Noch mehr Gentech-Reis im Umlauf

Nach dem Verunreinigungsskandal bei US-Langkornreis tauchte in Deutschland, Frankreich und England jetzt auch noch illegaler GV-Reis aus China auf

Bei der Untersuchung von Reis-Produkten aus China wurden Verunreinigungen mit illegalem Gentech-Reis gefunden. Das gaben die Umweltschutzorganisationen Friends of the Earth und Greenpeace unter Berufung auf Laboruntersuchungen bekannt. Getestet wurde in Deutschland, Frankreich und England. Fündig wurde man in allen drei Ländern bei Reisnudeln oder –crackern. Mögliche Allergierisiken sind bislang unklar. Innerhalb weniger Wochen ist das nun der zweite Verunreinigungsskandal, der auch Europa betrifft. Hatte die EU bei US-Importen rasch gehandelt, sieht sie sich jetzt schon wieder unter Zugzwang. Besonders bedenklich: In beiden Fällen geht die offenbar weitreichende Kontamination auf einige wenige Freilandversuche zurück.

Mais, Raps, Soja und Baumwolle. Das sind jene Kultursorten, die bisher auch in Gentech-Varianten kommerzialisiert wurden. Gentech-Mais und –Soja findet überwiegend als Futtermittel in der Intensiv-Viehhaltung Verwendung. Die Lebensmittelindustrie hingegen meidet diese Grundstoffe eher. Und Gentech-Reis spielte in den jährlich veröffentlichten Berichten der Pro-Gentech-Organisation International Service for the Acquisition of Agri-Biotech Applications (ISAAA) bisher überhaupt keine Rolle, zumal bis dato weltweit keine Gentech-Variante kommerzialisiert wurde.

Gen-Ingenieure hatten sich allerdings in den vergangenen Jahren immer wieder an der für Millionen Menschen als Grundnahrungsmittel dienenden Kulturpflanze versucht. Kritiker warnen seit langem vor derartigen Experimenten, zumal sich Gentech-Reis sehr rasch weltweit verbreiten könnte. Ihre Befürchtungen scheinen sich nun zu bestätigen. In Deutschland, Frankreich und Großbritannien ließ Greenpeace 29 chinesische Reisprodukte im Labor analysieren. Fünf der 29 Proben waren mit genmanipuliertem Reis verunreinigt.

In Deutschland handelt es sich um Reisnudeln der Marke ‚Swallow Sailing’, die in Asia Läden erhältlich sind. Sie werden über die niederländische Firma Heuschen & Schrouff importiert. Die Firma vertreibt Reis- Produkte in 25 europäischen Ländern. Bei den in Großbritannien und Frankreich gefundenen Produkten handelt es sich ebenfalls um Reisnudeln oder Reiscracker, die über Asia Läden vertrieben werden.

Greenpeace

Allergierisiko unklar

Bei dem chinesischen Gentech-Reis handelt es sich um einen so genannten Bt-Reis, der resistent gegen gewisse Schädlinge sein soll.

Der illegal in China angebaute Bt-Reis produziert das Bt-Toxin Cry1Ac oder eine Verbindung aus Cry1Ab/Cry1Ac Proteinen. Das Cry1Ac Protein steht im Verdacht, bei Menschen Allergien auslösen zu können.

Greenpeace

Der österreichische Risikoforscher Werner Müller sieht das im Telepolis-Gespräch allerdings differenzierter:

Die offizielle Wissenschaftsmeinung ist, dass Cry1Ac beziehungsweise Cry1Ab nicht allergieauslösend sind. Meines Wissens hat der kubanische Wissenschaftler Vasquez-Padron vor ein paar Jahren aber bei Cry1Ac doch mögliche Allergierisiken festgestellt. Generell sind jedoch die bisher für die Sicherheitsprüfung durchgeführten Tests umstritten und mangelhaft. Es gibt namhafte Mediziner, etwa den Allergieexperten Professor Rudolf Valenta, die das stichhaltig darlegen. Die bisherigen Untersuchungen sind schlichtweg unzureichend.

Besonders brisant ist, dass sich bei den jüngst bekannt gewordenen Kontaminationsfällen - sowohl in den USA als auch in China - Gentech-Reis offensichtlich ausgehend von nur wenigen Versuchsflächen rasch verbreitet hat. In China spielten dabei Wissenschaftler eine unrühmliche Rolle. Dass experimentiert wurde, wusste man, dass aber illegale Felder angelegt worden waren, deckte erst Greenpeace im April 2005 in China auf.

Wissenschaftler der Universität für Landwirtschaft in Wuhan (Provinzhauptstadt von Hubei) bauen den Gen-Reis seit einigen Jahren zu Versuchszwecken an. Das genmanipulierte Saatgut gelangte jedoch auf Initiative der Wissenschaftler auch illegal an Landwirte. So wurden die Gen-Saaten über eine zur Universität gehörende Saatgutfirma zum Verkauf angeboten. Im Aufsichtsrat dieser Firma sitzt ein für den Versuchsanbau verantwortlicher Wissenschaftler.

