Nordsyrien/Rojava: IS-Anschlag in Qamishlo

Im Kampf gegen den IS bezahlt die Bevölkerung Rojavas einen hohen Blutzoll

Am Morgen des 27. Juli sind bei einem Terroranschlag des Islamischen Staates (IS) in der Hauptstadt Qamishlo (arabisch: Al-Qamishli) mindestens 55 Menschen ums Leben gekommen und mehr als 165 weitere Personen verletzt worden. Der Anschlag mit einem Sprengstoff beladenen Lastwagen und einem Motorrad ereignete sich in einem belebten Viertel im Westteil der Stadt. Zwei Bomben seien nahe eines Zentrums der kurdischen Polizei und eines Justizgebäudes explodiert, berichtet die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Die Wucht der beiden Detonationen zerstörte mehrere Häuser. Viele der Opfer starben unter dem Schutt der zerstörten Häuser und Gebäude, wie die kurdischen Nachrichten melden. Viele Menschen seien nach den zwei Explosionen noch unter Trümmern begraben, sagte der Direktor des Nationalen Krankenhauses in Qamishlo, Omar al-Akub. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, Blut zu spenden. Vor dem Hintergrund des umfassenden Embargos durch die Türkei und die kurdische Autonomieregion im Nordirak ist dieser Anschlag auch eine humanitäre Katastrophe.

Screenshot, Youtube

Denn es fehlt an Medikamenten zur Versorgung der Verletzten. Es fehlt an Krankenwagen und medizinischer Gerätschaft. Es fehlt an Lebensmitteln. Ein Wiesbadener Arzt und Psychotherapeut versucht derzeit, zusammen mit dem kurdischen Roten Halbmond ein Rettungssystem aufzubauen. Auch er beklagt den Mangel an medizinischer Ausstattung und kritisiert das Embargo.

Viele Unterstützergruppen und NGO’s fordern daher seit langem einen humanitären Korridor. Auch um die vielen Flüchtlinge aus dem irakischen Shengal und aus den anderen Teilen Syriens versorgen zu können.

Die gesamte Region Rojava an der türkischen Grenze ist seit langem ein Angriffsziel des IS. Schon Ende Dezember 2015 kamen mindestens 16 Menschen durch einen Anschlag in Qamishlo ums Leben. In einem christlichen Stadtviertel waren in drei Restaurants Bomben explodiert. Zu den Angriffen hatte sich auch damals der IS bekannt. Das basisdemokratische Gesellschaftsmodell der "Demokratischen Föderation Nordsyriens - Rojava" stellt das Gegenmodell zum Terror-Regime des Islamischen Staates (IS) dar und ist (nicht nur) dem IS ein Dorn im Auge (Das Modell Rojava).

Im Rahmen des demokratischen und pluralistischen Gesellschaftskonzeptes in Rojava sind alle Volksgruppen sowie Glaubens- und Religionsgemeinschaften gleichberechtigt. Es wird außerdem versucht, ein neues Frauenbild zu etablieren und die alten patriarchalen Strukturen aufzubrechen. Frauen sind deswegen in allen Bereichen der Gesellschaft gleichberechtigt. Sie verfügen über eigene Frauenräte und eigene militärische Einheiten (YPJ) mit eigener Kommandantur (Kurden erklären Gleichberechtigung der Frauen). Die Operation, die Richtung Rakka vordringt, wird z.B. von einer kurdischen Kommandantin geleitet.

Solch ein Gesellschaftskonzept passt nicht in die menschenverachtende Gedankenwelt des IS und anderer dschihadistischer Gruppierungen in Syrien. Weil die Verteidigungseinheiten Rojavas kontinuierlich Gebiete im Norden Syriens von der Terrororganisation befreien, versuchen die Terroreinheiten des IS zunehmend mit Selbstmordattentaten in den Kantonen Rojavas, Cizire, Kobane und Afrin zu agieren.

Mit der Unterstützung der Anti-IS-Koalition haben die Volksverteidigungseinheiten Stück für Stück weitere Gebiete im Norden Syriens vom IS befreit. Derzeit setzen die Demokratischen Kräfte Syriens SDF - ein multiethnischer und multikonfessioneller militärischer Zusammenschluss dem auch die kurdischen Verteidigungseinheiten angehören - den IS in der Stadt Manbij und im Norden Rakkas unter starken Druck.

