päpstlichen Lehrschrift "Evangelii gaudium" spricht?