Nordirak: Christen und Eziden fordern autonome Provinzen

Karte der Ninive-Ebene in der Provinz Ninawa. Bild: Chaldean/CC BY-SA 3.0

Der US-Kongress, Barzani und CIA-Chef Brennan signalisieren Unterstützung

Mit gemischten Gefühlen warten die Christen im Irak auf die Befreiung Mosuls und der Ninive-Ebene. Merkels "Politik der offenen Türen" stehen sie skeptisch gegenüber. Die Befürchtungen sind groß, dass mit der Abwanderung der Christen nach Europa das Werk des IS vollendet werden könnte: die Vertreibung der Christen aus ihrem Ursprungsgebiet. In den ezidischen (jesidischen) Flüchtlingslagern im Nordirak breitet sich Hoffnungslosigkeit aus.

Indessen hofft aber die politische und militärische Führung der Eziden auf eine Rückkehr der Bevölkerung in eine autonome Provinz im Shengal. Auch bei den Christen werden Forderungen nach einer autonomen Provinz "Ninive" laut.

Die Ninive-Ebene gilt als Heimat der christlichen Assyrer, die unterschiedlichen christlichen Kirchen angehören, wie z.B. der chaldäisch-katholischen, der syrisch-orthodoxen Kirche oder der Kirche des Ostens. In diesem Gebiet leben neben den Assyrern auch andere Minderheiten wie z.B. die Eziden, die Shabak und Turkmenen. Unter den Turkmenen wiederum gibt es Schiiten und Sunniten, aber auch Katholiken.

Als der IS im Juni 2014 Mosul eroberte und im August 2014 die größte christliche Stadt Karakosh überrannte, flohen hunderttausende der Bewohner in die kurdische Autonomieregion (KRG) und nach Nordsyrien/Rojava. Besonders schlimm traf es die Eziden im angrenzenden Shengal-Gebirge. Für den IS gelten sie als Ungläubige und Gottesanbeter, die es zu vernichten galt. Tausende wurden ermordet; die inzwischen entdeckten Massengräber geben Zeugnis darüber ab.

Tausende Frauen und Kinder wurden verschleppt, vergewaltigt und auf Sklavenmärkten verkauft. Die Peschmerga der Barzani-Fraktion hatten zwei Wochen vor dem IS-Überfall die Eziden entwaffnet. Sie waren dann vor dem IS geflohen und hatten die Eziden ihrem Schicksal überlassen. (Streit um Shengal).

Die Volks- und Frauenverteidigungseinheiten der Rojava/nordsyrischen YPG/YPJ und die PKK-Einheiten HPG (Volksverteidigungskräfte) konnten dann einen Korridor von den Shengal-Bergen nach Rojava freikämpfen und zehntausende dehydrierte Eziden evakuieren. Viele Eziden fanden in den Flüchtlingscamps in der Stadt Derik in Rojava Zuflucht und wurden von der dortigen Bevölkerung - trotz Embargos von der Türkei und der nordirakischen Autonomieregion - versorgt.

Diese Erfahrung ließ die Eziden eigene Selbstverteidigungseinheiten organisieren, die nicht mit Barzanis KDP, sondern mit der Führung der YPG (Selbstverteidigungseinheiten der Männer) und YPJ (Selbstverteidigungseinheiten der Frauen) aus Rojava kooperierten sowie mit der HPG, den Guerilla-Einheiten der PKK im Irak. Zu diesen Gruppen hatten sie offensichtlich mehr Vertrauen (Bundeswehr bildet im Irak ezidisches Peschmerga-Bataillon aus).

Kurdische YPG-Kämpfer. Bild: Kurdishstruggle/CC BY 2.0

Allerdings gibt es auch Eziden und Ezidinnen, die sich den Peschmerga anschlossen, weil sie sich mit der Autonomieregion identifizierten. In den deutschen Medien wird hauptsächlich über den Kampf der Peschmerga gegen den IS berichtet, da die Bundesregierung die Barzani-Regierung mit Waffen und Logistik unterstützt. Die Haltung der Bundesregierung, Barzani-Kurden = gute Kurden und YPG/YPJ oder HPG-Kurden = schlechte Kurden, unterstützt damit die drohende Spaltung der Eziden in zwei politische Lager, denn auch sie sind Kurden (Bundeswehr bildet im Irak ezidisches Peschmerga-Bataillon aus).

