Nobelpreis für einen "Genozid-Leugner"

Schädel eines Opfers des Massakers in Srebrenica aus einem Grab bei Potocari. Bild: Adam Jones Adam63/CC BY-SA-3.0

Am Dienstag wird der Nobelpreis für Literatur an Peter Handke verliehen. Die Proteste dagegen sind ein Versuch, die offizielle Darstellung des Jugoslawienkrieges zu sichern - Ein Kommentar

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Der Jugoslawienkrieg gehöre, wie jüngst eine Anklägerin Handkes feststellte, zu den "besterforschten Kapiteln der Geschichte".1 "Alle internationalen Berichterstatter, die internationalen Juristen und die internationale Wissenschaft" stünden "einigen Verschwörungstheoretikern, Peter Handke und einigen von ihm in der Geschichte des Balkans angelernten deutschen Kritikern und Schriftstellern" gegenüber.

Einige Kapitel muss sie überschlagen haben. Nur so konnte sie die launige NATO-Poesie unserer "Wertegemeinschaft" für bare Münze nehmen und schreiben, es stimme einfach nicht, dass der Westen mit der Anerkennung von Slowenien, Kroatien und Bosnien als unabhängige Staaten den Bürgerkrieg entfacht habe. Sie verlieh ihrer Indignation auf Facebook Ausdruck: Ein Zeit-Interview mit Handke sei ihr ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt, "drei Tage" nach dem "Jahrestag der barbarischen und verbrecherischen, grausamen Zerstörung der kroatischen Stadt Vukovar", zugemutet worden. "Drei Tage" vorher war der 18. November. Es war kein schöner Tag. Nichts war schön im Jugoslawienkrieg.

Nach Wikipedia, unverdächtig einer kritischen Haltung gegenüber westlichen Positionen, kam es schon vor der Unabhängigkeitserklärung der jugoslawischen Teilrepublik Kroatien (Juni 1991) "immer wieder zu Auseinandersetzungen militanter Gruppen beider Seiten. […] Am 14. September 1991 startete die kroatische Regierung […] eine Offensive gegen alle Kasernen der JVA", der Jugoslawischen Volksarmee, auch in Vukovar. Der Ort selber wurde von kroatischen Einheiten besetzt, die, jetzt haben wir das Datum, am 18. November kapitulierten.

Serben waren die dominante Volksgruppe in Jugoslawien. Für sie mussten die Aussichten auf die Teilung eines Landes, in dem es keine klaren ethnischen Grenzen gab und selbst die Bevölkerung von zwei der Sezessionsstaaten aus gut einem Drittel Serben bestand, beängstigend sein. Abgründe taten sich auf nicht nur für Überlebende und Nachkommen der Opfer der kroatischen Ustascha, Nazi-Verbündete im 2. Weltkrieg, deren Terror etwa 100.000 Menschenleben auslöschte (die Schätzungen gehen weit auseinander), zumeist Serben zusammen mit Zehntausenden Juden, Zigeunern und politisch Oppositionellen. Sie wurden, Munition wollte man sparen, Gaskammern hatte man keine, zumeist wie Vieh ermordet, auch in mehreren Konzentrationslagern.

Die Greuel werden bis heute ignoriert oder bagatellisiert. Vorbildlich schrieb ein späterer SZ-Chefredakteur (1960-1970) 1942 in einer in Zagreb erscheinenden NS-Zeitschrift, das kroatische KZ Jasenovac diene der "Einordnung asozialer Kräfte, die so lange ein parasitäres Dasein geführt haben, in einen Arbeits- und Erziehungsprozeß".2 Die Kräfte, die von einem "serbenfreien Kroatien" träumten, waren auch 1991 gut zu beobachten. Sie zu verdrängen ist Voraussetzung, um einseitig über nationalistische Serben zu klagen und Kroaten wie Muslime als unbeteiligte Opfer hinzustellen. Der Großteil der veröffentlichten Meinung verdrängte.

Nur weil sich Handke dieser Haltung einer medial dominanten Mehrheit nicht angeschlossen hatte, sei ihm, so im Oktober ein bosnischer Schriftsteller in seiner Rede anlässlich des ihm zugesprochenen Deutschen Buchspreises des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, der Literaturnobelpreis verliehen worden. Das ist natürlich keine Verschwörungstheorie, sondern die begeistert aufgenommene Spekulation über außerliterarische Gründe bei der Vergabe von Literaturpreisen. Da mag etwas dran sein - er selber wäre dafür das beste Beispiel (und hat mit denunziatorischer Agitation den in ihn gesetzten Erwartungen entsprochen, s. dazu Peter Handke. Zum Beispiel).

