Nordsyrien: Al-Bab - türkische Mission gescheitert

IS-Angriff auf einen türkischen Panzer bei Al-Bab. Screenshot/ IS-Propaganda-Video

Der Türkei bleibt nur noch der Versuch, den Einfluss der syrischen Kurden im Norden Syriens einzudämmen und ein Quasi-Protektorat zu schaffen

Der Einmarsch der türkischen Truppen in Al-Bab ist vorerst gescheitert. Anders als in Jarabulus an der türkischen Grenze will der IS die strategisch wichtige Stadt niemandem kampflos überlassen. Die SDF und die türkischen Truppen versuchen aus verschiedenen Richtungen die Stadt zu erobern.

Dabei eröffnet die Türkei immer wieder Nebenkriegsschauplätze gegen die Armee der "demokratischen Föderation Nordsyrien", um die SDF zu schwächen. So griffen türkische Militärs an den Weihnachtstagen zivile Wohnhäuser im Umland von Kobanê an.

In Jarablus wehrt sich die Bevölkerung gegen die Besetzung der Stadt durch türkische Soldaten und ihre islamistischen Söldnertruppen. Ende Dezember gab es Demonstrationen in der Stadt. Die Bevölkerung fordert die Aufhebung der Belagerung und Übergabe der Geschäfte an die zivilen Komitees und lokalen Strukturen. Bislang weigerte sich die Türkei, dem nachzukommen.

Im Kampf um Al-Bab hat die Türkei schwere Verluste zu verzeichnen. Zwei Soldaten wurden vom IS bei lebendigem Leibe verbrannt, 14 türkische Soldaten wurden bei Kämpfen getötet.

Die Moral der türkischen Truppen (TAF/TSK) ist am Boden. Nach den Verlusten in Al-Bab haben viele Soldaten ihren Dienst quittiert, auch Soldaten der Spezialeinheit Bordo Bereliler. Dies berichtet Ahmet Takan, Korrespondent in Ankara für die türkische Tageszeitung Yeniçağ.

Dabei handelt es sich Takan zufolge um gut trainierte Eliteeinheiten, die auch in den kurdischen Städten Diyarbakir-Sur (kurd.: Amed-Sur), Silopi (kurd.: Silopiya), Cizre (kurd.: Cizîr) und Şırnak (kurd.: Şirnex) grausame Operationen durchführten. Man denke nur an die 90 Zivilisten, die in Cizre in den vom türkischen Militär in Brand gesetzten Kellern am lebendigen Leib verbrannten.

Der Korrespondent berichtete weiter, dass der IS im Besitz großer Mengen in der Türkei hergestellter Waffen sei. Ein türkischer Offizier berichtete, dass der IS neben unterirdischen Bunkern und Lagern auch über verschiedenste Waffen aus der Produktion in den USA und Russland verfüge - ausgenommen Flugabwehrwaffen.

Auch die mit den türkischen Truppen assoziierten Einheiten der Freien Syrischen Armee (FSA) sind demoralisiert und untereinander zerstritten. Es kam sogar zu Kämpfen untereinander in der Stadt Azaz, bei denen Dutzende Kämpfer der verschiedenen FSA-Einheiten getötet wurden. Nach ihrer Niederlage in Aleppo fühlen sich die verschiedenen Fraktionen der FSA von der Türkei verraten.

Diejenigen FSA-Einheiten, die in Aleppo gekämpft haben, werfen, den türkischen FSA-Einheiten vor, sie für "100 Dollar verkauft zu haben".

In der Tat drängt sich der Eindruck auf, die Türkei habe Aleppo verkauft, um dafür das für sie wichtigere Al-Bab zu bekommen. Die Entwicklungen und in den Medien verbreiteten Einschätzungen ändern sich momentan so rasant, dass es kaum möglich ist, eine fundierte Analyse zu liefern.

Aber eines ist deutlich geworden: In Aleppo haben die von der Türkei unterstützten islamistischen Gruppen wie die Al-Nusra Front und Teile der FSA die entscheidende Schlacht gegen das syrische Regime und Russland verloren. Und das Hauptziel der Türkei, Assad zu stürzen, ist vom Tisch.

Der Türkei bleibt nur noch der Versuch, den Einfluss der syrischen Kurden im Norden Syriens einzudämmen und ein Quasi-Protektorat zu schaffen, in dem sich Turkmenen, Tschetschenen und arabische Clans auf kurdischem Territorium niederlassen. Die Ausrichtung der USA unter Präsident Donald Trump in der Syrienpolitik ist noch sehr nebulös.

