Nocturama: "Alles kann jederzeit in die Luft gehen"

Bild: © Wild Bunch Distribution

Bertrand Bonellos Film über jugendlichen Attentäter, die aus einer unbestimmten Wut heraus ohnmächtig gegen das System rebellieren

Mitten in Paris explodieren fast zeitgleich mehrere Bomben. Von ihnen getroffen werden symbolträchtige Gebäude und prominente Plätze. Die Stadt ist daraufhin in Aufruhr. Panik entsteht. Und dann beginnt alsbald das übliche Ritual der Krisenbewältigung, wie man es jetzt schon seit Jahren kennt.

Diese aufgeregten Szenen stehen im Mittelpunkt und in der Mitte des Films "Nocturama", den der französische Regisseur Bertrand Bonello inszeniert hat. Und obwohl sich Parallelen zu den realen Ereignissen der letzten Jahre (nicht nur) in Paris verständlicherweise stark aufdrängen, hat der Regisseur das Drehbuch zu diesem oft rätselhaften Film bereits 2010 geschrieben.

Dabei wurde er nach eigener Aussage angetrieben von dem allgemeinen Gefühl, dass jederzeit "alles in die Luft gehen könnte". Ein Gefühl, dass leider viel zu oft inzwischen von der Realität traurig bestätigt worden ist.

Doch wer steckt hinter den im Film gezeigten Anschlägen? Jedenfalls keine herkömmlichen Terroristen oder mörderischen Revoluzzer, sondern eine Gruppe junger Leute verschiedenster sozialer Herkunft, die auf den ersten Blick eigentlich nichts verbindet. Über deren Motive der Zuschauer bis zum Schluss auch nichts erfährt.

Vermutlich, weil sie selbst keine haben, und die einzig aus einer unbestimmten Wut heraus ohnmächtig gegen das System rebellieren. Zu Anfang sieht man sie, wie sie sich allein oder zu zweit scheinbar ziellos durch die Stadt bewegen. Gelegentlich begegnen sie sich, tauschen verschwörerische Blicke aus. Ganz selten fällt dabei mal ein Wort. Und alle wirken merkwürdig angespannt und nervös.

Was diese Gruppe antreibt, wird erst deutlich, als sie nach etwa einer halben Stunde anfangen in und an Gebäuden kleine Pakete Plastiksprengstoff zu deponieren. Wen sie damit genau treffen wollen, bleibt jedoch ungeklärt und ist vermutlich auch völlig beliebig.

Dann nach knapp einer Stunde ist es so weit und es entlädt sich die im Film gut entwickelte Spannung in mehreren Explosionen, die mittels Split Screen gezeigt werden. Was ihre optische Wirkung noch verstärkt. Im Anschluss beginnt dann tatsächlich fast ein neuer, ein anderer Film.

Aus dem durchaus nervenaufreibenden Thriller, der minutiös die Anschlagsvorbereitungen gezeigt hat, wird ein tragisches Jugenddrama, das allerdings auch kurze witzige Momente enthält. Wenn beispielsweise einer zwischendurch mal seine Mutter anruft oder ein anderer konsequent zum Rauchen vor die Tür geht.

Bild: © Wild Bunch Distribution

Die jugendlichen Attentäter verstecken sich nämlich in einem wegen der Anschläge geräumten Luxuskaufhaus mitten in Paris. Dort wollen sie bis zum Morgen ausharren, um danach von der Polizei unerkannt zu ihren Familien und in ihr gewohntes Leben zurückzukehren.

In ihren Gesprächen fallen anfangs zwar noch irgendwie antikapitalistische oder konsumkritische Phrasen, doch stärker als dies erweist sich schnell die Verführungskraft dieses edlen Konsumtempels. Schon bald führen sich diese Rebellen auf, als wären sie im Schlaraffenland. So mächtig ist ihre Freude an den plötzlich frei zur Verfügung stehenden schönen, teuren Waren. Obwohl sie ja eigentlich genau gegen diese Warenwelt mit ihren Bomben ankämpfen. Und dann schlägt am Schluss das von ihnen bekämpfte System zurück.

All das beschreibt dieser mysteriöse Film, ohne das Gezeigte auch nur irgendwie zu bewerten, zu erklären oder einzuordnen. Dennoch wird dabei die Tragik dieser jungen Leute, die wohl für einen großen Teil ihrer Generation stehen sollen, deutlich und spürbar. Selbst ihre gewalttätige Rebellion verpufft ziellos im Leeren, bleibt sinn- und hoffnungslos. Und wird sogar letztlich besiegt von der schönen, verhassten und gleichzeitig so geliebten Warenwelt. (Ernst Corinth)

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