Nobody hat den perfekten Schuss

Sam Mendes' "Jarhead"

Sam Mendes, der Oscar-verwöhnte "American Beauty"-Regisseur hat mit "Jarhead. Willkommen im Dreck" einen überraschend konsequenten Film gedreht: Einen Film über die Absurdität und Entwertung des Militärischen, über das Ausbleiben des traditionellen Bodenkampfes und der Frontschweinarbeit der Marines.

Basierend auf dem autobiographischen Bestseller des Marines Anthony Swofford (2002) anlässlich der Besetzung Kuwaits durch den Irak und des "halbherzigen" Vorgehens der USA (und ihrer Alliierten) unter George Bush Senior und General Schwartzkopf ist "Jarhead" ein Film aus der soldatischen Alltagsperspektive, der aufhorchen und aufblicken lässt. Der vieles zugleich ist, eine Absage ans patriotische Drama- und Actionkino und fast eine Drohung des kreativen Hollywoods, sich demnächst auch mit dem Wahnsinn der aktuellen Kriegshandlungen im Nahen Osten, der Bereicherungs- und Folterpolitik des Westens ausführlicher und in aller gebotenen Respektlosigkeit zu befassen.

Ein Kommentar im Off: "Meine Hände erinnern sich an das Gewehr". Die Geschichte eines Mannes, der mit allen Fasern seiner Existenz nur ein wirkliches Ziel kannte, den Dienst an der Waffe, zu schießen und zu töten, und der dieses Ziel auch im Zivilleben beileibe nicht vergessen kann. Ein altes Thema, die Balance zwischen dem Militärischen und Zivilen. Eine Balance, die für alle westlichen Wohlstandsnationen seit 9/11 aus den Fugen geraten ist, weil der diffuse Krieg gegen den Terror über Menschenrechte, Lebende und Leichen auch in die zivilen Poren und militärischen Gräben eingedrungen ist.

Am Ende des Films wird diese Fabel wiederholt: die Geschichte eines Mannes, der nur für dieses eine Ziel lebte, den perfekten tödlichen Schuss, dem der Krieg aber dieses Ziel raubte, so dass er sich nun nutzlos und überflüssig vorkommen muss. Sam Mendes Held, Anthony Swafford, genannt Swoff (Jake Gyllenhaal, bekannt aus dem Kultfilm "Donnie Darko") ist ein sympathischer, intelligenter, dabei irgendwie verschlossener Vertreter aus der sozialen Unterschicht, ein unzufriedener, zu kurz gekommener Marine-Sniper, ein Scharfschütze, der mit seinen Kameraden auf die Gunst der Stunde gewartet hat, auf den "JFK-Shot", wie es im professionalisierten Zynismus heißt, auf die alles klärende rote Wolke.

Doch in diesem Film sind alle Beteiligten verurteilt (sich und anderen) zuzuschauen, statt zu handeln und zu schießen. Und in dieses keineswegs heroische Leiden am ewigen gespannten Abwarten richten sie sich auf möglichst komfortable Weise ein, bis die Zeit kommt und ihnen die Rechnung präsentiert. Insofern ergeht es ihnen nicht anders als dem prosaischen Vororthelden von "American Beauty".

Der Titel des Films: "Jarhead", wird erklärt als kahlgeschorener Kopf, Schraubglas, leeres Gefäß. Die Idee eines gläsernen Kopfes scheint der Grundidee besonders nahe zu kommen: Der Marine als Medium und als Show-Statist in einem "unsichtbaren Krieg", von dem Baudrillard, trotz Giftgas und Scud-Raketen, behauptete, er habe gar nicht stattgefunden. Dieser Film gibt ihm Recht. Der Marine als ein Niemand, der einmal mehr seinen Arsch und sein Gehirn für die US-Politik hinhalten muss, der aber zugleich zur Untätigkeit verdammt ist, der spürt, dass sein Arsch vielleicht auch bald ausgedient hat, weil er den unsichtbar bleibenden Krieg nur noch aus der Ferne umzingeln darf. Die entscheidenden strategischen Schläge des zweiten Golfkriegs werden vor allem aus der Luft und von See aus geführt, mit Jets, Bombern und Raketen. Die Medien beherrscht das Abwehrflakfeuer im von CNN schon besetzten Bagdad und das angeblich chirurgische Videospiel der kamerabestückten Lenkwaffen auf Saddams Bunker, während die Vorgänge am Boden weitgehend zensiert und unbebildert bleiben.

