Nobelpreis posthum

Was tun, jetzt, wo der Nobelpreis für Literatur ein Jahr lang ausgesetzt wird? - Teil 2

Zu Teil 1: Nobelpreis aus der Flaschenpost?

Unlängst erschien in den USA eine Klassiker-Ausgabe des Romans "Menschen im Hotel" von Vicki Baum. Unter dem amerikanischen Titel "Grand Hotel". Mit einer Titelillustration, die vage an George Grosz erinnern sollte. Tatsächlich stammt der Roman aus dem Jahr 1929 und behandelt das Leben in einem Berliner Luxushotel der Goldenen Zwanzigerjahre. Zu einem amerikanischen Klassiker wurde das Buch als Film — in der Hollywood-Version von 1932, mit einer Starriege der Extraklasse, angeführt von Greta Garbo.

Der Film ist heute immer noch beeindruckend und auf DVD erhältlich — bekam er doch damals den Oskar für den besten Film des Jahres. Wann hat ihr das ein anderer deutscher Autor jemals nachgemacht? (Oder vorgemacht? — Natürlich: Erich Maria Remarque. "Im Westen nichts Neues" war der weltweit erfolgreichste Roman — übrigens ein Anti-Kriegs-Roman — eines deutschen Autors und als Hollywood-Film 1930 ebenfalls bester Film des Jahres.)

Aber als Schriftstellerin war Vicki Baum dennoch einzigartig, unvergleichlich. Um sie mit einem anderen Schriftsteller zu vergleichen, muss man buchstäblich eine ganze Kohorte von Autoren bemühen. In ihr verbanden sich unterschiedliche Aspekte der Karrieren und Werke von:

- B. Traven - wie er, schrieb auch sie später auf Englisch über exotische Schauplätze und mit politisch-aufklärerischem Unterton;

- Günter Wallraff - so jobbte sie einige Wochen als Zimmermädchen im Berliner Hotel Bristol unter den Linden, um ihren berühmtesten Roman zu recherchieren; verfolgte in New York Kaufhausverkäuferinnen bis in ihre Wohnungen hinein, um deren Lebensumstände für ein Theaterstück, das sie schrieb, kennenzulernen;

- Egon Erwin Kisch - wie er recherchierte sie in China, in Südostasien, schrieb Tatsachenromane;

- Agnes Smedley - wie sie berichtete Vicki Baum über den japanischen Aggressionskrieg gegen China, wie Agnes Smedley schrieb sie ein feministisches Kultbuch;

- Kurt Weill - wie er hatte sie die großen Erfolge in Berlin und am Broadway - und die erfolgreichen Musical-Revivals;

- James M. Cain - wie er schrieb sie Romane mit kriminalistisch rasanten, fast filmischen Handlungsabläufen;

- Somerset Maugham - wie er war sie begabt mit dem Sinn für gesellschaftliche Tiefendimension, dem Talent für klare Erzählführung und gefühlsbewegende Erzählinhalte; wie er schrieb sie erfolgreiche Boulevardstücke; Maugham hatte einmal vier Stücke gleichzeitig an Londoner Theatern laufen, Baum dito am Broadway;

- Colette - wie sie artikulierte Vicki Baum kompromisslos weibliche Befindlichkeit vis-a-vis patriarchalischem Herrschaftsanspruch; Vicki Baum wurde in Frankreich zur meistübersetzten deutschsprachigen Autorin; umgekehrt bearbeitete sie Coletes "Gigi" für die Bühne;

- Yehudi Menuhin - aber mit der Harfe. Wie er war sie ein musikalisches Wunderkind, sie trat mit 12 Jahren erstmals öffentlich auf, war jahrelang Berufsmusikerin, bis sie im Ersten Weltkrieg das Instrument gegen eine Wiege eintauschte;

- Billy Wilder - sie stammte wie er aus Wien, arbeitete in Hollywood bei rund 20 Filmen mit, in denen die größten Stars jener Zeit mitspielten, darunter die Garbo (in "Grand Hotel" und "Die Kameliendame") sowie bei einem anderen Kultfilm von damals, "Dance Girl Dance" aus dem Jahr 1940. Bis zu ihrem Lebensende wurden mindestens noch ein halbes Dutzend weitere deutsche und französische Verfilmungen nach ihren Romanen gedreht.

Damit nicht genug, wurde das zierliche Persönchen im Berlin der Zwanzigerjahre (wie Brecht und andere Literaten jener Zeit) zur leidenschaftlichen Boxerin. Den Weltmeistertitel erhielt sie freilich in der Literatur: Die gebürtige Wienerin war nicht nur die auflagenstärkste, sondern auch die ungewöhnlichste deutschsprachige Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts.

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