"No Nature, no impact"

Nature in der Crinan Street. Bild: Hilmar Schmundt

Wie die Wissenschaftszeitschrift Nature durch Goethe zu ihrem Namen kam

Die Wissenschaftsgalaxis kreist um ein Schwarzes Loch. Eine Uni braucht einen neuen Professor, ein Institut einen neuen Dekan. Die Kommission tagt, die Kandidaten "singen vor". Ein ungeladener Gast ist meist mit dabei. Dieser Zahlengeist ist unsichtbar, stumm und doch so beredt, dass er oft über Forschungsvorhaben und Millionenbeträge mitbefindet. "Citation Index" und "Impact Factor" wird er genannt. Als eine Art Kopfnote für Forscher, die feststellt, wie oft jemand zitiert worden ist, und wo er publiziert hat, spukt er im Zentrum des globalen Wissenschaftsbetriebs herum. Er ist mächtig. Und schwer zu greifen.

Spurensuche. Eine enge Seitenstraße in London unweit des Bahnhofs King’s Cross. Die Crinan Street ist eine schmale Gasse, in der man auch einen Krimi drehen könnte: dunkle Mauern, eine Autowerkstatt, kaum Verkehr. Die Nummer 4 ist unscheinbar, ein ehemaliges Lagerhaus aus gelbem Klinker, umgebaut zu einem Bürogebäude. Dies ist eine der weltweit mächtigsten Manufakturen von wissenschaftlichem Prestige.

Crinan Street 4, das ist die Adresse von Nature, für viele die Wissenschaftszeitschrift schlechthin. Gemeinsam mit der amerikanischen Konkurrenz Science bildet sie den Doppelgipfel des wissenschaftlichen Olymps. Gegründet wurde "Nature" 1869 unter Beteiligung von Heroen der Wissenschaftsgeschichte wie Herbert Spencer, Thomas Henry Huxley, John Tyndall. Jeder von ihnen wohl ein Kandidat für den Nobelpreis – wenn es den damals schon gegeben hätte. Hier haben Einstein, Röntgen, Crick publiziert. Nur wer glaubt, einen ganz großen Wurf gemacht zu haben, wagt es normalerweise, seine Arbeit einzusenden.

Das Konkurrenzblatt "Science" wurde erst 1880 gegründet, ist aber im Gegensatz zu "Nature" nichtkommerziell. Für beide gilt: Wer hier publiziert, wird weltweit gelesen und im Schnitt rund dreißigmal zitiert, was "Impact Factor" genannt wird: Einschlägigkeitsfaktor. Einigen Forschern sind die beiden Großen zwar durch ihre bunt gemischte Leserschaft quer durch viele Disziplinen zu oberflächlich. Dennoch gilt ein "Nature"-Artikel als Ritterschlag.

Im Foyer eine Büste von William Shakespeare. Der Anspruch ist klar: Hier entsteht Weltliteratur der anderen Art. Wo soll ich publizieren? Diese Frage wird unter Forschern oft lakonisch beantwortet: "No Nature, no impact."

Shakespeare-Büste im Foyer. Bild: Hilmar Schmundt

Der Olymp wirkt banal. Geschäftiges Treiben wie in jedem Großraumbüro. Besucher haben normalerweise keinen Zutritt, warum auch. Die Öffentlichkeit wird schließlich im Blatt hergestellt, nicht vor Ort in der Redaktion. Ein Lichthof verbindet vier offene Stockwerke gleichsam zu einem vertikalen Größtraumbüro. Fachredakteure blättern durch Manuskripte und angeln nach Telefonen zwischen Teetassen und Sedimenten von Fachliteratur.

Unter der Dachmarke der Nature Publishing Group sind über 30 Fachmagazine versammelt. Eine ganz normale Redaktion, könnte man denken. Doch hier sind Manuskripte zwar willkommen, aber nur die wenigsten. "Nature" ist zunächst eine Ablehnungsmaschine. Von hundert Manuskripten gehen über 90 mit einem knappen Kommentar per Email zurück an den Absender.

Die Auswahl ist mehrstufig. Die Redakteure haben oft nur wenige Minuten Zeit, um zu entscheiden, ob sie sofort ablehnen oder erst später. Im letzteren Fall mailen sie den Text an eine Gruppe von ehrenamtlichen Gutachtern weiter, die im sogenannten "Peer Review"-Verfahren Kommentare und Empfehlungen abgeben. Das bedeutet banges, oft monatelanges Warten für die Autoren, die in der Zwischenzeit nicht mit der Presse über ihre Ergebnisse sprechen oder sie andernorts anbieten dürfen, um sich nicht zu disqualifizieren. Der freie Geist des akademischen Austauschs kollidiert hier mit den Regeln kommerzieller Verlage.