Der Marine, sogar in seiner anspruchsvollen Funktion als Surveillance and Target Acquisition Scout/Sniper, ist das Auslaufmodell des zunehmend elektronischen Krieges der Zukunft, eine Spielfigur auf dem Schachbrett der Wüste, in heißgelaufener Wartestellung, um die lästige Abriegelung des Feindes nach Norden hin zu erledigen. Hier hat Sam Mendes eine neue absurd-theatralische Figur gefunden, in die er sich mit einem Patchwork als altbekannten Situationen, klassischen Vietnamfilmen und unwahrscheinlichen Wüstenorten eine anti-utopische und anti-patriotische, im wahrsten Sinne heimatlose Mixtur zusammenbraut und zugleich eine beschäftigungspolitische Drift (Sennett) im Sinne der Soldaten der Zukunft.

Zu Beginn: Die menschenverachtende Ausbildung durch die Drill-Inspektoren bei den Marines, die typischen rhetorischen Demütigungen und gewaltsamen Eingriffe, um den Korpsgeist verrückter junger Männer zu schmieden. Der Tonfall schwankt zwischen einem aktualisierten "Full-Metal-Jacket" (das berühmte Gebet "Das ist mein Gewehr..." und die Marines-Hymne am Ende klingen wie ein Echo herüber) und den Mätzchen eines versöhnlich Mitte der 90er aufgeweckten "Forrest Gump" oder post-9/11-traumatisch somnambulen "Donnie Darko". Anfang der 90er Jahre, zur Zeit der dargestellten Epoche, ist die Figur des Idioten gesellschaftlich in, sie ist kein militärinterner Außenseiter mehr wie in Kubricks modellhaftem späten Vietnamfilm, der das zivile Vorleben der Soldaten außen vor lässt und ein zeitloses Psycho-Labor konstruiert.

Deutlich werden von Mendes alle Rekruten zugleich individueller, angreifbarer und pathologischer gezeichnet, ihr Vorleben, ihre Vorlieben und Perversionen, ihre sozialen Unterschiede, ihre privaten (Nicht-) Bindungen werden immer wieder, in Andeutungen, thematisiert. Das Platoon, dem Swafford zugewiesen wird, hat seine eigenen Methoden, den Neuling zu "integrieren": Einerseits sind sie sadistischer als manches in Militärfilmen bisher gezeigte, andererseits ist alles immer wieder unschuldig-freundlich eingefärbt, als gebe es in der sozialen Herkunft einfach kein moralisch-zivilisatorisches Gegengewicht gegen die neuesten Wilden und ihre Spielchen im Rahmen manisch-depressiver Gruppenmoral. Mit dem Tauchsieder wird Swoff ein Brandzeichen in den Unterarm geschmort, die Nacht darf er vors Bett gefesselt zubringen. "Willkommen im Dreck" - lautet die prosaische Begrüßung des Stubendienstes, zugleich der Untertitel des Films. Damit sind wir in der ersten Station der Menschenverwertung durch die Marines angekommen.

Am nächsten ist Sam Mendes der früheren Erzählweise aus "American Beauty", wenn der Held seine Familie und Herkunft erläutert, zwischen Wunsch und Wirklichkeit, mit kurzen, fenster- und bühnenartig entzogenen Einblicken: Seine Zeugung zur Zeit des Vietnamkriegs: die Eltern auf romantischem Fronturlaub im Honolulu-Hilton, die selbstmordgefährdete Schwester in der geschlossenen Abteilung, die Trostlosigkeit des elterlichen Lebens, seine Freundin, die er als halbbekleidetes Militär-Pin-Up mit dem USMC-Shirt und Slip wie ein Sex-Target drapiert usw. Immerhin liest er Albert Camus "Der Fremde" auf dem Klo. Und in ihm heißt es, in Vorwegnahme des späteren Wüstentrips:

Und da hat alles gewankt. Das Meer hat einen zähen, glühenden Brodem verbreitet. Es ist mir vorgekommen, als öffnete sich der Himmel in seiner ganzen Weite, um Feuer herabregnen zu lassen. Mein ganzes Sein hat sich angespannt, und ich habe die Hand um den Revolver geklammert. Der Abzug hat nachgegeben, ich habe die glatte Einbuchtung des Griffes berührt, und da, in dem zugleich harten und betäubenden Knall, hat alles angefangen. Ich habe den Schweiß und die Sonne abgeschüttelt.