Es kann bezweifelt werden, dass die neuen Mitarbeiter einen differenzierten Überblick über die Gemengelage in Syrien haben. Trump selbst ist nur an plakativen, öffentlichkeitswirksamen Botschaften interessiert, Details sind unwichtig. Die Übergangszeit des Machtwechsels in den USA wirkt sich in der Syrienpolitik direkt durch Untätigkeit und widersprüchliche Stellungnahmen aus.

Unklar ist auch die weitere Politik der syrischen Regierung in Bezug auf Nordsyrien. Der syrische Präsident Baschar al Assad hat schon angekündigt, dass die "demokratische Föderation Nordsyrien - Rojava" nur eine Übergangslösung sein kann. Die Kurden hätten die Abwesenheit des Staates ausgenutzt, um eigene Strukturen aufzubauen. Die syrische Verfassung erlaube aber kein föderales System.

Der Berater von Ministerpräsident Assad, Abdulkadir Aziz, erklärte in einem Interview mit der kurdischen irakischen Nachrichtenagentur Rudaw, dass die Regierung zwar die Kurden im Kampf gegen den IS "unterstützen" würden, aber die Einführung von Kantonen bedürfe einer Volksabstimmung.

Salih Muslim, Co-Vorsitzender der Partei der Demokratischen Union (PYD) hielt dagegen, dass die kurdischen Parteien Syrien nicht teilen wollen und kein Interesse daran hätten, gegen Damaskus zu kämpfen. Er widersprach der Einschätzung, dass Rojava ein abgespaltener Teil von Syrien sei:

Rojava ist Teil der syrischen Revolution, ein Teil eines demokratischen föderalen Syriens. … Wir haben ein Projekt für Alle in Syrien - ein demokratisches, föderales und dezentralisiertes Syrien. Wir sind bereit, dies mit allen zu diskutieren, den Alawiten, Drusen, Sunniten und allen anderen. Dies ist das Syrien, das wir anstreben.

Salih Muslim, PYD

Salih Muslim befürchtet, dass Syrien zerbricht, sollte Assad am alten System festhalten. Dies könne nur durch den Aufbau eines "dezentralisierten, demokratischen und säkularen Systems" umgekehrt werden, erklärte der Co-Vorsitzende der PYD.

Nun hat sich kurz vor Weihnachten Russland als Vermittler angeboten und Gespräche auf der russischen Militärbasis Hmeimim mit beiden Parteien geführt. 24 kurdische Parteien wurden dazu eingeladen, neben den Parteien aus Rojava sagten auch andere ihre Beteiligung zu. Das der irakischen Regierung Barzanis nahestehende Bündnis ENKS, das sich als "Kurdischer Nationalrat" versteht, sagte seine Beteiligung ab.

Murat Karayilan, Exekutivratsmitglied des Kurdischen Nationalkongresses (KCK), räumt Assad eine große Chance ein, einen Demokratisierungsprozess auf den Weg zu bringen. Er könnte den Weg einer Föderation oder einer anderen Administrationsform mit lokalen Selbstverwaltungen einschlagen, um so ein demokratisches System im Land zu etablieren.

Assad sollte mit allen Gruppen, außer Al-Nusra und dem IS, in Dialog gehen, um eine demokratische Lösung für den Vielvölkerstaat Syrien zu finden. Damit wären viele Probleme im Land gelöst, sagte Karayilan.

Ob aber die alten Machteliten des Vaters von Baschar al Assad da mitgehen, steht in den Sternen. Denn diese regieren im Hintergrund mit und bremsen Assad in seinen Reformbemühungen.

Über Russlands Rolle zwischen Assad, Iran, der Hisbollah und der Türkei kann gegenwärtig nur spekuliert werden. Hat sich Russland mit der Türkei darüber geeinigt, dass die Kantone Afrin und Kobanê von der "demokratischen Föderation Nordsyrien - Rojava" nicht miteinander verbunden werden dürfen und unterstützen sie deshalb die Türkei rund um Al-Bab?

Bestand der Deal der Türkei darin, die islamistischen Einheiten in Aleppo fallenzulassen, um sich mit russischer Unterstützung auf Al-Bab zu konzentrieren? Das dürfte in der Türkei bei den Islamisten für Unmut gesorgt haben, denn sie setzten doch auf die Allmachtspläne der Türkei, das Einflussgebiet in Nordsyrien bis nach Aleppo, und im Nordirak bis nach Kirkuk auszuweiten.

In den letzten Monaten haben sich türkische Truppen und der IS und andere islamistische Gruppen dabei abgewechselt, den westlichsten Kanton Afrin der "demokratischen Föderation Nordsyrien - Rojava" anzugreifen. In diesen Kanton und in die darum herum befreiten Gebiete flohen viele kurdische und arabische Familien seit der Befreiung Aleppos.

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