Das "Peer-Review"-Verfahren ist aufwändig und soll das Fundament des Wissens bewahren vor brüchigem Baumaterial: Schlamperei, Hochstapelei, Methodenfehler, Doppelungen. Seit über 140 Jahren arbeitet dieses System, und das – dem Anschein nach – sehr erfolgreich. "Nature" gilt, kurz gefasst, als älteste Zeitschrift ihrer Art, die über Fachgrenzen hinaus die Wissenschaftswelt zusammenhält.

Der Verlag in der Crinan Street wird immer wieder zur Zielscheibe erbitterter Kritik gegen etablierte Wissenschaftsverlage allgemein. Autoren schließen sich, so munkelt man, zu Zitierkartellen zusammen, die gegenseitig auf ihre Aufsätze verweisen, um ihre Statistik aufzubessern. Professionelle Schreiblabors formulieren oft mehrdeutige Ergebnisse so lange um, bis sie sich wie bahnbrechende Sensationen lesen. Erkenntnisse werden oft nicht im Zusammenhang veröffentlicht, sondern in möglichst viele kleine Faktoide zersplittert, damit sich eine größere Anzahl an Veröffentlichungen ergibt. Und schlimmer noch: Der "Peer Review" sei Opfer seines eigenen Erfolgs geworden, so eine Klage. Er stabilisiere zwar das Gebäude des Wissens, behindere aber auch radikale neue Durchbrüche.

Der Wissenschaftsbetrieb "unterdrückt fundamentale Neuheiten, weil diese notwendigerweise subversiv sind", schrieb der Physiker und Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn schon 1962. Er löste eine erbitterte Debatte aus, die bis heute andauert und die in Zeiten von Evaluation erheblich an praktischer Relevanz gewonnen hat, da diese sich nur zu gerne auf Bibliometrie stützen.

Wie aber funktionieren Impact-Factories wie "Science" oder "Nature"? Über den Alltag ist wenig bekannt. Das ist erstaunlich. Die große Monografie über Geschichte und Alltag in der Crinan Street 4 muss erst noch geschrieben werden. Querelen, Personalien, Richtungskämpfe bei "New York Times", "Der Spiegel" oder "Le Monde" werden sehr viel genauer durchleuchtet als bei "Nature" oder "Science", den Zentralorganen der Informationsgesellschaft. Ausgerechnet Wissenschaftsjournale scheinen an einem blinden Fleck der Selbstaufklärung zu sitzen. Zu den besten Quellen gehören die Jubiläumsausgaben, mit vielen Anekdoten, aber wenig kritischer Analyse. Die Wissenschaftsgalaxis kreist um ein Schwarzes Loch.

Auch in der Crinan Street 4 sieht man sich unter Druck. Die Treiber sind Getriebene. "Das Kerngeschäft von 'Nature' ist nicht, eine Zeitschrift zu machen, sondern den Austausch zwischen Wissenschaftlern zu ermöglichen", sagt zum Beispiel Timo Hanay, der Beauftragte für den digitalen Auftritt der Zeitschrift. Viele Printmedien sehen sich durch das Internet bedroht, doch für Blätter wie "Nature" ist das Problem besonders brisant. Denn seit es im Netz kostenlose Archive wie die Public Library of Science oder Arxiv gibt, sind Forscher nicht mehr auf Verlage angewiesen. Der russische Mathematiker Grigorij Perelman zum Beispiel wurde 2006 mit der Fields-Medaille geehrt, so etwas wie dem Nobelpreis für Mathematiker. Sein legendärer Aufsatz, der erstmals die Poincaré-Vermutung beweist, wäre der perfekte Scoop für "Nature" gewesen, und hätte ordentlich Zitate gebracht – Treibstoff für die Impact Factory. Das Genie jedoch stellte sein Werk einfach ins Netz, frei abrufbar im Web-Journal "Arxiv.org". Ein Frontalangriff auf die Crinan Street 4.

Timo Hannay, der Verantwortliche für sogenannte Neue Medien. Bild: Hilmar Schmundt

Der "Peer Review" zum Beispiel gilt als Basis der Glaubwürdigkeit von "Nature". Dennoch ging das Blatt dem deutschen Physik-Hochstapler Jan Hendrik Schön auf den Leim. "Science" ging es ähnlich mit dem südkoreanischen Klonfälscher Hwang Woo Suk. Dessen Betrug fiel erst auf, als ein Informant per Email darauf hinwies. Also entschloss man sich bei "Nature" 2006, die Internet-Begutachtung auszuprobieren, den sogenannten "Open Peer Review": Ausgewählte Artikel sollten von der Web-Öffentlichkeit vorab diskutiert und kritisiert werden. Die Teilnahme war enttäuschend, nur fünf Prozent der Autoren machten mit, weshalb der Test vorerst beendet wurde.