Der Sergeant ist beeindruckt und kündigt an, ihn als Sniper, als professionellen Scharfschützen, auszubilden. Nicht immer geht alles so harmlos aus wie beim Paint-Ball-Schießen. Das Schlammkriechen unter dem Stacheldraht bei feindlichem Feuer wird mit flachen Gewehrschüssen begleitet: scharfe Munition, durch die ein Rekrut, der sich erschöpft erhebt, tödlich durchsiebt wird. Der Vorgesetzte beleidigt noch den Toten, er allein habe die Schuld zu tragen. Da wird das pathetische Fürsorgemodell aus "Black Hawk Down" verabschiedet, dass die Überlebenden sich bis zuletzt selbstlos und barmherzig um die Toten, auch unter extremem feindlichen Beschuss, zu kümmern hätten.

Aus dem TV erfahren die Rekruten die Reaktion des Präsidenten, Bush senior, auf die Besetzung Kuwaits durch den Irak. Der Krieg liegt in der Luft. Zum Ausbildungsabschluss bejohlen sie bei einer Filmparty den Hubschrauber-Angriff auf ein vietnamesisches Dorf zum Wagnerschen Walkürenritt in Coppolas "Apocalypse Now". Die aktuelle Politik ist die Projektionsmaschine, um den Film mit den eigenen Aggressionsgelüsten hochmotivierter junger Kämpfer aufzuladen. Aber damit nicht genug: Während sie die Heli-Kavallerie bejubeln, übersehen die G.I.s die Sinnlosigkeit ihrer eigenen Funktion, die sich im Film andeutet: Im anstehenden Wüstenkrieg wird die Luftstreitmacht ihnen den Handlungsspielraum, den Kampf, die Treffer und den Sieg wegnehmen, um sie zu Statisten und Bodenpersonal zu degradieren.

Auf den plötzlichen Abbruch des Vietnamfilms folgt der fast touristische Start mit den TWA-Jumbos in den Krieg, der wie ein Urlaub höchstens zwei Wochen dauern werde. Ein Colonel erläutert die Bedrohung auf der anderen Seite: angeblich eine Million Soldaten, ein Foto eines entstellten Kindes aus dem irakischen Gaseinsatz gegen die Kurden, und, vor allem, die Bedrohung der Ölfelder. Dazwischen immer wieder anstachelnde Potenz-Rhetorik über die Geilheit zum Sieg. Einer der Soldaten wagt hinterher einen kritischen Kommentar, es ginge ums Öl und nicht um Gerechtigkeit, wird allerdings gleich mundtot gemacht.

Das Programm der Wüste: Permanenter Alarmzustand in der Hitze: Trinken, Pissen, Masturbieren, Krieg und Sex mit Partnern simulieren, Trainieren, Ausruhen, Wachehalten, Bereitsein ist alles. Auch für nichts. Oder dafür, von den Vorgesetzten vorbereitete Leerformeln bei Interviews mit Presse-Konvois aufzusagen, um die Nachrichtensperre des Militärs wenigstens mit sympathischen Gesichtern und netten Sprechblasen und Durchhalteparolen auszufüllen. Gasmasken-Übungen für Footballfans. Skorpion-Duelle statt Hahnenkämpfe. Schießen ins Leere. Das Wüstenlager kennt keine Wände, noch gibt es keine Mobil-Telefone und kein Internet für alle, sondern nur halboffene, aneinander gereihte Sprechzellen, keine Privatheit, keine Intimität, keine Individualität.

Nur Verrückte, die sich in sexuellen Fantasien verrudeln, die ihre Heiligen- und Familienbildchen an eine Klagemauer heften, sobald sie brieflich, telefonisch oder per Privat-Porno-Zusendung (mit Ciminos Vietnamkriegsklassiker-Vorspann "Deer Hunter") erfahren müssen, dass ihre Freundin oder Ehefrau es nicht aushielt und einfach Schluss gemacht hat. Nach 122 Tagen und einer Aufstockung der Truppe bis zu 390.000 Mann, irgendwann zwischen Desert Shield und Desert Storm, wird es Zeit, Weihnachten zu feiern, die Würstchen neben einer Kiste Leuchtraketen zu braten, die dann in einem unbewachten Augenblick auch in hübschen Feuergarben hochgehen und für die Degradierung zur delikaten Latrinenarbeit sorgen. Als es bei 575.000 Mann ernst wird, gibt es Pillen gegen Gas und Öl, deren schädliche Nebenwirkungen noch nicht getestet sind. Der Streit um die erzwungene Unterschrift zur Akzeptierung schädlicher Nebenwirkungen ist vorprogrammiert, wird aber niedergeschlagen.