Greenpeace

Nachdem Greenpeace in China den illegalen Anbau publik gemacht hatte, unternahm die chinesische Regierung Schritte, um die Ausbreitung zu unterbinden. So wurden einige illegale Felder zerstört und die Verantwortlichen für den Verkauf des genmanipulierten Saatguts zur Rechenschaft gezogen. Auch wurden die Kontrollen für wissenschaftliche Versuchsfelder mit genmanipulierten Pflanzen verschärft. Das Problem scheint man aber bis heute nicht in den Griff bekommen zu haben. Denn Greenpeace China fand bei Stichproben sogar Verunreinigungen in Babynahrung. Gerade Säuglinge und natürlich sämtliche Personengruppen mit geschwächtem Immunsystem würden in unverantwortlicher Weise einem bisher nicht abzuschätzendem Risiko ausgesetzt, wettern Gentech-Kritiker.

US-Skandal weitet sich aus

Auch bei dem in den USA aufgetauchten Gentech-Reis LLRice 601 (Kurzer Prozess) von Bayer Cropscience handelt es sich um eine – weder in den USA noch in Europa - zugelassene Sorte aus dem Versuchsanbau. In der EU ist derzeit überhaupt kein gentechnisch veränderter Reis zugelassen. Da Europa aber sehr viel Reis aus den USA und auch China importiert, ist das Problem inzwischen auch zu einem europäischen geworden.

Der Verunreinigungsskandal in den USA zieht indes immer weitere Kreise. Allein in Arkansas wiesen fast alle eilig getesteten Samples Verunreinigungsspuren auf. Richard Bell, Sekretär für Landwirtschaft in Arkansas, sagte:

Almost all the tests are showing up positive. It hasn’t shown up in some of the rough rice. But I’m not aware of any milled rice it hasn’t shown up in. That means the problem may be more than one variety. Or, perhaps, it’s a result of variety mixing in storage…

Das gesamte Ausmaß in den USA ist allerdings noch unklar. Den Sprung über den großen Teich hat der Gentech-Reis aber allemal schon geschafft. Eine Schiffsladung, die kürzlich in Europa eintraf, war ebenfalls positiv getestet worden. Die Importregeln wurden daraufhin verschärft. US-Landwirte befürchten nun erhebliche finanzielle Einbußen, da der Export von Langkornreis empfindlich gestört werden könnte. Außerdem verlangt die EU aus gegebenem Anlass jetzt Zwangstests, was Zusatzkosten verursacht. US-Farmer bereiten derzeit Sammelklagen gegen Bayer vor.

Das US-Landwirtschaftsministerium ist indes bemüht zu beruhigen. Auffällig ist dabei, dass über allfällige Gesundheitsrisiken nicht diskutiert wird. Das neue Protein sei hinlänglich bei anderen gentechnisch manipulierten Pflanzen bekannt, heißt es von offizieller Seite. Der Reis hat aber noch keine umfassende Risikoprüfung durchlaufen. Insofern ist die rasche Reaktion der EU durchaus im Sinne der Verbraucher. Zum Gentech-Reis aus China erklärte die Europäische Union, Europas Reis-Industrie müsse mehr dagegen unternehmen, dass gentechnisch veränderte Stämme in die 25 EU-Mitgliedsländer gelangten. Die Kommission habe den Unternehmen bereits schriftlich mitgeteilt, sie erwarte, "dass alle Reisprodukte mit illegalem Inhalt vom Markt fern gehalten werden", sagte eine Sprecherin. Die EU-Kommission kündigte außerdem an, die chinesischen Behörden um mehr Informationen zu dem Fall bitten.

Für Kritiker sind die jüngsten Fälle ein neuerlicher Beweis dafür, dass Gentechnik in der freien Natur unkontrollierbar ist. Jeremy Tager von Friends of the Earth griff verantwortungslose chinesische Wissenschaftler ebenso wie die Biotech-Industrie an, die eine Verunreinigungsstrategie fahren würden:

Innocent consumers have again become the victims of the GM industry's 'contamination first' strategy. A group of rogue scientists pushing for the approval of GM rice in China leaked the illegal seeds to the market and have created major genetic contamination. Once illegal GM crops are in the food chain, removing them takes enormous effort and cost. It is easier to prevent contamination in the first place, if the biotech industry and the governments involved genuinely want to do so.

Auch der Risikoforscher Werner Müller warnt im Telepolis-Gespräch vor einer Verharmlosung der aufgetauchten Verunreinigungsfälle:

Mich stört, dass von Seiten der US-Behörden aber auch teilweise von EU-Seite mögliche gesundheitliche Risiken klein geredet werden. Fakt ist hingegen, dass man eigentlich nichts dazu sagen kann. Schließlich gibt es keine ausreichenden Tests. Bei den Konsumenten schleicht sich außerdem das Gefühl ein, dass man gegen Gentechnik ohnehin nichts machen kann, mit Verunreinigungen leben müsse und diese vielleicht auch gar nicht so schlimm seien. Dazu tragen Behörden bei, die das Problem verniedlichen. Die Fälle sollte man eher als Warnung begreifen und endlich Stopp sagen. Es zeigt sich, dass Gentech-Pflanzen schwer kontrollierbar sind. Wenn man Verunreinigungen nicht verhindern kann, sollte man eher an einen Ausstieg denken, als den Leuten Kontaminationen quasi als ‚ohnehin nicht so dramatisch’ zu verkaufen.

(Brigitte Zarzer)

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