Nord Stream 2: Zertifizierungsgesellschaft springt ab

Die Akademik Cherskiy und die Artemis Offshore. Foto: Pedant01. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Verlegeschiff Akademik Cherskiy wieder auf dem Weg nach Russland

Den Daten von MarineTraffic nach hat das russische Verlegeschiff Akademik Cherskiy gestern Abend den Sassnitzer Hafen Mukran verlassen und befindet sich auf dem Weg zurück in den russischen Teil des ehemaligen Ostpreußens. Von dort war sie im Oktober zusammen mit den Versorgungsschiffen Finval, Artemis Offshore, Ostap Sheremet und Umka nach Mukran gefahren.

"Zeit zum Aussteigen"

Diese Rückkehr nach Russland steht möglicherweise in einem Zusammenhang mit einer Meldung des Wirtschaftsnachrichtenportals Bloomberg, wonach die Zertifizierungsgesellschaft Det Norske Veritas og Germanischer Lloyd i Hamburg (DNV GL) ihre Tätigkeit für Nord-Stream-2-Schiffe wegen einer "neuen Klarstellung des US-Außenministeriums zum European Energy Security Protection Act (PEESA)" eingestellt hat. "In Übereinstimmung mit diesen neuen Richtlinien", so die norwegische Firma laut Bloomberg, "stellen wir fest, dass die Aktivitäten des DNV GL zur Kontrolle von Schiffen mit Ausrüstungen, die dem Nord Stream-2-Projekt dienen, mit Sanktionen belegt sind" - und man habe "ein robustes Programm zur Einhaltung aller geltenden Vorschriften und Gesetze, einschließlich Sanktionen, eingeführt".

Vorher hatten deutsche Medien unter Berufung auf einen Informanten aus der US-Administration gemeldet, dass Washington "eine Anzahl Unternehmen und Personen identifiziert [und kontaktiert habe], denen nach dem Sanktionsgesetz gegen Nord Stream 2 erste Strafmaßnahmen drohten", wenn die Administration dem Kongress "in den nächsten Tagen oder Wochen" einen Bericht mit Verstößen vorlegt. Mit der "Warnung" gebe man den Unternehmen "Zeit zum Aussteigen".

Wasserstoff

Den außer der russischen Gazprom an Nord Stream 2 beteiligten Firmen riet die nicht namentlich genannte Quelle, "Klauseln über höhere Gewalt anzuwenden, um ihre Beteiligung an Nord Stream 2 rückgängig zu machen", anstatt mehr Geld in das Vorhaben zu stecken. Bei diesen Unternehmen handelt es sich um die Österreichische Mineralölverwaltung (OMV), die aus der GDF Suez hervorgegangene französische Engie, den niederländisch-britischen Ölkonzern Shell, die Eon-Abspaltung Uniper und die mit der BASF-Tochter Wintershall fusionierte Dea.

Deren Russlanddirektor Torsten Murin hat beim Branchenforum der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) in Moskau angeregt, die seinen Worten nach "seit Jahrzehnten insbesondere bei Gas und Öl erfolgreiche Energiepartnerschaft zwischen Deutschland und Russland […] mit Wasserstoff als nachhaltigem Energieträger […] fort[zu]schreiben". Dem russischen Wasserstoff-Roadmap-Mitautor Jurij Dobrowolskij zufolge ließe sich dazu auch die Gaspipeline Nord Stream 2 nutzen. In sie könnte Wasserstoff eingespeist werden, der sich mit Strom aus den (inzwischen auch mit Atommüll laufenden) russischen Kernkraftwerken günstig herstellen lässt. Dessen "CO2-Bilanz" bewertet die EU-Kommission als "günstig", wie der Rosatom-Auslandsdirektor Jewgenij Pakermanow betonte. Für eine wasserstoffbegründete Politikänderung in Sachen Nord-Stream-2-Sanktionen wäre allerdings nicht sie zuständig, sondern die US-Staatsführung.

Auch die Deutsche Bank soll keine Geschäfte mehr in Russland machen

Deren New Yorker Finanzaufsichtsexperten von der Kanzlei Jenner & Block haben dem Wall Street Journal zufolge inzwischen auch der Deutschen Bank geraten, keine Geschäfte mehr in Russland zu machen. Andernfalls könne es erneut zu hohen Bußgeldern wegen Geldwäschevorwürfen kommen. Diese Bußgelder trugen in nicht ganz zu vernachlässigendem Umfang zu den gigantischen Verlusten bei, die das Geldinstitut in den letzten fünf Jahren einfuhr. Der bekannte deutsche Wirtschaftsbuchautor Marc Friedrich glaubt deshalb, dass das Unternehmen, das im Mai den Ex-Politiker Sigmar Gabriel in den Aufsichtsrat berief, über kurz oder lang einen größeren Bedarf an Steuergeld verursachen könnte.

Die Deutsche-Bank-Strategen aus dem Research-Bereich scheinen da bereits vorzubauen, wenn sie vorschlagen, die Arbeit im Home Office nach der Corona-Pandemie mit einer "Abgabe in Höhe von fünf Prozent" zu belegen, die ihrer Rechnung nach jährlich 16 Milliarden Euro in die Kasse des deutschen Finanzministers spülen würde. Offiziell heißt es dazu, mit dem Geld könnten "Niedrigverdiener" und "unverzichtbare Arbeitsplätze" subventioniert werden. (Peter Mühlbauer)