Die kurdische Nachrichtenagentur ANF berichtet am 26.7., dass immer mehr Einwohner aus Manbij befreit werden können. So konnten bei der Befreiung des Stadtteils El-Keclî mehr als 60 Zivilisten, überwiegend Frauen und Kinder, gerettet werden, die bei glühender Hitze seit über 4 Tagen ohne Wasser und Nahrung in einem Gebäude ausharrten. Weitere 200 Familien wurden aus den Vierteln Al-Neyîm, Al-Keclî und Al-Beta befreit und umgehend evakuiert.

Das Vordringen der SDF in das Stadtzentrum sei äußerst schwierig, da sich im Gebiet des IS weiterhin viele hunderte Zivilisten befinden. Überall haben die IS-Einheiten Sprengfallen hinterlassen. Die Einwohner suchten Schutz in den Kellerräumen der Gebäude. Um die Menschen nicht zu gefährden, würden die Einheiten des Manbijer Militärrats äußerst behutsam und vorsichtig vorgehen. Unterdessen versuchen IS-Kämpfer laut Sputnik-News in Frauenkleidern zu fliehen.

Wie ein britischer SDF-Kämpfer berichtete, verschanzen sich IS-Kämpfer in Manbij und nehmen die Bevölkerung in Geiselhaft. Die kurdisch geführten und von den USA unterstützten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) hatten den Dschihadisten einige Tage zuvor die Möglichkeit gegeben, sich innerhalb von 48 Stunden aus der Stadt Manbij zurückzuziehen. Der Terrormiliz IS hat das Ultimatum jedoch verstreichen lassen.

Unterdessen fielen den vordringenden Truppen Ende Juli 4 Terabyte Daten des IS in die Hände. Es handele sich um USB-Sticks und Laptops sowie um Notizbücher, Hefte und weitere Materialien. Dies teilte der Sprecher der Anti-IS Koalition, Chris Garver, in einem Briefing am 27.7.16 mit. Daraus ging hervor, dass der IS an der Grenze zur Türkei, nördlich von Manbij drei Zentren etabliert hatte, von wo aus viele ausländische Kämpfer nach Syrien fließen.

Die Türkei spielt seit der Gründung der autonomen Kantone von Rojava eine unrühmliche Rolle. Sie unterstützt den IS und andere islamistische Gruppen mit Waffen und Logistik. Der kurdische Dachverband NAV-DEM (Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Deutschland e. V) führt in der Erklärung zum Anschlag in Qamishlo aus, die jüngsten Anschläge und Angriffe des IS in Deutschland und Frankreich würden nochmals deutlich machen, "dass der Kampf gegen diese Organisation auch international geführt werden muss. Die EU und die Bundesregierung müssen größeren Druck auf die Staaten ausüben, die weiterhin den Terror dieser Organisation offen oder verdeckt unterstützen. Hierzu gehört auch und vor allem die Türkei, wo Mitglieder des IS weiterhin unbehelligt agieren können".

Die Türkei will mit allen Mitteln verhindern, dass die Kantone Rojavas entlang der türkischen Grenze miteinander verbunden werden. Zwischen den Kantonen Afrin und Kobane liegen nur noch ca. 50 Kilometer. Manbij ist auch für den IS strategisch wichtig, weil über die Stadt eine wichtige Nachschubroute aus der Türkei verlief. Dem Zentralkommando der USA zufolge sei inzwischen ein "bedeutender Teil" der Stadt unter kurdischer Kontrolle, darunter auch das Hauptquartier des IS.

Würden die SDF-Einheiten es schaffen, von Manbij aus Richtung Norden vorzudringen und den Grenzort Dscharabulus erobern, hätte die Türkei keine Möglichkeit mehr, Dschihadisten nach Syrien einzuschleusen. Erst kürzlich ließ die Türkei 1.000 Islamisten die Grenze nach Dscharabulus überqueren. Noch immer würden wöchentlich 100 Islamisten über die Grenze nach Nordsyrien eingeschleust, berichtete der Figaro nach Geheimdienstquellen.

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