Natürlich kann man fragen, ob Handke den Nobelpreis verdient hat. Ich weiß es nicht. Ich gebe zu, kein einziges Buch von Handke gelesen zu haben. Ich weiß aber, dass niemand in Deutschland einen der renommiertesten Literaturpreise bekommt bei einer dissidenten Meinung zu Themen, die eine zentrale Bedeutung für das offizielle Weltbild haben. Die Rechtfertigung für den Krieg gegen Jugoslawien gehört definitiv dazu. Man muss dem Komitee in Stockholm das Kompliment machen, dass es nicht auf den Strich der westlichen Parteilinie gegangen ist.

Muslimische Freiheitskämpfer gegen Russland

Besonders hierzulande ist ein enger Rahmen zu beachten, in dem alle Diskussionen über die Anliegen der Machtzentren abzulaufen haben. Wer sich auch nur einen Anflug von Skepsis zeigt, kann nicht damit rechnen, ernst genommen zu werden. Musterhaft erfolgte die Indoktrinierung bei den Kriegen gegen Jugoslawien in den 1990er Jahren. Aber was heißt "Kriege"? Es waren "humanitäre Interventionen", auf welche Tendenz zu blumiger Ausmalung kriegerischer Handlungen der U.S.A. bereits Carl Schmitt hinwies.3 In geopolitischer Dimension kam diese Propaganda im Westen generell vor allem gegen Russland, dann den "Bolschewismus", dann wieder Russland zum Zug (schon die Kriegskredite für den 1.Weltkrieg wurden seitens der SPD mit der zivilisatorischen Mission im Osten begründet).

In diesem Schatten manifester Interessen initiierte Mitte 1979 Zbigniew Brzezinski, seinerzeit "Sicherheitsberater" von U.S.-Präsident James Carter, die Unterstützung fanatischer "Gotteskrieger" im Kampf gegen einen Verbündeten Moskaus, dessen Truppen sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Afghanistan befanden.

Die Mudschaheddin wurden mit Milliarden USD (seitens der USA und Saudi Arabiens) unterstützt und sollten dann die Kernzelle von Osama bin Ladens al-Qaida bilden. Als sich nach 1990 neue Perspektiven eröffneten, wurde Jugoslawien zu einem "Problem": ein Land, das mit Russland freundschaftlich verbunden war, Kreditangebote des IWF (und die damit verbundene Schocktherapie zu Gunsten internationaler Konzerne) ablehnte sowie strategisch auf dem Balkan eine bedeutende Position innehatte. Sie nach 1945 nicht unter ihre Kontrolle gebracht zu haben war für die USA ein zu behebendes Versäumnis (im Kosovo haben sie nun einen ihrer größten Militärstützpunkte, Bondsteel, mit einem Umfang von zehn Kilometern).

Nachdem Slowenien und Kroatien durch den Westen ermutigt wurden, über einen Autonomiestatus hinaus sich als unabhängige Staaten zu konstituieren, kam es 1992 bestärkt durch die USA auch in Bosnien-Herzegowina zu einer Sezessionserklärung. Im gleichen Jahr wurde eine Übereinkunft zwischen moslemischen Bosniaken, katholischen Kroaten und orthodoxen Serben im Lissabon-Abkommen erzielt. Es wurde vom Führer der bosnischen Muslime, Alija Izetbegović, aufgekündigt, für welchen Fall ihm die USA jegliche Unterstützung zugesagt hatten. Izetbegović bekämpfte im 2. Weltkrieg jugoslawische Nazi-Gegner und schloss bereits in den 1960er Jahren eine Vereinbarkeit von muslimischen und nicht-muslimischen Gemeinschaften aus. Er setzte sich gegen säkulare Muslime wie Fikret Abdić durch.

Die USA hielten Wort. Izetbegović erhielt Waffen und kämpfendes Personal u.a. aus Westeuropa, den U.S.A., Saudi Arabien, dem Iran und al-Qaida.4 Die bosnischen Serben wurden von Belgrad unterstützt. Im folgenden Bürgerkrieg erfolgte propagandistisch eine klare Rollenverteilung, von der auch der Kopf der bosnisch-muslimischen Streitkräfte in Srebrenica, Naser Orić, profitierte. Er brüstete sich gegenüber einem Journalisten vom Toronto Star damit, serbische Zivilisten ermordet zu haben, spielte Videos geköpfter Serben vor und behauptete, 114 in einer einzigen Aktion getötet zu haben. Er wurde vom International Criminal Tribunal on Yugoslavia (ICTY) in zweiter Instanz freigesprochen.