Nach den Vertreibungen der Christen und dem Genozid an den Eziden wurden schon vor gut zwei Jahren Stimmen nach einer Schutzzone laut. So forderte der der Vorstand des Zentralverbandes der Assyrischen Vereinigungen in Deutschland und europäische Sektionen e.V. (ZAVD) im August 2 eine UN-Schutzzone.

Sehr schnell ging aber die Diskussion vor Ort in Richtung einer autonomen Provinz anstelle einer UN-Schutzzone. Die Diskussion um eine autonome Provinz - für die Ninive-Ebene wie auch für die Shengal-Region - birgt politischen Sprengstoff in sich. Denn die Frage ist, unter welchem Dach diese Region politisch angesiedelt sein soll. Ist sie ein Teil des Iraks und untersteht Bagdad oder ist sie ein Teil der KRG und untersteht Barzani?

Der amtierende Präsident hatte im Juli dieses Jahres eine Volksbefragung über die künftige Unabhängigkeit der Autonomen Region Kurdistan angekündigt. In diesem Zusammenhang wurde mit christlichen Parteien und Organisationen diskutiert, ob die Ninive-Ebene zu einer "autonomen Provinz mit christlicher Mehrheit" werden soll.

Diese solle, so das Kalkül von Masoud Barzani, "im Rahmen einer unabhängigen kurdischen Regierung entstehen und nicht von der Zentralregierung in Bagdad abhängen". Die Vertreter christlicher Parteien hätten das Recht, über die eigene Zukunft mitzubestimmen und aktiv an politischen Prozessen teilzunehmen, die die Region betreffen, so Barzani. Die Soldaten der Minderheiten sollten sich den Peshmerga anschließen und sich an der Befreiung Mosuls vom IS beteiligen.

Anfang September wurde im US-Kongress eine Resolution eingereicht, die ausdrücklich eine halbautonome Region im Irak verlangt.

Der Kongress ist der Meinung, dass die Vereinigten Staaten und die internationale Gemeinschaft die Republik Irak darin unterstützen soll, eine Provinz in der Ninive-Ebene zu schaffen, in der sich die Menschen, die von dort stammen, mit allen Rechten selbst verwalten können.

US-Kongress

Der Kongress-Resolution ging eine Konferenz des christlichen Hilfswerks ‚In Defense of Christians (IDC)‘ voraus, ebenfalls Anfang September in Washington. Die Teilnehmer regten die Schaffung einer ‚Schutzzone‘ für religiöse Minderheiten in der Ninive-Ebene an. Dies solle in Abstimmung mit den örtlichen Behörden und in Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung und mit den politischen Verantwortlichen der Autonomen Region Kurdistan erfolgen.

Aber gerade das ist im Moment das Problem. Die irakische Regierung favorisiert eine autonome Provinz unter ihrer Regie und Barzani möchte die Ninive-Ebene und den Shengal in der Autonomieregion haben. Auch die Initiativen und Projekte der verschiedenen religiösen und ethnischen Minderheiten sind sich in dieser Frage uneinig.

Der Baptist Robert Nicholson, Direktor des Philos Projektes in den USA, gibt einer autonomen Region der Ninive-Ebene unter Regie der irakischen Regierung die größten Chancen. Denn, so Nicholson, die Ninive-Ebene gehöre historisch nicht zum Siedlungsgebiet der Kurden. Die Christen würden niemandem mehr trauen, auch den Kurden nicht. Die meisten vertriebenen Christen wollten ein Teil des Iraks bleiben und die irakische Verfassung würde eine halb-autonome Provinz ermöglichen.

John Brennan, Chef des US-Auslandsgeheimdienstes CIA, ist skeptisch, ob sich im Irak wie auch in Syrien noch einmal stabile Zentralregierungen etablieren können. Er könne sich aber vorstellen, dass sich in diesen Ländern autonome Regionen etablieren, wie bereits in den syrischen und irakischen Kurdengebieten geschehen, erklärte Brennan.