Der Kontakt mit einer einsamen Kamelkarawane gerät zur Begegnung mit einer flimmernden Fata Morgana (wie in "Lawrence von Arabien"). Der aufgeschüttete Wall, die Wüstendüne und die grabförmigen Schlafsandlöcher verdünnen den Krieg zur permanenten Mauerschau. Der Beschuss (durch Eigen- oder Fremdfeuer?) und dann unterwegs auf den Konvoi durch eigene Jets verursacht Panik, Verwundete, Verbrannte, Tote. Swoff reagiert mit Taubheit, mit Verstörung und Abwesenheit (wie Tom Hanks als Cpt. Miller am Omaha-Beach in "Private Ryan"), die um vieles beeindruckender wirkt - als die an Schauspielern und der Kamera rüttelnde Handlungshektik so vieler Kriegsactionfilme. Zum zweiten Mal erfolgt die derbe, ebenso brutale wie direkte Begrüßung: "Willkommen im Dreck." Die Idee, selbst Ausschuss zu sein und kein Truppenteil, auf den sich das Land ernsthaft verließe, liegt schon näher.

Die Erfahrung, mit der Truppe in einer menschenleeren Wüste ausgesetzt zu sein, in der es keine weiteren Ressourcen, keine, noch so wenig markante Landschaft, keine Eroberungsziele, keine greifbaren Anzeichen von eigener und fremder Bewegung gibt, sondern nur Einsamkeit, Knappheit, Disziplin und Qual, führt dazu, dass der größte Feind in den Soldaten selbst aufkeimt: ihr innerer Schweinehund, ihre Unreife, ein ungezähmter kleiner Irrsinn, der sich zunehmend breit macht und sich aufspielt, ein kindisch um sich schlagender Nihilismus, der aus der Verdammung zur Untätigkeit im Zustand der für sie äußersten Mobilisierung herrührt. Ein Zustand, sich selbst bei der eigenen Verwahrlosung zuzuschauen. Und damit fällt den Soldaten das an, was Carl von Clausewitz in seiner klassischen Theorie noch ganz preußisch die Friktion der realen Umstände genannt hat:

Friktion ist der einzige Begriff, welcher dem ziemlich allgemein entspricht, was den wirklichen Krieg von dem auf dem Papier unterscheidet. Die militärische Maschine, die Armee und alles, was dazugehört, ist im Grund sehr einfach und scheint deswegen leicht zu handhaben. Aber man bedenke, dass kein Teil davon aus einem Stücke ist, dass alles aus Individuen zusammengesetzt ist, deren jedes seine eigene Friktion nach allen Seiten hin behält. (...) Das Handeln im Kriege ist eine Bewegung im erschwerenden Mittel (sprich: Medium, der Verfasser). Sowenig man imstande ist, im Wasser die natürlichste und einfachste Bewegung, das bloße Gehen, mit Leichtigkeit und Präzision zu tun, so wenig kann man im Krieg mit gewöhnlichen Kräften auch nur die Linie des Mittelmäßigen halten.

von Clausewitz: Vom Kriege, I. Buch, 7. Kap.

Auch das Finale des Films verweigert den einen klassischen Show Down, um ihn doch zugleich in mehreren Szenen und Scheiben zu servieren: An einer Wüstenschnellstraße passieren die Marines eine verbrannte Fahrzeugkolonne, umgestürzte, zerstörte, gedrehte Lkws, Busse, Pkws. Dazwischen verkohlte, ekelhaft stinkende Leichen, weiter ab im Kreis als grässliche, brüchige Skulpturen, zu denen sich der Held gesellt, um sich endlich auszukotzen. Zivile Bevölkerung, kooperative Agenten oder soldatische Gegner?

Sodann der Marsch zu den Ölquellen: Die irakischen Soldaten haben sie bereits vor dem Abzug angezündet. Die majestätische Wirkung einer Hölle aus nicht enden wollenden Feuerbällen und Flammensäulen, Rauchschwaden, ein tief grauschwarz verdüsterter Himmel, Niederschlag aus Ruß und Ölregen wie in "Giganten", nur ohne das Symbol des rettenden Erfolges wie bei Jett Rink (James Dean). In diesem Umwelt-Inferno tauchen Phantasmagorien auf: ein einsames Pferd, die klassische gegnerische Leiche, mit der man Puppentheater spielt ("Full Metal Jacket") und das nette Gespräch an der Ölpipeline darüber, dass "ich meinen Job liebe, gerade weil er so beschissen ist" (Jamie Foxx als Vorgesetzter Sykes). Ein Helikopter mit Doors-Musik: "Come on, break though the other side". Nicht mal in diesem Krieg kann man in Ruhe seine eigene Musik hören...

