Nord Stream 2: Kooperation bei aller Feindschaft

Nord-Stream-2-Bauelemente auf dem Gelände des deutschen Ostseehafens Mukran (Sassnitz). Foto: © Pedant01 / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

In Sachen Energiepolitik und Wasserstoffstrategien setzt die Bundesregierung auf Zusammenarbeit mit Russland

Die Bundesregierung sieht Russland trotz aller Spannungen weiterhin als Partner - zumindest, wenn es um Energielieferungen geht. Noch einige Jahre werde man auf Erdgas angewiesen sein, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vergangene Woche zum Auftakt der Deutsch-Russischen Rohstoffkonferenz. Russland soll aber auch Partner bei der Versorgung mit Wasserstoff werden.

Hinter dieser Aussage steht mehr als höfliche Rhetorik: Diesen Worten waren längst diplomatische Aktivitäten vorausgegangen. Wie der Tagesspiegel am Freitag berichtete, hatten die Energieministerien beider Länder am 20. April eine Absichtserklärung, ein "Memorandum of Understanding" unterzeichnet. Nach der Bundestagswahl, so Altmaier, sollen aus den Absichten konkrete Vereinbarungen werden.

Geplant sei, die Nutzung neuer Energiequellen zu fördern; geprüft werden solle auch die Möglichkeit gemeinsamer Unternehmensgründungen - und die technische Zusammenarbeit von Organisationen beider Staaten solle erleichtert werden, wenn sie gemeinsame Projekte umsetzen wollen. Dabei geht es vor allem um Wasserstoff und Methan-Wasserstoff-Gemische für den Einsatz in Verkehr und Industrie.

Gasgemisch mit 70 Prozent Wasserstoff

Über die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 könnten die Gase nach Deutschland geliefert werden. Ob sich die Röhre jemals rechnen wird, wenn nur Erdgas transportiert wird, ist ungewiss. Wenn sie voll ausgelastet wird, dann rentiert sie sich nach zehn Jahren. Geht in Europa in diesem Zeitraum der Bedarf an Erdgas zurück, dann droht aus der Röhre eine Investmentruine zu werden. Deshalb erwägt der Gazprom-Konzern ein Gasgemisch durch die Leitung zu schicken, bei dem der Wasserstoffanteil bis zu 70 Prozent ausmachen könnte.

Während Altmaier noch an Russland appelliert, sein enormes Potenzial an erneuerbaren Energien nicht zu vergessen, setzen russische Unternehmen bislang nicht auf die "grüne" Produktion von Wasserstoff - und in Deutschland gibt es gewichtige Stimmen, die bereit sind, das zu akzeptieren. "Grün" wäre der Wasserstoff, wenn er aus Wasser erzeugt würde, das mit Strom aus erneuerbaren Energien gespalten würde. Doch Gazprom setzt bislang auf sogenanntem türkisen Wasserstoff.

Dieser wird durch Wärmespaltung (Pyrolyse) von Methan gewonnen; dem Hauptbestandteil von Erdgas. Statt Kohlendioxids entsteht als Abfallprodukt fester Kohlenstoff. Neben Gazprom will auch der russische Konzern Rosatom Wasserstoff produzieren. Auch der ist nicht "grün"; es wird zwar Wasser gespalten - aber mit Atomstrom.

Warnung vor Destabilisierung

Wenn es nach Veronika Grimm und Kirsten Westphal geht, sollten die Entscheidungsträger in Deutschland darüber hinwegsehen. In einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung warben sie: "Kauft Wasserstoff in Russland". Grimm lehrt Volkswirtschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und ist Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Westphal arbeitet für die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), einer Einrichtung, die eng mit dem Bundeskanzleramt verbunden ist: Dieses finanziert die Stiftung und Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) ist deren stellvertretender Präsident.

Grimm und Westphal hatten schon in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass die heutigen Öl- und Gaslieferanten bei der Transformation des Energiesystems mitgenommen werden müssen. Jetzt wiederholten sie: "Wenn den öl- und gasreichen Staaten die Einnahmen wegbrechen, droht die Destabilisierung dieser Länder".

Neben dem außenpolitischen tragen sie auch einen klimapolitischen Grund vor: Bei einer sinkenden Nachfrage nach fossilen Energieträgern aus Staaten mit ambitionierter Klimapolitik würden die Preise für Kohle, Öl und Gas fallen. Binde man Rohstoffländer wie Russland nicht ein, dann könnte es zum "Green Paradox" kommen: Die fossilen Energieträger würden dann nicht in der Erde bleiben, sondern in Schwellen- und Entwicklungsländern billig für wirtschaftliches Wachstum genutzt. (Bernd Müller)