Auch die Dependance in Second Life liegt seit 2010 auf Eis. Aber Hannay gibt nicht auf, mit Hilfe der Datennetze die Forschung wieder persönlicher machen. "Aufgabe von "Nature Online" ist es, neue Leute und Ideen zusammenzubringen", sagt Hannay, "wir stellen sozusagen den Pub, den Türsteher und den Barmann – aber ob es ein lustiger Abend wird, hängt von den Gästen ab."

Nature in Second Life

Dieser Ansatz erinnert an die Gründergeneration von "Nature". Damals, vor über hundert Jahren, tobte ein erbitterter Verdrängungswettbewerb zwischen diversen jungen, meist unterfinanzierten und kurzlebigen Wissenschaftszeitschriften. Das Konkurrenzblatt "Science" wäre mehrfach fast eingegangen und wechselte häufig die Besitzer. Doch "Nature" war anders. Von Anfang an legte man Wert auf thematische Breite, Allgemeinverständlichkeit, Streitlust, gesellschaftliche Relevanz. Ein weiterer Vorteil: Der Verleger Alexander Macmillan liebte Partys. Regelmäßig lud er die klügsten Denker seiner Zeit zu sich nach Hause ein zu "Talk, Tobacco and Tipple" – Plaudern, Rauchen, Picheln. Auf dies solide Fundament stellte er seine Zeitschrift: Wissenschaft sollte gesellig sein, kreativ, unterhaltsam, überraschend.

Jahrzehntelang traf sich die Gründergeneration von "Nature" am jeweils ersten Donnerstag im Monat in einem Pub zum Schlemmen, Trinken und Palavern, insgesamt 240 Mal. Die Clique nannte sich X-Club, weil sie nur eine Regel akzeptierte: keine Regeln. Am Donnerstag deswegen, weil man nach dem Essen hinüberschlenderte zum Treffen der Royal Society, deren Vorsitz über ein Jahrzehnt bei Mitgliedern des X-Club lag.

Scherzhaft nannten sie sich "the Xperienced Hooker", "the Xalted Huxley", "the Xcentric Tyndall", "the Xhaustive Spencer". Die X-Clubber kämpften für die Ideen Darwins, für die Professionalisierung der Wissenschaft. Und für ihr eigenes Fortkommen. Die vielleicht wichtigsten Mitstreiter bei der Durchsetzung der Evolutionslehre gehörten dabei zu einer Gruppe von liberalen Anglikanern, beseelt vom Glauben an Gott – und an die Wissenschaft. Wie hätten die "Nature"-Gründer wohl reagiert auf das Ansinnen, Wissenschaftler zu bewerten durch Zitatezählen, Hirsch oder Eigen? Sie hätten gelacht und abgelehnt. Es sei denn, der Hirsch wäre lecker zubereitet, mit ordentlich Preiselbeer-Sahnesauce.

Erste Ausgabe von "Nature"

Einige der X-perimentellen X-Zentriker gründeten eine Zeitschrift und nannten sie "Nature". Ebenso eigenwillig und kreativ wie ihr Club geriet die erste Ausgabe vom 4. November 1869, fast auf den Tag genau fünf Jahre nach dem ersten Treffen des Clubs, ebenfalls an einem Donnerstag. Am Donnerstagstermin hat sich bis heute nichts geändert. Thomas Huxley, der streitbare Biologe und Agnostiker, auch bekannt als "Darwin’s Bulldogge", lobt in der ersten Ausgabe Goethe als Wissenschaftler. Und überlässt ihm den Aufmacherartikel, ein Gedicht in voller Länge, eine überschwängliche Ode namens "Die Natur":

Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen.

Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist, war noch nie; was war, kommt nicht wieder – alles ist neu und doch immer das alte.

Wir leben mitten in ihr und sind ihr fremd. Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine Gewalt über sie.

Sie scheint alles auf Individualität angelegt zu haben und macht sich nichts aus den Individuen. Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich.

Ein passendes Programm für die Zeitschrift aus der Crinan Street 4.

Leicht gekürzter Nachdruck aus Mekkas der Moderne - Pilgerstätten der Wissensgesellschaft.
Von "Bild der Wissenschaft" nominiert als "Wissenschaftsbuch des Jahres 2010" (Hilmar Schmundt)

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