Und schließlich doch, der verheißungsvolle Auftrag: Auf feindlichem Gebiet, am Tower eines verlassenen, halbintakten Flughafens sollen zwei irakische Offiziere per Fernschuss gekillt werden. Allerdings muss auf das Freigabezeichen gewartet werden. Denn alles hat seine Ordnung. Merkwürdigerweise fallen die Funktelefone der unteren Marine-Ränge ständig aus. Als Swoff und Troy (Peter Sarsgaard) eines der beiden Ziele im Visier haben, werden sie durch einen hereinpreschenden Vorgesetzten unterbrochen, der wieder einmal "Luftangriff" ankündigt. Andauernd hat die Air Force die Priorität.

Der alles entscheidende Moment, an diesem Krieg sinnvoll teilzunehmen, verstreicht. Troy bekommt einen Nervenzusammenbruch, er geht auf den Vorgesetzen los, Swoff kann ihn nur mit Mühe zurückhalten. Im Fenster spiegelt sich, wie die Jets vorbeiziehen und den Tower wegbomben. Swoff und Troy bleiben verurteilt, zuzuschauen statt zu schießen. Zum dritten Mal erfolgt die Begrüßung, die keine mehr ist, sondern eine begriffene Selbstverhöhnung: "Willkommen im Dreck."

Mit seiner Taktik der theatralischen Verwirrung und Desorientierung von Klischees und Abweichungen, Handeln und Zögern, Sehen und Fantasieren gelingt es Sam Mendes, dem Kriegsfilm eine gewisse epische Dimension, wenn auch in subjektiver Perspektive, zwischen Sein und Schein, Wahrnehmung und Reflexion, Kommentar und Kritik zurückzugewinnen, ohne die Arbeit an den Bildern und Einstellungen zu vernachlässigen. Und dies ohne gewaltige Action, ohne einen einzigen Schuss seiner Protagonisten im Ernstfall.

Mendes´ Werk fehlt zwar die große moralistische Militanz früherer (Anti-)Kriegsfilme. Seine Kritik arbeitet anders, sie ergibt sich durch die Abarbeitung im Kleinen, im Alltäglichen, in der Addition der Reibungen und Widerstände. Vor allem durch die Schwächung der großen Geste, die offene Vergiftung des Heroischen, die Infektion des Optimismus und die Eintrübung jeglicher Affirmation. Wenn man so will, geht Mendes alle Stationen des Kriegs- und Soldatenfilms durch, aber er sabotiert sie Schritt für Schritt. Und im Umkehrung zu "Wie ich den Krieg gewann" (Richard Lester), müsste der Film eigentlich heißen: "Wie ich den Sieg verlor."

Bei der Schlussparty in der Wüste, die mit einem babylonischen-saddamischen Ersatz-Geballere der G.I.s endet, und beim "Coming Home" in den USA kommt kein echter Jubel auf, die Braut wartet nicht, es bleibt bei Einsamkeit, Ausgeschlossensein, Unverstandensein, Verblendung, dumpfem Trotz, Starrsinn, Verbohrheit, Wut, nicht nur gegen die Bürokraten und die konkurrierenden Streitkräfte. Selbsthass und Ekel werden angefacht durch Entfremdung, Unzufriedenheit, Verstocktheit und Verhärtung.

Eine militärisch hochgezüchtete, nicht weiter entladene Aggressivität schwelt unter dem bunten Schleier des zivilen Lebens fort. Travis Bickle bekommt viele junge Söhne. Ein anderer Spruch lautet: "Krieg ist immer anders, Krieg ist immer gleich." Aber entscheidender ist der, Dank sei ILM und dem großen Walter Murch (dessen Schnitt- und Soundarbeit wir nicht nur in "Apocalypse Now" bewundern konnten) folgendes: der digital bearbeitete Blick aus dem zweigeteilten (Kino-) Fenster - zwischen Krieg und Frieden, zwischen der weiter brodelnden militärischen Abenteuer-Sehnsucht und der ganz normalen Wüste des zivilen Alltags. (Peter V. Brinkemper)

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