Nordsyrien: Türkei und Islamisten zielen auf Vertreibung der Bevölkerung

Screenshot Video/SDF

Schwere Gefechte bei Tell Tamer, Plünderungen, Brandstiftungen, Absperren von Trinkwasseranlagen und Entführungen. Kriegsberichterstatter sehen Zeichen einer "ethnischen Säuberung"

Von einer Waffenruhe in Nordostsyrien könne nicht die Rede sein, es würden Zivilisten getötet und in die Flucht getrieben, berichtet die Redakteurin der amerikanischen Publikation The Defense Post, die sich zuletzt in der Region aufgehalten hat.

30 Kilometer von der syrisch-türkischen Grenze entfernt liegt die Stadt Tell Tamer (auch: Tel Tamr). Von dort werden schon seit einiger Zeit Gefechte zwischen den SDF, der syrischen Armee und den mit der türkischen Armee verbundenen islamistischen Milizen gemeldet. Dort eskalieren die Kämpfe, wie das deutsch-sprachige Blog Flutterbareer aktuell berichtet:

(…) inzwischen ist die Türkei sogar selber an der Front aktiv. Die mehrheitlich christliche Bevölkerung flieht vor den heranrückenden Islamisten in der Angst, wie bereits in Afrin oder Tel Abyad für ihren Glauben brutal unterdrückt und beraubt zu werden. Beide Seiten vermelden den Tod von Dutzenden Kämpfern, die syrische Armee selber bestätigt die Ermordung von fünf Soldaten in Folge von schweren Gefechten nordwestlich der Stadt.

Philipp Klaus

Auch der Reporter der syrische Nachrichtenagentur Sana erwähnt, dass bei heftigen Gefechten zwischen den "türkischen Besatzungskräften" und SDF-Gruppen in der nördlichen Umgebung von Tell Tamer mittlere und schwere Waffen eingesetzt werden (das türkische Militär soll sich in den letzten Tagen in dem Gebiet verstärkt haben).

Plündern und zerstören

Er wirft den "terroristischen Gruppen" unter dem türkischen Kommando vor, dass sie das Eigentum der Bewohner der umliegenden Dörfer und der Städte Tell Tamer sowie Ras al-Ain (kurdisch: Serekaniye) "plündern und zerstören", dass sie Häuser stürmen und Straßensperren errichten, "wo sie junge Männer verschleppen".

In den vergangenen Wochen haben die türkischen Besatzungskräfte und ihre Söldner Generatoren, landwirtschaftliche Geräte, Viehbestand, Treibstoff und Möbel gestohlen und dazu Dutzende junger Männer in Rais al-Ain und Tell Tamer gekidnappt.

Sana

Darüber hinaus kurieren in sozialen Medien Fotos von Getreidespeichern in der Umgebung von Tell Tamer, bei denen Feuer gelegt wurde. Vermutlich nicht von den Menschen, die auf die Getreidevorräte angewiesen sind.

Der bekannte "Veteran" unter den Kriegsreportern, Patrick Cockburn, berichtet für den Independent davon, dass eine Trinkwasseranlage in der Nähe von Ras al-Ain (Sere Kaniye), die etwa 400.000 Menschen versorge, "meist Kurden", zurzeit der türkischen Invasion zerstört wurde und nun unter Kontrolle der "türkischen Proxykräfte steht, die die Reparatur verhindern".

"Das Leben für die Zivilbevölkerung soll unmöglich gemacht werden"

Für Cockburn zeigt sich hier die dahinterstehende Absicht wie auch in weiteren Aspekten, etwa dem Bündnis mit den islamistischen Milizen, deren Feindseligkeit gegenüber Kurden ("Tötet die Schweine, tötet die Ungläubigen") bekannt ist: Es geht nach seinen Beobachtungen um "ethnische Säuberungen". Kurden sollen mit allen Mitteln aus dem Grenzgebiet vertrieben werden.

"Das Leben für die Zivilbevölkerung soll unmöglich gemacht werden", ob mit dem Einsatz dramatischer Mittel, wie dem Benutzen von Phosphor-Bomben oder Killer-Aktionen auf der Straße, oder eben mit Mitteln der Zerstörung von Lebensgrundlagen. Über dieses Ziel sei das US-Außenministerium durch ein Memo des US-Diplomaten William Roebuck, der sich vor Ort aufgehalten habe, bestens informiert, so Cockburn.

Nach Aussagen ihres Pressesprechers Mustafa Bali befürchten die SDF, dass die Grenzstadt Kobane (arabisch: Ain al-Arab) "in großer Gefahr" ist. Zwar hätten Russland und die USA Versprechen zum Schutz des Stadt gemacht, aber diesen Versprechen sei nicht zu trauen, so Mustafa Bali. Solche Versprechen habe man schon zu Afrin gemacht und zu Serekaniye (Ras al-Ain) und Tel Abyad (Gire Sipi). Sie seien aber nicht eingelöst worden.

Entrüstung gegenüber russisch-türkischen Patrouillen

Die Entrüstung darüber zeigt sich bei den Stein- und Molotowwürfen, denen die russisch-türkischen Patrouillen in der Nähe von Kobane ausgesetzt waren. Während die mittlerweile achte gemeinsame Patrouille laut dem türkischen Verteidigungsministerium und einem Hürriyet-Bericht nach Plan verlief und offensichtlich ohne Probleme, zeigen Videos ein anderes Bild.

Von kurdischen Medien wird zudem berichtet, dass eine Frau absichtlich von einem Fahrzeug einer russisch-türkischen Patrouille angefahren und verletzt wurde. Vergangene Woche wurde ein Mann von einem Patrouillenfahrzeug überfahren und getötet. Laut dem kurdischen Medium ANF setzte eine türkische Angriffswelle bei Tall Abyad (Gire Spi) nach einer gemeinsamen Patrouillenfahrt türkischer und russischer Truppen ein.

(Thomas Pany)