Diese Bemerkung von Brennan ist wichtig, denn sie geht in Richtung der Thesen der "demokratischen Föderation Nordsyrien-Rojava" und der Demokratischen Partei der Völker in der Türkei, HDP, die beide der Meinung sind, dass föderale Systeme in der Türkei, Syrien und im Irak der einzige Weg seien, um den Mittleren Osten zu befrieden. Zentralregierungen würden nur immer wieder neue Despoten hervorbringen, wie man aktuell am Beispiel des türkischen Präsidenten Erdogan sehen kann.

Mitte August gelang es den Peschmerga, ein Dutzend verlassene Dörfer 30 Kilometer südöstlich von Mosul einzunehmen. Geht es nach den Plänen der USA soll die Rückeroberung von Mosul noch in diesem Jahr erfolgen. US-Vizeaußenminister Antony Blinken, der Mitte September in Bagdad weilte, versprach 181 Millionen Dollar an humanitären Hilfen für das Land.

Die irakischen Christen befürworten die Mosul-Offensive, sie sind aber auch besorgt, da sie weitere Zerstörungen und eine neue Fluchtwelle befürchten. Der chaldäische Bischof Amel Shamon Nona, bis zum Eroberungszug des IS Erzbischof von Mosul, ist skeptisch, ob die Christen nach der Rückeroberung von Mosul wieder in die Stadt zurückkehren können:

Unsere Gemeinschaft ist wirklich sehr besorgt angesichts der bevorstehenden Befreiung der Ebene von Niniveh. Zu welchem Preis wird diese Stadt befreit werden? Wird es einen Kampf geben, einen Krieg in der Stadt oder in der Niniveh-Ebene, wie es bereits in anderen irakischen Städten geschehen ist? Dann wird das ein Desaster sein, denn die anderen Städte - wie wir gesehen haben - sind alle komplett zerstört worden. Es ist logisch, dass, wenn es einen Kampf in der Stadt gibt, alles zerstört wird. Unsere Gemeinschaft ist sehr besorgt darüber; wir hoffen, dass die Befreiung ohne Krieg von statten gehen kann.

Amel Shamon Nona, früherer Erzbischof von Mosul

Romeo Hakari, Generalsekretär der christlichen irakischen Partei, Demokratische Partei Bet-Nahrain, hofft, dass die Christen im Land bleiben und nicht nach Europa migrieren. 2003 lebten noch mehr als eine Million Christen im Irak. Jetzt, so schätzt Archimandrit Emanuel Youkhana, Erzdiakon der Assyrischen Kirche mit Sitz in Dohuk, seien es noch 250.000. Auch er kritisiert Merkels "Politik der offenen Tür":

Wenn wir hier unsere Wurzeln verlieren und wenn die Türen offen sind, dann vollenden wir die noch unvollendete Mission des IS, den Nahen Osten von seinen Christen zu säubern… Und die 2000 Jahre alte Existenz der Christen hier kommt dann zu einem Ende…

Emanuel Youkhana, Erzdiakon der Assyrischen Kirche

Es dürfe nicht sein, so Youkhana, dass das Christentum ausgerechnet im Irak, im biblischen Mesopotamien, bald nur noch im Museum zu besichtigen ist. Erzdiakon Youkhana leitet die Hilfsorganisation CAPNI. Sie ist im Nordirak in verschiedenen Bereichen tätig und wird von der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland unterstützt

Das Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche von Antiochien, Patriarch Youhanna X. Yazigi, appellierte an die Großmächte:

Die Großmächte sollen Syrien und Irak aus den Fängen des Terrorismus befreien, den zügellosen Waffenhandel stoppen und ihre Kriegsschiffe in die Heimathäfen zurückrufen…

Patriarch Youhanna X. Yazigi

Aber niemand würde dem Hilfeschrei der Christen des Orients derzeit Beachtung schenken, so der Patriarch Harsch kritisierte er diejenigen Politiker, die nur "den wirtschaftlichen und strategischen Interessen Vorrang geben, die ihrer inhumanen Politik dienen".

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